Wie fühlt sich Russland an?

von Peter Voßwinkel

Kalt. Dunkel. Wodka. Mafia. Kommunismus. Autokratie. Ist das Russland?
Vielleicht ist es besser, einfach alles zu vergessen, was Sie über dieses Land zu wissen glaubten. Die Wahrheit ist möglicherweise ganz anders.

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Größe: 17.075.400 km² (Europa: 3.952.550 km² / Asien: 13.122.850 km²) davon 46 Prozent Wald und 0,47 Prozent Wasserflächen. Höchster Berg: Elbrus 5.642 m. Eisenbahnstrecken: 87.157 km Straßen: 532.393 km Wasserstraßen: 95.900 km. Flughäfen: 2609. Bevölkerung: 142.400.000 (Europa: 104.000.000 / Asien: 38.400.000 Stand: Anfang Juli 2006) Einwohner. Davon leben in der Stadt: 73,3 Prozent.

Wie kann man diesen Riesen erfassen?

Stellen Sie sich auf ein Bein, schließen Sie die Augen, und warten Sie ab, was passiert. Ihnen wird vermutlich sehr bald schwindlig, weil Ihr Gleichgewichtssinn keinen Orientierungspunkt hat.

So ungefähr ergeht es einem neuen Besucher in Russland.

Das Land: groß. Wirklich groß

Russland umschließt ein Territorium von ungefähr 17 Millionen Quadratkilometern, ein Gebiet, in dem Westeuropa, Skandinavien und die USA zusammen Platz haben. Deutschland ist etwa so groß wie die Burjatische Republik. Die liegt am östlichen Baikalufer und ist bloß ein Tüpfelchen auf der russischen Landkarte. Russland reicht vom nördlichen Eismeer bis ans Schwarze Meer, vom ewigen Eis nördlich des Polarkreises (Sibiriens hoher Norden) bis zum blühenden Lotos im Mündungsdelta der Wolga am Kaspischen Meer. Die Wolga ist übrigens Europas längster Fluss. Es gibt Dauerfrostboden in Sibirien, etwa ab dem 60. Breitengrad. Auf dem liegt auch Oslo. Und Palmen im Fernen Osten auf dem 42. Breitengrad. Auf dem liegt ungefähr Nizza. Von den 24 Zeitzonen der Erde sind in Russland elf vertreten.

Mehr als die Hälfte des russischen Territoriums nimmt mit zirka 12,8 Millionen Quadratkilometern und etwa 25 Millionen Einwohnern Sibirien ein. Dort gibt es die meisten Bodenschätze, unter anderem Gas und Öl, aber auch, wie die Russen sagen: die gesamte Mendelejew’sche Tabelle (das Periodensystem der Elemente). Das ist nicht übertrieben, Jakutien zum Beispiel ist reich an Diamanten. Diese Bodenschätze sind für Russland von existenzieller Bedeutung. Allerdings ist die Erschließung der Gebiete nicht nur enorm teuer, sondern auch ein Unterfangen mit ungewissem Ausgang. Wie baut man zum Beispiel Brücken und Straßen angesichts eines Flusses wie dem Amur, mit Pegelschwankungen von acht Metern im Jahr?

Der Baikalsee ist der tiefste Binnensee der Welt und das größte Süßwasservorkommen der Erde. Zwei Drittel der dort vorkommenden Tiere und Pflanzen gibt es nirgendwo anders auf der Welt. Die Taiga ist das größte zusammenhängende Waldgebiet der Erde, und sie wird alljährlich von verheerenden Waldbränden heimgesucht. Es gibt dort kostbares und widerstandsfähiges, weil langsam gewachsenes, Holz, von dem aber ein nicht geringer Teil in Japan zu Essstäbchen verarbeitet wird – weil es so billig ist. Die Russen sind derzeit nicht in der Lage, ihre Wälder selbst zu bewirtschaften, und sie haben es auch früher kaum getan.

