Keine Scherze bei Eurovision: put in = put out
von Peter VoßwinkelDer Liederwettbewerb der Eurovision der seit 1956 jährlich von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) im Rahmen der Eurovision veranstaltet wird hat im Vorfeld der diesjährigen Austragung in Moskau seinen Skandal.
Die georgische Popgruppe “Stephane and 3G”, die ihren Song auf Englisch präsentieren wollte, erregte mit dem Lied “We don´t wanna put in” die Gemüter der Putin-Anhänger. Grund der Erregung ist ein Wortspiel in den Textzeilen “We don’t wanna put in, Cuz negative move, It’s killin’ the groove, I’m gonna try to shoot in, Some disco tonight, Boogie with you.”
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Diese harmlosen Zeilen erregten Kreml-Sprecher Dimitri Peskow, er warf den Georgiern “musikalisches Rowdytum” vor. Sein Gegenspieler Chanturia erklärte, der Georgische Rundfunk habe gegen das Verbot des Liedes bei der EBU Protest erhoben.
Kritiker werfen der EBU vorauseilenden Gehorsam gegenüber Russlands Regierung vor. Die Geschichte des Song Contests, der immer wieder für politische Äußerungen genutzt wurde, spricht für sie.
Georgien sagt Teilnahme am Eurovisios Liederwettbewerb ab
Aus Protest gegen die Ablehnung seines Beitrags hat Georgien seine Teilnahme am diesjährigen Eurovision Song Contest ganz abgesagt. “Wir werden weder den Text ändern noch mit einem neuen Lied antreten – wir gehen nicht nach Moskau”, teilte eine für die Kandidatenauswahl zuständige Produzentin des georgischen Fernsehens mit. Ihr sei es nach wie vor “schleierhaft”, warum die Veranstalter des Wettbewerbs den Beitrag der georgischen Popgruppe Stephane and 3G abgelehnt hätten. “Wir haben bis heute keine eindeutige Begründung erhalten”.
Die Europäische Rundfunkunion (EBU) als Organisator des altehrwürdigen Schlager- und Pop-Wettbewerbs hatte am Dienstag mitgeteilt, dass Georgien mit seinem Putin-kritischen Lied am Finale Mitte Mai in Moskau nicht teilnehmen kann. Zur Begründung hieß es, der Beitrag verstoße gegen Punkt 6 der Teilnahmebedingungen, wonach keine Texte oder Gesten “mit politischem oder ähnlichem Charakter” zugelassen seien.
Teilnahmeregeln Eurovision Song Contest
1. Das Lied darf nicht länger als 3:00 Minuten dauern.
2. Die Interpreten müssen mindestens 16 Jahre alt sein.
3. Jeder Interpret darf in einem Jahr nur für ein Land antreten.
4. Es dürfen nicht mehr als sechs Personen auf der Bühne mitwirken.
5. Das Lied muss live gesungen werden.
6. Lied oder Auftritt dürfen keine politische Botschaft enthalten oder dem Wettbewerbsimage schaden.
7. Beim Auftritt dürfen keine Tiere mitwirken.
8. Die Lieder dürfen frühestens am 1. Oktober des Vorjahres veröffentlicht werden (diese Regel wurde 2003 eingeführt, nachdem immer mehr Titel als Downloads im Internet auftauchten).
9. Es muss sich um einen Originalsong handeln, darf also keine Coverversion eines älteren Liedes sein.
10. Die Instrumental-Musik wird als Playback eingespielt. Zum letzten Mal wurde den Interpreten 1998 die Möglichkeit geboten, sich durch ein Orchester live begleiten zu lassen.
Der Entscheidung vorausgegangen waren wochenlange Proteste in Russland gegen das Disco-Lied der georgischen Gruppe: Der englische Text “We don’t wanna put in” – klingt auf der Bühne wie “Wir wollen Putin nicht”. Nach dem russischen Einmarsch im vergangenen August in der abtrünnigen georgischen Region Süd-Ossetien klingen auch andere Teile des Textes wie eine Anspielung. Georgien hatte sich zu diesem Beitrag entschlossen, nachdem es ursprünglich den Song Contest in Moskau boykottieren wollte.
Stephane and 3G-Produzent Kachaber Ziskaridse vermutete Druck aus Moskau hinter der RBU-Entscheidung. Das Lied habe keinen politischen Kontext, bekräftigte er: “An welcher Stelle finden sich politische Aussagen oder Beleidigungen?”, sagte er.
Deutschland wird übrigens vom amerikanischen Sänger Oscar Loya vertreten.
Immerhin wird das Lied vom Hamburger Musikproduzenten Alex Christensen (41, „Du hast den schönsten Arsch der Welt“) produziert mit dem der US-Sänger Oscar Loya (29) beim Finale des Eurovision Song Contest am 16. Mai in Moskau für Deutschland an den Start gehen wird. Mit dem Titel „Alex swings Oscar sings“ will das auf den ersten Blick ungleiche Duo den Sieg für Deutschland nach 27 Jahren endlich wieder einmal nach Hause holen.
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Kleiner Scherz am Rande: Gastgeber Russland wird von einer Ukrainerin vertreten.
Die 21-jährige Siegerin des russischen Pendants von “Deutschland sucht den Superstar” war von russischen Fernsehzuschauern und einer Jury einhellig gewählt worden. Ihr Titel “Mama” besteht aus mehreren russischen Strophen und einem ukrainischen Refrain. Prichodkos Produzent Konstantin Meladse verteidigte die Wahl als “korrekt und passend”: “Dies ist ein wahrhaft internationales Lied”, sagte er. “Die Musik stammt von einem Georgier, die Hälfte des Textes von einem Esten – und interpretiert wird es von einer Ukrainerin.”


Das war vorauszusehen. Fast nirgends ist man in Russland empfindlicher als bei Putin. Während über Puschkin in Russland gesagt wird, er sei “unser Ein und Alles” (russisch: nasche wsjo), heißt es seit einiger Zeit zu Putin, er sei ” unser für immer” (nasche na wsegda). Das lernen nicht nur Georgier, sondern auch Russen sehr schnell. Gegen einen Demonstranten im Fernen Osten hat die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Er hatte gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung mit dem Plakat “Putler kaputt” protestiert und den Für-Immer inganz nganz schlechte Gesellschaft gerückt.
Mehr über solche und andere russische Modernierungsschmerzen gibt es in meinem Blog unter http://www.russlandblog.boell.de