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Beiträge für die Kategorie ‘Banale Orte’

04.12.2009

Die Metro unter meinem Haus bei Nacht

von Peter Voßwinkel

Der Moskauer Untergrund ist vielfältig und und ereignisreich. Nächtliche Unruhen können mit einem Ausflug in die Metro verkürzt werden. Gewusst über die Zugangsmöglichkeit. Zu dieser Zeit ist es dort leer und übersichtlich.

Hier ist eine Ladekontrolleinrichtung zu sehen. Sie ist für die Kontrolle der unteren Abmessungen der Züge gedacht. Sollte irgendein herabhängendes Teil diesen Sensorbalken berühren stoppt der Zug.

Die Metro spielt in Moskau eine besondere Rolle.

Manchmal werden nachts auch die Gleise gewaschen.

Neben der Funktion als fast einziges funktionierendes Transportmittel ist sie auch ein Mythos für Moskau.

Das Ende der Sackgassen in denen Züge parken.

Die Hinweisschilder für den getesteten Bremsweg, als Orientierung für die Fahrer.

So sieht es aus zwischen Weißrussisch-radial und Majakowski.

12.10.2009

Спасибо за Кержакова, герр Хиддинк…

von Peter Voßwinkel

Danke für Kerschakow, Herr Hiddink …

27.09.2009

Herbst

von Peter Voßwinkel

200 km östlich von Moskau ist bereits der Herbst eingekehrt.

Auch politisch ist für diesen Herrn bereits lange Herbst. In Kolomna offensichtlich noch nicht.

Zur Überraschung der Nonnenklosterbesucher steht mitten im Obstgarten ein Dromedar.

19.09.2009

Verbotene Kunst in Moskau

von Peter Voßwinkel

Achtung Sie müssen jetzt selbst entscheiden. Durch klicken auf die schwarze Fläche werden einige Kunstwerke erscheinen, die Sie möglicherweise auf´s äußerste provozieren und Sie in ihren religiösen Empfindungen verletzen. Sie klicken also auf eigenes Risiko.

Machen Sie hier niemandem einen Vorwurf. Sie mussten sich diese Bilder nicht ansehen. Ihre Neugier war also größer als die Gefahr anstößige Bilder zu sehen. So ging es einigen Besuchern auch in der Ausstellung in Moskau, sie kletterten sogar auf eine Leiter um die Werke durch ein Guckloch sehen zu können, später verklagten sie dann die Ausstellungsmacher. Wobei man wohl konstatieren muss, dass einige Kläger die Ausstellung nie besucht haben, sie kannten die Bilder nur vom “hörensagen”.

Man mag es kaum glauben, aber wegen der verdeckten Präsentation solcher Kunst gibt es in Moskau einen ernsthaften Prozess. Der Staatsanwalt spricht von Volksverhetzung – seine Zeugen von Satanismus und Gotteslästerung. Wegen der gezeigten Werke, die religiöse mit politischen Motiven vermischen, droht den Machern einer Kunstausstellung Gefängnis. “Verbotene Kunst 2006″ hieß die Ausstellung der Bilder, die dabei jedoch von hohen Stellwänden verdeckt wurden. Nur wer durch die kleinen Gucklöcher linste, konnte zum Beispiel eine Ikone erkennen, in deren goldenen Rahmen keine Gottesmutter gemalt war, sondern schwarzer Kaviar. Besonders weh hat den russisch-orthodoxen Zeugen jedoch das Kunstwerk von Wagritsch Bachtschanjan getan: Der Erlöser am Kreuz – mit einem Lenin-Orden als Kopf. Das Bild hat Bachtschanjan Anfang der achtziger Jahre gemalt.

Mit Argumentationen aus dem Mittelalter wird ein skuriller Prozess geführt, der eigentlich gar nicht erst hätte beginnen dürfen. In der russischen Verfassung gibt es festgeschriebene Menschenrechte, wie die Freiheit der Meinungsäußerung und die Trennung von Staat und Kirche. Dort wird eine 56-Jährige Zeugin vorgeführt deren Hände vor Erregung zittern. “Für das, was diese Menschen getan haben, bin ich bereit, ihnen die Augen auszukratzen!”