Mit einer durchschnittlichen Bevölkerungsdichte von 8,3 Einwohnern pro Quadratkilometer ist Russland eines der am dünnsten besiedelten Länder der Welt. Doch es gibt auch Millionenstädte: Moskau und St. Petersburg sind die größten, in Sibirien gehören Nowosibirsk und Omsk dazu. Nowosibirsk hat von Mai bis August mehr als 1100 Sonnenstunden, mehr als der Nordkaukasus oder Moskau. Es ist also nicht nur dunkel und kalt in Sibirien: Dank Kontinentalklima sind sommerliche 30 Grad keine Seltenheit – winterliche minus 40 Grad aber auch nicht.

Im gesamten Land wird russisch gesprochen. Hamburg und Stuttgart liegen wenige hundert Kilometer auseinander – wie unterschiedlich klingt das Deutsch in beiden Städten? Im Russischen dagegen gibt es kaum dialektbedingte Veränderungen, und das bei einer Ost-West-Ausdehnung des Landes von fast 10 000 Kilometern.

Es geht nicht darum, all diese Superlative, die auch aus einem sowjetischen Propagandafilm stammen könnten, zu bewundern. Aber Russland zu verstehen könnte damit beginnen, sich die geografischen und klimatischen Spezifika anzusehen. Daraus ergeben sich Fragen. Zum Beispiel: Wie fühlt man sich in einem Land, dessen Grenzen man kaum erfassen kann? Unendlichkeit kann ebenso Freiheit bedeuten wie auch Ungewissheit über das, was hinter dem Horizont liegt. Spürbare Grenzenlosigkeit kann Angst und Aggressionen wecken oder Lethargie erzeugen, weil ein Maß fehlt. Russland hat eine Grenzlänge, die der Hälfte des Äquators entspricht. Wie schützt man eine solche Grenze? Welches Land war jemals in einer solchen Situation? Könnte die den Russen nachgesagte Festungsmentalität damit etwas zu tun haben? Oder ihr manchmal sorgloser Umgang mit der Natur?

Stellen Sie sich vor, Sie fahren nach Russland. In ein Land, das nicht Sie in sich aufnehmen werden, bevor Sie wieder nach Hause fahren; es wird umgekehrt sein: Dieses Land wird Sie in sich aufnehmen. Mit all dem Fremden und auch Befremdlichen, das einen manchmal fragen lässt: Wie kann es sein, dass Extreme so nah beieinander liegen können? Es umfängt Sie ebenso mit der Melancholie des weiten menschenleeren Landes wie mit der Intensität seiner Menschen und den Kirchen wie aus einem Märchenland. Mit Städten und Dörfern, die aussehen, als hätte niemand aufgemacht, als die moderne Zivilisation angeklopft hat, und so ist sie wieder gegangen. Mit veralteten, verwahrlosten Industrieanlagen, maroden Gebäuden, verseuchten Gewässern und Armut, aber auch mit dem Charme einer lang vergangen geglaubten Zeit. Und doch ist man nur ein paar Kilometer weiter in einer modernen Stadt, mit einer Einkaufsmeile protzig und trotzig wie in Westeuropa.

Aus irgendeinem offenen Fenster hört man Musik und die strengen Kommandos einer Lehrerin. Die russischen Mädchen tanzen wieder. Dann sieht man Grünanlagen, gepflegt wie in Sowjetzeiten. Sie gönnen sich also wieder Blumen. Sie kommen zu sich. Aber dann spuckt einem jemand vor die Füße. Einfach so. Dort liegt ein Betrunkener. Der Platz vorm Bahnhof sieht aus, als würden er und der Betrunkene zusammengehören, irgendwie verdreckt und lieblos. Das Bahnhofsgebäude dagegen ist großartig, und jetzt, da es restauriert ist und blitzsauber in frischem Weiß oder Grün erstrahlt, wirkt es beinahe charmant. Es geht also vorwärts. Oder nicht? Ein paar Meter weiter bettelt eine sehr armselig und nicht besonders sauber gekleidete ältere Frau. Was sie bekommt, wird sie nicht für Essen verwenden, sondern in die Kirche zu ihrem Herrgott tragen. Und es wird ihr gut gehen dabei.

