Der Mai ist gekommen …

von Peter Voßwinkel

Es wurde fleißig demonstriert und ausgereist.

Eine Demo organisierte die „Föderation der unabhängigen Gewerkschaften“, die gemeinsam mit der Partei „Einiges Russland“ über die Twerskaja Uliza zum Twerskaja Ploschtschad zog.

Eine andere Demo organisierte die Partei des „Gerechten Russland“, über Boulevard-Ring zum Puschkin-Platz.

Eine weitere Demo organisierten die Kommunisten. Sie liefen vom Kaluschskaja-Platz zum Teatralnaja Proesd beim Bolschoj Theater.

Noch eine Demo veranstaltete die Partei „Jabloko“. Sie versammelte ihre Unterstützer auf dem Bolotnaja-Platz.

Und noch eine Demo beantragte die Bewegung „Solidarnost“. Sie trafen sich auch auf dem Bolotnaja-Platz.

Die nationalistischen Organisationen DPNI und „Slawische Union“ liefen über den Krasnopresnenskaja-Platz.

Das Volk reiste aus. Sie fuhren mit ihren Limosinen zu den Datschen und mit den beliebten Aeroexpressen über die Flughäfen Domodedowo, Vnukowo und Scheremetjewo in die weite Welt.


Ein Kommentar zu "Der Mai ist gekommen …"

  1. Lieber Peter Voßwinkel,

    Deine Bilder vom 1.Mai in Moskau sind ein wunderbarer Gegensatz zu den 24 Photos, die spiegel-online noch in der Nacht auf den 2.Mai ins Netz stellte, ebenfalls mit laufenden Bemerkungen dazu. Es sind martialische Demonstranten-Bullen-Kampfphotos. Alles Spielerische, das wir wahrnahmen – und wir waren immerhin mittendrin, genauer gesagt: auf der Galata-Brücke am Kottbusser Tor, wo direkt unter uns immer mal wieder auf der Straße “gekämpft” wurde – ist mit seiner komischen kurzen Brennweite-High-Technik eliminiert. Übrig blieb das Sensationelle zwischen unscharfem Vorder- und Hintergrund.

    Es gab vier oder fünf Demos an verschiedenen Orten in der Stadt, und laufend änderten sie in ihren Vorankündigungen die Treffpunkte und Routen. In Kreuzberg waren dennoch mehr Leute als früher auf den Demos unterwegs, aber auch mehr Amüsierpöbel auf der von allen Seiten mit lauter Scheißmusik beschalten Flaniermeile “Myfest” des Bezirks Kreuzberg, der 200 Bands und 100 Ordner verpflichtet hatte.

    Zusammen waren dort vielleicht 35.000 Menschen unterwegs. Die Flanierer interessierten sich jedoch überhaupt nicht für die kleinen Straßenschlachten um die Ecke. Sie wollten tanzen, essen und trinken – und flanieren. Besonders erboste es die Anwohner, dass sie überall hinpissten. Die Kneipentoiletten waren überfüllt – alle Wirte nahmen 50 Cent für ihre Benutzung – und der Bezirk Kreuzberg hatte sich geweigert, “Toi-Toi-” oder “Dixie”-Klos aufzustellen, solche wie Du oben in Moskau phographiert hast. Sie waren ihm zu teuer und außerdem hätte man sie leicht zu (brennenden) Barrikaden umfunktionieren können – was noch teurer gekommen wäre. Kurzum:

    Kann es vielleicht sein, dass die Geschichten, die man früher aus Moskau erfuhr, sich nun in Westberlin abspielen – und umgekehrt?

    Gruß
    Helmut Höge