Verletzt eine McDonald’s-Reklame mit dem Konterfei Jesu die Gefühle dieser Frau und anderer Christen? Um diese Frage dreht sich der Prozess, der im Moskauer Taganski-Gericht stattfand. Angeklagt waren Andrej Jerofejew, prominenter Kurator für zeitgenössische russische Kunst, Bruder von Viktor Jerofejew dem Schriftsteller von “Moskauer Schönheit”, “Der gute Stalin” … und Juri Samodurow, ehemaliger Direktor des Sacharow-Zentrums. Der Vorwurf: Volksverhetzung. Nach Paragraf 282 des russischen Strafgesetzes drohen den Angeklagten bis zu fünf Jahre Haft. Besonders der wegen einer ähnlichen Ausstellung schon vorbestrafte Samodurow muss fürchten, tatsächlich im Gefängnis zu landen.

Das Groteske an der ganzen Inszenierung ist, dass die meisten Kunstwerke  in den siebziger und achtziger Jahren entstanden: Sie machten sich über das sowjetische System lustig!

05.09.2009

Schöner organischer Underground in Moskau

von Peter Voßwinkel

Moskau ist wünderschön, vor allem unterirdisch.

Die verborgenen unterirdischen Welten der Moskauer Kanalisation faszinieren uns immer wieder.

Dort wo die Elemente sich selbst überlassen sind und frei entfalten können entsteht eine organische Kunst ohne gleichen.

Das Abwasser selbst ist ein bewegendes Konglomerat des Organischen.

Die verschiedenen Farben der Stalagmiten oder Wurzeln der Bäume bilden eine eigene fantastische Kunstart.

Und alles findet seinen Weg durch die betonierten Wände.

Steter Tropfen höhlt eben den Stein.

29.08.2009

Moskau total verstaut

von Peter Voßwinkel

Mit Airbus Berlin in DOMODEDOVO AIRPORT gelandet, dem Aero-Express nach MOSCOW-PAVELETSKAYA gebummelt, durchbrach der wartende Chauffeur die ursprüngliche Absicht die Fahrt mit der angeschlossenen Metro zu vollenden. Die Limousine tastete sich durch die Straßen der Metropole.


Nach Ring, Tangentiale und Durchstich, entgegen der Einbahnstraße, lange Panoramaansichten.

Leider ist der Rote Platz für den Durchgangsverkehr gesperrt. Es wäre eine schöne Abkürzung gewesen.

Manche waren auf dem Weg nach Portugal?

Andere zu Fuß!

Auch große Fahrzeuge kamen nicht durch.

Fünf Spuren bündelten sich zu zweien, ohne Reißverschlusssystem.

Fragen warfen sich auf. Aus welchem Material bestehen eigentlich die Türme der Kathedrale Basilius des Seligen?

In der Kurve ging es an den mit bemalten Gerüstplanen verhüllten Unteren Handelsreihen vorbei. Angeblich werden diese derzeit in ein fünfsterneplus Hotel umgebaut.

In drei Jahren wird man es genau wissen.

Die Sehnsucht nach Portugal wuchs. Wollen die sich wirklich mit Spanien vereinigen?

Auch auf dem anfänglich freien Boulevard staute sich der Verkehr unter der Unterführung.

Auch nach der Unterführung.

Fast kam ein Steak-Wunsch auf. Wir widerstanden dem Appetit und kauften frische aserbaidschanische Tomaten auf dem Tischinskij-Markt. Es hatte sich gelohnt.

07.06.2009

taz-redaktör hat´s schwör in wonderland

von Peter Voßwinkel

Jan Feddersen, seit Mai neuer “Redakteur für besondere Aufgaben” bei der taz, betrat seinem epochalen Werk folgend, “Ein Lied kann eine Brücke sein”, einen für ihn recht wackligen Steg. Träumte der Autor bisher im wesentlichen über “Grand-Prix-Abende mit Käsewürfel, Nudelsalat und Pfirsichbowle.” Und verfasste dazu das optimal-ultimative Nachschlagewerk: was Sie schon immer oder noch nie über den Grand Prix Eurovision wissen wollten, finden Sie dort. Leider vergriffen.

Zum diesjährigen Liederfestival machte sich Jan auf in eine andere Welt, nach Moskau! Seine Begegnungen mit der russischen Realität scheinen ihm offenbar schwer zugesetzt zu haben. Erst musste er die schwere Bürde einer Visabeschaffung (dank Steinmeier, die Russen wollten das längst abschaffen) im Konsulat der russischen Botschaft mit unfreundlichen Bürokraten über sich ergehen lassen und dann noch der erbarmungslose Moskauer Alltag.