Der Russe: ist im Grunde zwei Russen

Außerhalb der großen Metropolen scheint es in Russland auf den ersten Blick so zu sein, wie es immer war: bunt und behäbig. Die Menschen sind wie ein Teil dieses weiten Landes, das sich selbst genügt, das oft Brachland ist, das sie aber eigentlich ernähren könnte. Sicher, in manchen Gebieten nur mit großer Anstrengung. In anderen aber besser, als es sich die Russen selbst zutrauen. Der russische Historiker und Sibirienforscher Gorjuschkin sagt, 1914 hat Russland mehr Geld mit dem Export von sibirischer Butter verdient als mit dem Export von Gold.

Man kann schlecht sagen: Die Russen sind so oder so. Es ist, als würde ein unsichtbarer Riss durch sie hindurchgehen. Man weiß nicht, wann und wo der sichtbar wird und was dann passiert. Herzenswärme und Rücksichtslosigkeit liegen so nah beieinander, dass es für Menschen aus dem Westen manchmal schwer fassbar ist. Dazu kommt das Temperament. Gemäßigt sind die Russen eher nicht. Sie leben im Heute und können sich schnell auf neue Situationen einstellen. Und wenn sie etwas wollen, dann jetzt, und das Bestmögliche. Als gäbe es kein Morgen.

Die Russen haben ihre wunderbaren melancholischen Lieder und Träume von einem schönen Leben und ewiger Liebe in Stolz und Würde. Das heißt aber nicht, dass sie am nächsten Morgen aufstehen und etwas dafür tun. Das wäre ihnen wohl zu profan.

Sie sind gastfreundlich, überschwänglich, sie sehen dem Fremden in die Augen und nehmen ihn, wie er ist. Was zählt sind Aufrichtigkeit und Menschlichkeit. Wenn man hier einen Freund gewonnen hat, dann einen selbstlosen fürs Leben. Aber ebenso findet man einen pragmatischen Verstand, eine manchmal bestechend einfache Logik und ein ziemlich nüchternes und konsequentes Nutzendenken.

Gelegentlich ist den Russen ein sehr feiner und trockener Humor eigen, aber es gibt auch derbe Witze und die Schimpfsprache „Mat“, die im Beisein von Frauen nicht benutzt werden sollte – auch wenn die sie natürlich kennen. Die russische Sprache ist reich genug, um mit zehn verschiedenen Sätzen ein und denselben Sachverhalt kultiviert zu formulieren. Die Russen haben Puschkin, der eigentlich nur im Russischen wirklich gut klingt. Wie Eugen Onegin, wenn er nicht auf dem O, sondern auf dem e betont wird. Ein Besuch im Russischen Museum in St. Petersburg oder der Tretjakow-Galerie in Moskau ist für einen unerfahrenen Westmenschen eventuell eine Entdeckung, wenn er sieht, dass es in der russischen Malerei mehr gibt als Ikonen und Kandinsky: Surikow und Serow gehören dazu, Lewitan, Repin und viele andere. Es existiert da eine kraftvolle Bildsprache, die manchmal befremdlich ist, so ganz anders als Tizian oder Rembrandt, und doch nahe und eigentümlich vertraut.

Die Ex-Republiken: kleine Schwestern mit großen Brüdern

Es gab früher 15 Unionsrepubliken. Sie alle haben ihre Sprachen, kulturellen Traditionen, Religionen und ihrer Kultur entsprechende Umgangsformen. Zwischen denen und der russischen Kultur liegen manchmal Welten und Jahrhunderte: Die Armenier haben vor 1700 Jahren das Christentum angenommen. Die Georgier hatten schon eine Schriftsprache, als Russland noch dabei war, sich zu finden – den ersten russischen Staat gab es im 9. Jahrhundert.

Für Russen waren Russland und die UdSSR fast eins. Sie haben die Idee der UdSSR in die Republiken getragen, mit Fachleuten, aber auch mit Waffen. Wirtschaftsbeziehungen wie Infrastruktur waren auf einen großen Staat ausgerichtet. Russisch war überall erste Amtssprache, weshalb es für viele Russen, die in den Unionsrepubliken lebten, nicht selbstverständlich war, auch deren nationale Sprache zu erlernen. Manche fanden schon die Frage danach unverständlich: Die Menschen sind doch alle sowjetisch, hieß es dann. Das stimmte und stimmte nicht. Sowjetisch waren sie alle – nach ihrer Staatsbürgerschaft. Aber jeder hatte auch eine Nationalität. Die war wichtig für das eigene Selbstverständnis, und es war nie anstößig, danach zu fragen.

