Verbotene Kunst in Moskau

von Peter Voßwinkel

Achtung Sie müssen jetzt selbst entscheiden. Durch klicken auf die schwarze Fläche werden einige Kunstwerke erscheinen, die Sie möglicherweise auf´s äußerste provozieren und Sie in ihren religiösen Empfindungen verletzen. Sie klicken also auf eigenes Risiko.

Machen Sie hier niemandem einen Vorwurf. Sie mussten sich diese Bilder nicht ansehen. Ihre Neugier war also größer als die Gefahr anstößige Bilder zu sehen. So ging es einigen Besuchern auch in der Ausstellung in Moskau, sie kletterten sogar auf eine Leiter um die Werke durch ein Guckloch sehen zu können, später verklagten sie dann die Ausstellungsmacher. Wobei man wohl konstatieren muss, dass einige Kläger die Ausstellung nie besucht haben, sie kannten die Bilder nur vom “hörensagen”.

Man mag es kaum glauben, aber wegen der verdeckten Präsentation solcher Kunst gibt es in Moskau einen ernsthaften Prozess. Der Staatsanwalt spricht von Volksverhetzung – seine Zeugen von Satanismus und Gotteslästerung. Wegen der gezeigten Werke, die religiöse mit politischen Motiven vermischen, droht den Machern einer Kunstausstellung Gefängnis. “Verbotene Kunst 2006″ hieß die Ausstellung der Bilder, die dabei jedoch von hohen Stellwänden verdeckt wurden. Nur wer durch die kleinen Gucklöcher linste, konnte zum Beispiel eine Ikone erkennen, in deren goldenen Rahmen keine Gottesmutter gemalt war, sondern schwarzer Kaviar. Besonders weh hat den russisch-orthodoxen Zeugen jedoch das Kunstwerk von Wagritsch Bachtschanjan getan: Der Erlöser am Kreuz – mit einem Lenin-Orden als Kopf. Das Bild hat Bachtschanjan Anfang der achtziger Jahre gemalt.

Mit Argumentationen aus dem Mittelalter wird ein skuriller Prozess geführt, der eigentlich gar nicht erst hätte beginnen dürfen. In der russischen Verfassung gibt es festgeschriebene Menschenrechte, wie die Freiheit der Meinungsäußerung und die Trennung von Staat und Kirche. Dort wird eine 56-Jährige Zeugin vorgeführt deren Hände vor Erregung zittern. “Für das, was diese Menschen getan haben, bin ich bereit, ihnen die Augen auszukratzen!”

Verletzt eine McDonald’s-Reklame mit dem Konterfei Jesu die Gefühle dieser Frau und anderer Christen? Um diese Frage dreht sich der Prozess, der im Moskauer Taganski-Gericht stattfand. Angeklagt waren Andrej Jerofejew, prominenter Kurator für zeitgenössische russische Kunst, Bruder von Viktor Jerofejew dem Schriftsteller von “Moskauer Schönheit”, “Der gute Stalin” … und Juri Samodurow, ehemaliger Direktor des Sacharow-Zentrums. Der Vorwurf: Volksverhetzung. Nach Paragraf 282 des russischen Strafgesetzes drohen den Angeklagten bis zu fünf Jahre Haft. Besonders der wegen einer ähnlichen Ausstellung schon vorbestrafte Samodurow muss fürchten, tatsächlich im Gefängnis zu landen.

Das Groteske an der ganzen Inszenierung ist, dass die meisten Kunstwerke  in den siebziger und achtziger Jahren entstanden: Sie machten sich über das sowjetische System lustig!


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