Insidern ist allerdings der noch rüdere Umgangston und Verhörmethoden ähnliche Bearbeitungsstil aus der deutschen Botschaft in Moskau bekannt. Der einfache russische Bürger wird dort permanent drangsaliert. Der kleinste Formfehler führt zur Visaverweigerung. Lange Wartezeiten und kostenpflichtige telefonische Terminvergaben sind Voraussetzung. Ein wirklich unwürdiges Verfahren für einen sog. freien Rechtsstaat.

Lieber Jan Feddersen, als gut informierter taz-Redakteur hättest du wissen müssen, was Jens Siegert (Böll-Stiftung-Moskau) in seinem Blog einleitend schreibt: “Russland ist keine Demokratie. Aber auch keine Diktatur. Russland fremdelt mit dem Westen. Ist aber auch nicht sein Feind. Russland war jahrhundertelang Imperium und muss nun, eher unwillig, Nationalstaat werden. Der Weg dorthin ist widersprüchlich.”

Dich hat überrascht, das “… an einem Sonnabend der Rote Platz gesperrt ist und von tausenden Polizisten und sonst wie Uniformierten gesäumt wird, die fast alle aussehend wie Schläger, finster und eingreifbereit?” Ähnliches ist auch aus Gorleben, Brokdorf, Berlin und anderen dir geläufigen Orten bekannt.

Tja, lieber taz-redaktör, das gehört in Moskau häufig zum Stadtbild, interessiert den Normalbürger aber überhaupt nicht. Übrigens die Russen schauen häufig mal böse und finster. Kein Wunder bei den schwierigen Alltagsbedingungen für den Einzelnen. Teilweise ist das auch alles Strategie und Taktik um solche “grünen” Westler über den Tisch zu ziehen. Ich kann dir aber versichern hinter genau dieser Abwehrfassade steckt meist ein lebensfroher liebenswerte Mensch. Unterm Strich sind alle weniger cool und abgestumpft als in einem suburbanen tazumfeld.

Und, dem eingedeutschten gebürtigen Moskauer Wladimir Kaminer vorsätzliche Ahnungslosigkeit vorzuwerfen zeugt von weiterer Unkenntnis dessen Werk und seiner Langzeit bekannten zynischen Betrachtung allen Sowjet-russischen Machenschaften gegenüber.

Um die alltags- und gesellschaftspolitischen Hintergründe zu verstehen, sei an dieser Stelle das ausgezeichnete Buch des taz-Korrespondenten Klaus-Helge Donath empfohlen. Wer das gelesen hat versteht die russische Öffentlichkeit und Politik und weiß die Propaganda einzuschätzen. Klaus-Helge Donath skizziert darin den politischen und sozialen Zustand der russischen Gesellschaft, insbesondere der Elite in Moskau. Er verfolgt seit vielen Jahren als Korrespondent der taz die Entwicklung vor Ort. Sein Buch beginnt mit der vielleicht schon bekannten Schilderung des kontrastreichen Unterschieds zwischen Reich und Arm in der Megapolis Moskau.

Hier das Vorwort als kleine Kostprobe: »Was für ein Irrwitz, hier steht die Logik kopf!« Ähnliche Gedanken kommen wohl jedem, der sich in Russland etwas länger aufhält. Hier langweilt man sich nie. Immer ist etwas los, und in den meisten Fällen hat dies auch großen Unterhaltungswert. Russland lässt einen auch nicht kalt, dafür bietet es zu viele Reibungsflächen. Russland ist ein Faszinosum. »Ist das nicht ein herrliches Chaos?

Mein Gott, wie hab ich das vermisst«, schwelgte ein Diplomat, der nach Jahren außer Landes wieder in Moskau gelandet war. Hier gibt es viele Unterschiede. Auch die Uhren ticken anders. Selbst die Literatur ist nicht das, wofür wir sie halten. Die Groteske ist nicht Fiktion, sie ist eine nüchterne Bestandsaufnahme des alltäglichen Lebens, vorurteilsfreie Chronistenarbeit. Die Russen verfluchen und lieben es gleichermaßen, Chaos und Unvorhersehbarkeit binden alle Kräfte. Eine Planung über den Tag hinaus ist in dieser Welt kaum möglich, deshalb gehören die Russen auch zu den begeistertsten Planern auf diesem Planeten.