Die Sowjetisierung hatte zum Ziel, einen neuen Menschen zu schaffen, den „stolzen Sowjetmenschen“, doch sie trug auch stark russische Züge. Russland war die große Schwester, die sich am wenigsten ändern musste und sich allerhöchstens selbst im Weg stand. Jetzt bekommt die große Schwester im Baltikum oder im Kaukasus einen Hass zu spüren, den sie selbst gesät hat. Und hinter manch kleiner Schwester stehen nun große Brüder aus dem Westen. Ob die ihnen besser bekommen werden, wird die Zukunft zeigen.

Die Sowjetunion: Ideale und Schrecken

Es gab in der Sowjetunion tatsächlich das Verständnis vom Vielvölkerstaat. Die Völker der UdSSR wurden vereinigt unter der Idee, eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Die war verbunden mit dem Glauben, jede wie auch immer geartete Herausforderung annehmen zu können und sie erfolgreich zu bewältigen. Zuerst einmal wurde das riesige Territorium bewältigt. Alle hatten genug zu essen, und fast jedem war die beste Hochschulausbildung zugänglich. Das war die ruhmreiche Sowjetunion, von der die vielen Plakate des Sozialismus’ kündeten. Das Ideal des Sowjetmenschen, dargestellt in stolzen Gesichtern: Der feste Blick aus stahlgrauen Augen in eine lichte Zukunft gerichtet, die in der Ferne zu erahnen ist. Personifiziert in Juri Gagarin, dem ersten Menschen im Weltall. Die einigende Vision.

Der Kern der sowjetischen Ideologie bestand darin, treu zum Staat zu stehen, sich keiner politischen oder moralischen Verfehlungen schuldig zu machen und nie die allmächtige Weisheit der Partei zu hinterfragen. Dafür war man Teil der schützenden Gemeinschaft und erhielt für viele Fragen bequeme Antworten. Recht und Unrecht waren klar definiert. Auf den ersten Blick erschien alles einleuchtend, und für den, der unkritisch folgen wollte, auch auf den zweiten und dritten. Doch wer von diesen Glaubenssätzen abkehrte, musste sich sehr genau überlegen, welche Folgen das haben würde für ihn selbst, die Familie und Freunde.

Es gibt Millionen Menschen, die ihre Traumata aus der Sowjetzeit nicht mehr loswerden. Sie leben in der Schizophrenie, die schlimmsten nur denkbaren Demütigungen erlebt zu haben, und gleichzeitig Teil jener Bewegung gewesen zu sein, die im Westen als „das russische Wunder“ bezeichnet wurde.

Das Wunder war in der Tat groß im Anspruch und gewaltig in den Dimensionen. Es war mit all den Fehlern behaftet, die auftreten, wenn es keine Zeit zur Vorbereitung gibt und die Ausgangslage schlecht ist: Drei Viertel der Menschen waren zu Beginn der Sowjetzeit Analphabeten. Die Sowjetunion wurde in Rekordzeit industrialisiert, ebenso schnell fand der Aufbau des Staates mit seinem modernen Bildungs- und Sozialsystem statt.

Mit Gorbatschow begann die neue Zeit so, als läuteten die Kremlglocken Sturm – und der Eiserne Vorhang wurde gleich mit runtergerissen. Majestäten wurden über Nacht gestürzt, Zeitunglesen wurde spannend, und im Westen lernte man, dass Transparenz auf Russisch Glasnost heißt. Euphorie und Hoffnung auf der einen Seite, Chaos und Anarchie auf der anderen, wie in einem Haus, in dem man alle Fenster und Türen aufreißt: Was nicht fest verankert ist, weht durcheinander oder hinaus. Als es mit der Sowjetunion zu Ende ging, waren Recht und Unrecht nicht mehr klar zu unterscheiden. Gewonnen hatte, wer sich clever genug aus der Konkursmasse der UdSSR bediente und für den Raubritterkapitalismus der neunziger Jahre gewappnet war.

Gott und der Staat: beten und hoffen

Die russisch-orthodoxe Kirche, früher wichtiger Teil der russischen Staatsidee, von Lenin als „Opium für das Volk“ verdammt und von Stalin 1940 wieder zugelassen, ist heute so lebendig, als hätte es nie eine Kirchenverfolgung gegeben. Gotteshäuser entstehen in Rekordtempo oder werden restauriert, nicht selten mit privatem Geld. Öffentliche Prozessionen sind wieder selbstverständlich. Es ist eine Religion, die von den Gläubigen nicht viel verlangt: Sie entführt sie in eine mystifizierte Welt, lässt sie die Wärme der Gemeinschaft erleben und kümmert sich um ihr Seelenheil, wofür im rauen Alltag kein Platz ist. So ist es nicht verwunderlich, dass die Kirche seit Beginn der neunziger Jahre massenhaften Zulauf hat, und auch die weltliche Macht sich gern von ihr segnen lässt. Selbst der Landesvater bekennt sich zu ihr.

So gern wie an Gott erinnert man sich an die Zeit als Großmacht, und hinter dem Begriff der großen Nation Russland steht die Hoffnung, dass es wieder so werden könne. Die Idee des starken Staates ist immer noch unangefochten. Dafür gilt er aber auch weiter als unberechenbar: Je nachdem, wohin das Pendel der Staatsmacht ausschlägt, wird es von verschiedenen Bevölkerungsgruppen begrüßt oder mit verhaltenem Argwohn betrachtet. Genaueres erfährt man, wie in alter Sowjetzeit, nur bei Freunden am Küchentisch oder neuerdings auch im russischen Internet.

Der starke Präsident, für den man sich im Ausland nicht zu schämen braucht und der doch Russe ist, mutet, obwohl ganz und gar nicht väterlich, ein wenig wie Väterchen Zar an. Man kann in ihn allerlei hineinwünschen. Selbstverständlich erwartet man von ihm Strenge und dass er Ordnung schafft. Er trinkt nicht, raucht nicht, ist sportlich und kann sich im Kreis der Großen bewegen. Man zollt ihm Respekt. Und der Erfolg gibt ihm Recht: In den vergangenen Jahren lief es wirtschaftlich nicht schlecht.

Die dunkle Seite: Gewalt und Neid

Ein russischer Journalist schrieb vor einiger Zeit in der »Iswestija«: 40 Prozent der Russen leben unter der Armutsgrenze. Andererseits verfügen immerhin etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung über ein hohes Einkommen – das sind rund 30 bis 40 Millionen Russen. Die Schwarz-Weiß-Einteilung der Russen in sehr wenige Superreiche oder Oligarchen (die Bösen) und die betrogene Masse der vielen Millionen, (die Guten) könnte also zu kurz gefasst sein.

Dafür gibt es im Alltag genug anderes Konfliktpotenzial, das sich aus Gewohnheiten speist und aus einem bestimmten Kulturverständnis im weiteren Sinne. Zum Beispiel Gewalt. Was im Westen als Grenzüberschreitung betrachtet wird, wird in Russland oft als normale Härte des Alltags angesehen, die man auszuhalten hat und weitergibt. Oder sie ist eine Gewohnheit, über die gar nicht mehr nachgedacht wird.

Hinzu kommen wachsende xenophobe Tendenzen in der Bevölkerung. Die Fremdenfeindlichkeit wird damit entschuldigt, dass es für die eigene Misere einen Schuldigen geben muss, oder auch mit dem jahrhundertelangen Kampf des Westens gegen die Slawen. Diese Idee durchzieht die russische Geistesgeschichte wie ein roter Faden und ist seit den späten Sowjetjahren auch im Verständnis der Moderne zu finden: Wer sich in Richtung Zukunft aufmacht, muss sich entscheiden, ob er russisch bleibt oder sich westlich orientiert, um den scheinbaren Makel des Russischseins abzulegen. Eventuell ist damit zu erklären, dass man im heutigen Russland in guten Hotels oder teuren Restaurants manchmal besser behandelt wird, wenn man englisch statt russisch spricht.