Die Kommunisten entwarfen Fünfjahrespläne, Wladimir Putin und Dimitrij Medwedew basteln gerade an der Perspektive 2020.  Das Ziel wird unterwegs wieder abhandenkommen, vielleicht haken die Europäer zwischendurch einmal nach, was aus dem Vorhaben geworden sei. »Wieso fragt ihr?«, wird man ihnen erwidern. Denn inzwischen hat man längst die alten Vorhaben vergessen und zigfach neue Pläne ausgeheckt. »Ihr versteht uns sowieso nicht«, sagt der Kreml heute wieder, »deshalb redet uns auch nicht hinein.«

Die Russen sind überzeugt, ihr Land lasse sich mit dem Verstand nicht greifen, schon gar nicht von Fremden. »Was sich nicht begreifen lässt, gibt es nicht«, würde Hegel dem entgegenhalten. Dafür, dass es eigentlich nicht existent ist, ist Russland ziemlich lebendig. Ein Nachbar, der nicht nur uns auf Trab hält. Es gibt ihn, aber er ist anders, und die Unterschiede sind weitaus größer, als sich Europa nach dem Ende des Kalten Krieges eingestehen wollte.

Nur eine hauchdünne Elite in Russland war über alle Epochen europäisch gebildet und ausgerichtet – die Mehrheit des Riesenreiches bewegt sich seit Jahrhunderten nach anderen Gesetzen. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert. Die Fassaden haben sich angeglichen, vor allem in den Metropolen Moskau und Sankt Petersburg. Hinter den Kulissen liegt aber die konturlose russische Weite, die sich einer fremden Kultivierung widersetzt. Diese Zerrissenheit, einerseits zu Europa gehören zu wollen und es andererseits als wesensfremd zu empfinden, quält Russland seit 300 Jahren. Manchmal scheint dieses Land daran irre zu werden. Es rühmen sich zwar auch so bekannte Russen wie Dostojewski, dass sie, im Unterschied zu Europäern, mühelos mit Widersprüchen und Rissen leben könnten.

Das stimmt sogar, hat aber einen Nachteil: Auch Russland ist rastlos auf der Suche nach sich selbst, ohne sich jemals zu finden. Das Ergebnis ist eine geniale Nachahmungskultur, die wir für das Original halten, die Russen aber unbefriedigt lässt. Zwar erleichtert diese Annäherung die Kommunikation, doch die Ähnlichkeit trügt. Wir sprechen die gleiche Sprache, meinen aber nicht dasselbe. Beide Seiten sollten sich das eingestehen. Russland ist einfach anders.” Aus: Klaus-Helge Donath, “Das Kreml-Syndikat”, ISBN 978-3-86789-013-7.

Fast alle überregionalen deutschen Zeitungen veröffentlichen ständig die Berichte ihrer Korrespondenten aus Moskau. Besonders kuriose Alltagsgeschichten sind wöchentlich in der “Bunten Illustrierte” von Boris Reitschuster zu lesen. Viele Bürgerjournalisten informieren in ihren Blogs aus diesem real kapitalistischen Imperium und schauen unfreiwillig politisch hinter die alltäglichen Meldungen und kommentieren sie.

“Der unbefriedigende Zustand der russischen Wirklichkeit lässt bei vermeintlich glücklicheren Ländern nach geeigneten Heilmitteln fahnden. Ein Gemeinwesen organisiert sich entweder mehr vertikal, nach dem Subordinationsprinzip, als Mobilisationsgesellschaft, oder mehr horizontal, als Rechtsstaat mit einigermaßen gleichen Spielregeln, wie es einer westlichen Leistungsgesellschaft entspricht. In Russland hat sich die erste Variante durchgesetzt. Die starke Stellung der Obrigkeit, das unausgewogene Verhältnis zwischen Oben und Unten erzeugen eine Art verdeckten “Kriegszustand”, wobei die Korruption sich als die wichtigste Sprache etabliert hat, in der die Parteien miteinander “Frieden” schließen. Die Korruption balanciert das System aus.

… In dem Bemühen, den Realitäten Rechnung zu tragen, versuchen auch wertkonservative Russen ihre Abneigung gegen die Korruption zu überwinden. Klassische Musiker am Moskauer Konservatorium trugen sich mit Überlegungen, sich von einer dubiosen, geldwaschenden Stiftung protegieren zu lassen, wenn das zum Überleben hilft. Doch der Mensch benötigt offenbar minimale Dosen guten Gewissens wie der Taucher dann und wann einen Atemzug Luft. Der Mensch, der sich als Teil des korrumpierten Systems fühlt, ist psychisch unausgeglichen. Er verachtet sich insgeheim selbst und hat einen unstillbaren Hunger nach Bestätigung. Er staut viel Aggressivität auf und fürchtet die eigene Unberechenbarkeit. … Diese Demoralisierung lastet auf vielen Bewohnern Russlands heute vielleicht schwerer als die Schizophrenie der Sowjetzeit.