Ebenfalls nicht gering ist der sehr destruktive Sozialneid. Etwa der Gedanke: Was der Nachbar besitzt und man selbst nicht, hat er auch nicht zu haben – also kann man es ihm getrost kaputt machen. Die russische Soziologin Tatjana Saslawskaja hat es als das Syndrom der Heranwachsenden bezeichnet – also pubertär. Russen nennen es auch den schwarzen Neid.

Und schließlich existiert ein Primitivismus, der mit Xenophobie und Sozialneid verwandt zu sein scheint und sehr leicht politisch kanalisierbar ist. Dumpfer Kaukasierhass ist ein Ausdruck desselben, und auch der Antisemitismus aus sowjetischen Zeiten ist nicht weit weg davon.

Die Zukunft: Selbermachen für Fortgeschrittene

Es gibt viele, die sich aufgemacht haben, ihr Leben in die Hand zu nehmen, die manchmal in alten Büros arbeiten, mit alten Möbeln und nicht besonders modernen Computern. Hauptsache sie funktionieren. Diese kleinen Firmen haben professionell gestaltete Websites und man kann mit ihnen gut zusammenarbeiten. Sie verstehen ihr Fach, sind meist verlässlich, und ihre Mitarbeiter sind entweder relativ jung, um die 30, oder ältere, sehr gute Fachleute. Sie krempeln die Ärmel hoch, weil sie leben wollen und wissen, dass sie sich ihre Chancen nur selbst schaffen können.

Es gibt sie in der Software-Branche, wie zum Beispiel Novosoft in Nowosibirsk, mit mehr als 400 Mitarbeitern und sogar einer Dependance in Deutschland. In der Touristik sind neue Firmen und Einzelunternehmer weit verbreitet, und es gibt viele private Restaurants. Einige Biografien haben eigentümliche Brüche: etwa eine Professorin in Moskau, die ein erfolgreiches Sicherheitsunternehmen betreibt und es sich damit leisten kann, gelegentlich an ihrem Institut zu unterrichten – sie muss davon nicht mehr leben.

Von der neuen Businesselite heißt es im Westen, sie sei arrogant. Und sie ist es. Wer mit ihr Geschäfte machen will, sollte in seinem Fach sehr sattelfest sein und gute Nerven haben. Die modernen russischen Manager trifft man meist in international ausgerichteten Firmen, in Banken und anderen Finanzdienstleistungsunternehmen. Sie unterscheiden sich von früheren wirtschaftlichen Entscheidungsträgern nicht nur durch eine meist exzellente Ausbildung, die sie nicht selten in den USA erworben haben. Sie haben außerdem den unbedingten Willen zum Erfolg, gepaart mit russischen Überlebensfähigkeiten.

Nicht wenige sind schnell reich geworden, gelegentlich hart an der Grenze der Legalität, und sie schämen sich nicht, ihren Reichtum zu zeigen. Weshalb man sie im Westen oft nicht mag. Sie leben in der Gewissheit, dass einflussreiche Menschen ein starkes Interesse daran haben, dass ihnen nichts zustößt. Aber sie wissen auch, dass ihnen trotzdem „zufällig“ ein Ziegelstein auf den Kopf fallen kann. Der Frieden mit dem Staat hängt von einem sensiblen Gleichgewicht der Interessenwahrung ab, deshalb bleiben sie lieber unter sich und haben Bodyguards.

Daneben gibt es natürlich noch die Alten, zu denen auch junge Russen gehören. Sie sind nicht in der neuen Zeit angekommen und sehnen sich zurück nach dem früheren, bescheidenen Leben, das ohne all diesen Stress auskam. Und nach dem wärmenden Schutz der Gemeinschaft. Die Löhne waren bescheiden, die Renten kaum als solche zu bezeichnen. Doch das einfachste Brot kostete nur 18 Kopeken, also 1 Cent, die Miete war bezahlbar, und jeder hatte Arbeit. Bei diesen Menschen erzeugen Visionen eher Angst, als dass sie mobilisieren. Und sie haben einen Verbündeten: den immer noch mächtigen, gewohnt behäbigen Beamtenapparat.