Auf der anderen Seite gibt es auch Begabungen, die ohne die Korruption in Russland wahrscheinlich weniger entwickelt wären. Das sind das intuitive Erfassen von Situationen, die berühmte russische Findigkeit auch für illegale Problemlösungen und der vor allem westlichen Überzeugungsjuristen mangelnde Humor. Rechtsverachtung kann auch berauschen. Die Korruption nimmt dem, was sich Staat nennt, seine Substanz. In Russland gebe es keine Institutionen, behaupten manche, es gibt nur persönliche Beziehungen.” Aus: Kerstin Holm, “Das korrupte Imperium”, ISBN 3-446-20378-8.

“Muss man, anders gefragt, über alles hinwegsehen, …? Und muss man dauernd reflektieren, dass es ja bestimmt mit Kapitalismus zu tun habe, mit den Spätfolgen von Zarentum und Stalinismus?”  Fragt uns der reisende taz-Redakteur. Muss man nicht, aber es hilft im Hinterkopf zu haben um die erlebte Situation entcodieren, oder einfach nur verstehen zu können.

Lieber Jan Feddersen das alles hast du auf dich genommen um ein primitives Liederfestival zu besuchen und über die Siegeschancen viertklassiger Schlagersänger zu spekulieren und jetzt jammerst du uns hier was von deinem Schulausflug vor, weil ein paar Dinge anders laufen als zu Hause. Spießiger geht´s nicht. Das ist großer Boulevardjournalismus.

Dazu kann einem Sloterdijk einfallen: “Im fünften Stockwerk des großen Komfortsystems werden wir auf den Verwöhnungswert der medial konstruierten großen Öffentlichkeit aufmerksam, der sich in der Entstehung einer neuen Kategorie von Prominenten manifestiert. Bei diesen ist die Frage, warum sie bekannt oder berühmt sind, praktisch unbeantwortbar geworden.

Die klassische Meritokratie beruhte bekanntlich auf der Bereitschaft der historischen »Gesellschaften«, ihre durch Leistung herausragenden Mitglieder mit deren Aufnahme in die engen Zirkel des Ruhms zu belohnen. Indem das bürgerliche Publikum seinen Leistungsträgern eine Prominenzprämie zugestand, applaudierte es mittelbar seiner eigenen Leistungsbereitschaft. Mit der Etablierung selbstbezüglicher Medienwelten im Inneren des Kristallpalasts macht sich seit jüngerer Zeit auch beim Phänomen Prominenz ein Entlastungseffekt geltend, der dafür sorgt, dass der ältere Zusammenhang zwischen Leistung und Prestige zertrennt wird. …

Das postmoderne Kunstsystem hat mit seinen Mitteln auf die Tendenz zur Entlastung von der Zumutung, ein Werk zu schaffen, reagiert und Strategien zur Ausbildung von werklosem Künstlerruhm entwickelt. In der Massenkultur wird dieses Verfahren weiter popularisiert, bis eine rein tautologische Form von Prominenz erreicht ist. Bei ihren strahlenden Events treffen sich all jene, die dafür bekannt sind, bekannt zu sein für nichts Besonderes. Unnötig zu sagen, dass eine postmoderne Fortuna ihrem Schützling keine Goldbörse mehr anbietet, sondern ihm die Frage vorlegt, ob er ein Leistungsträger oder lieber ein grundlos über Nacht Berühmter sein möchte.” Aus: Peter Sloterdijk, “Im Weltinnenraum des Kapitals: Für eine philosophische Theorie der Globalisierung”, ISBN-10: 3518458140

In Berlin, beglücken den Reisenden die lächelnden Beamten. “Ich bin wieder zu Hause. Ist es nicht seltsam, dass mir selbst ein Wolfgang Schäuble, unser Innenminister, wie ein Verteidiger der Freiheit vorkommt?”

Das ist in der Tat seltsam! Dazu fällt mir wieder Vilém Flusser ein. Ich benutzte seine Positionen neulich anlässlich einer Ausstellungseröffnung in der cité free art gallery.berlin: “Die irrtümlich als Schönheit empfundene Hübschheit einer jeden Heimat, diese Verwechslung zwischen Ungewöhnlichem und Gewohntem, zwischen Außerordentlichem und Ordinärem, ist in manchen Heimaten jedoch nicht nur eine ästhetische, sondern eine ethische Katastrophe.