Zum Glück sind da noch die russischen Frauen. Die sind emanzipiert, haben aber ein anderes Selbstverständnis als im Westen. Die russischen Frauen haben das Land zusammengehalten und die Familien sowieso. Sie sind sehr gut ausgebildet und haben selbstverständlich auch in leitenden Positionen gearbeitet, in Wirtschaft und Wissenschaft, wenn auch meist nicht auf den am besten bezahlten Posten. In den neunziger Jahren wurden sie massenhaft entlassen, und nun sind sie wieder in der Situation, in der sie immer waren: Was sie wollen, werden sie selbst schaffen müssen. Man trifft sie als Mama oder Oma, als Ehefrau wohlhabender Männer in West und Ost. Und auch als Geschäftsfrau von betörender Weiblichkeit: fachlich topfit, knallhart in den Entscheidungen und sehr sicher im Auftreten.

Die Vision: der Konsens-Kapitalismus

Wie klingt nach all dem die oft gestellte Frage: Ist Russland demokratiefähig? Die Gegenfrage wäre: Passen in Russland westliche Demokratiemodelle? Man könnte auch fragen: Wollen Russen unsere Art Demokratie überhaupt? Sicher, die Vision der Mahner, Warner und Intellektuellen ist ein demokratischer Staat. Man liest von ihnen gelegentlich einen Artikel in einer Zeitung oder ein Buch, und es gibt Zirkel, in denen darüber diskutiert wird. Aber momentan ist in Russland nicht die Zeit für große Diskussionen.

Es gibt in Russland die Erfahrung mit einheitlichen Normen und Gesetzen, die ein Minimum an Fairness gewährleisten – zumindest nach der sowjetischen Ideologie. Aus diesen sowjetischen Erfahrungen resultierten ein bestimmtes Denken und bestimmte Machtmechanismen. Beides hat, gesamtgesellschaftlich gesehen, lange Zeit funktioniert. Manche Regeln gelten sogar heute noch, etwa im Gesundheitswesen. Obendrein müssten neue Modelle durchgesetzt werden, und das in einem der größten und am dünnsten besiedelten Länder der Welt, das auf zwei Kontinenten liegt und im Austausch mit der abendländischen und der asiatischen Kultur steht, das China und Japan als Nachbarn hat, aber auch die EU. Außerdem müsste so ein Modell auch für die nichtrussischen Völker im Land passen, etwa die knapp sechs Millionen Tataren, von denen viele Muslime sind.

Der Minimalkonsens ist klar: Ein menschenwürdiges Leben beginnt im Osten wie im Westen mit einem Dach über dem Kopf, ausreichend zu Essen, Kleidung, Bildung und medizinischer Versorgung. Es schließt die Unverletzlichkeit der Person und deren Menschenwürde ebenso ein wie den Grundsatz der gesellschaftlichen Gleichheit. Aber das kann nur ein Anfang sein.

Vielleicht steht diesem Land zwischen dem Doppeladler aus der Zarenzeit und der sowjetischen Nationalhymne, die nun auch die russische ist, die wirkliche Zerreißprobe noch bevor. Dafür bräuchte Russland dringend einen gesellschaftlichen Konsens und ganz neue Antworten. Aber vielleicht entsteht auch ein neuer Konsens, indem sich Russland neu erfindet.

Wie wäre es, wenn sich in diesem verrückten Land ein neuer Kapitalismus entwickelte? Wahrscheinlich wäre dieser Kapitalismus nicht nur erfolgshungrig und frisch, sondern hätte auch die Kraft, ein neues russisches Wunder aus sich selbst heraus zu erschaffen.

Aber wäre der Westen darauf vorbereitet?

Artikel “Der fremde Riese” aus brand eins 7/2004 von Katya Ton,
leicht verändert von Peter Voßwinkel.

Ab 2008 wird gemeinsam mit der taz eine Reise: “Zu banalen und neotouristischen Orten” nach Moskau angeboten. Näheres bald unter: www.taz.de und www.inmoskau.eu.

Empfehlenswerte Berichte aus Moskau und Russland schreiben: Klaus-Helge Donath – www.taz.de, Gisbert Mrozek – www.moskau.ru, Johannes Voswinkel – www.zeit.de.


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