Wenn ich die Toskana, Berlin oder das Sauerland für schön halte, und dies nicht, weil ich diese Gebiete entdeckt habe, sondern weil ich an sie gewöhnt bin, dann bin ich Opfer eines ästhetischen, nicht aber notwendigerweise eines ethischen Irrtums. Halte ich jedoch Moskau oder Schanghai für schön, dann begehe ich eine Sünde.

Denn die alle Phänomene verdeckende und abrundende Wattedecke der Gewohnheit lässt mich dann das dort herrschende Elend und Unrecht nicht mehr wahrnehmen, sondern nur noch dumpf empfinden. Es wird dann ein Teil der heimatlichen Hübschheit, die ich als Schönheit empfinde. Das ist das Katastrophale an der Gewohnheit.

Aber der Nationalismus ist, wenn Sie gestatten, eine Schweinerei, weil er gegebene Bindungen heiligt, während die menschliche Würde darin besteht, die gegebenen Bindungen als gemachte aufzudecken.

Wir sind wieder am Ausgangspunkt. Wenn ich annehme, ich bin als Deutscher geboren und werde jetzt Deutschland heiligen, dann bin ich ein Schwein. Wenn ich hingegen mir dessen bewusst werde, dass Deutschland eine Fiktion ist, dass das deutsche Volk eine Fiktion der Tradition ist, dann bin ich in der Freiheit, aus dieser Fiktion auszutreten und dann vielleicht einige Bindungen, die mir diese Fiktion bietet, wieder auf mich zu nehmen. Das stinkt natürlich auch dann, denn warum sollte ich dann ausgerechnet Deutscher sein und nicht Haussa?

Das ist für mich ein Modell der Ethik der Zukunft: Sich seiner Begrenztheit bewusst zu werden und durch die Begrenztheit meiner Fähigkeiten dazu genötigt zu werden, andere anerkennen zu können. Das ist eine sehr bescheidene Ethik, denn sie muss ja auch sagen: Das geht mich nichts an, dafür bin ich nicht kompetent! Ich bin nicht dafür verantwortlich, ob in der äußeren Mongolei Demokratie eingeführt wird oder nicht. Es ist ein verantwortungsloses Geschwätz, wenn ich mich jetzt für die Befreiung von Tibet engagiere. Hingegen bin ich dann verantwortlich, wenn in Südfrankreich oder am Stadtrand von Berlin, also da, wo ich jetzt lebe, Menschen Fremde prügeln. Ich muss irgendetwas innerhalb meiner Kompetenz tun, um das einzudämmen.”

Beim Visa-Artikel dachte ich, ist der Mann wirklich so naiv oder tut er nur so. Jetzt ist klar, du hast wirklich gar nichts begriffen von gesellschaftlichen Entwicklungen und sozialen und politischen Verhältnissen in der Russischen Föderation und der BRD. Der Gipfel für einen taz-Redakteur ist sicher den “Schäuble-Staat” mit seinen “big-brother-is-watching-you” Machenschaften glücklich zu schätzen, aber das Redaktionsstatut räumt das ein. Die nächste Reise geht sicher dann zur Audienz nach Gengenbach.

Lieber Jan Feddersen, weißt du was mir neulich passierte. Auf diesem 30-jahre-taz-jubel-kongess in Berlin kam ich in fast keine Veranstaltung ´rein, weil ein von dir bestellter Sicherheitsdienst mir und übrigens vielen anderen den Weg versperrte. Das wäre zu “tu-nix” Zeiten undenkbar gewesen. Du hast diese Tatsache später als organisatorischen Erfolg verkauft. Einmal stellten wir diese Lakaien der vermeintlichen Ordnung zur Seite. Da wurde mit dem bösen Ordnungsfinger und Hausverbot gedroht. Wo ist da eigentlich der substantielle Unterschied zur gelenkten Demokratie?

Während meiner Anwesenheit auf dem taz -kongress herrschte weitgehend gähnende, lähmende Langeweile und keine impulsgebende Atmosphäre, ´mal von wenigen Ausnahmen abgesehen. Der Gipfel war die perspektivisch revolutionäre gesellschaftsverändernde Aufforderung von Attac-Gigold dafür zu sorgen, dass rot-rot-grün demnächst eine Regierung bilden solle und dann ginge es richtig los. Unwidersprochen. Gähn! Wo war der eigentlich seit 98.

Global denken, lokal handeln, selber denken! Vielleicht ergibt sich ´mal die Gelegenheit ´drüber zu reden.

Beste Grüße aus Moskau
Peter Voßwinkel

PS: Im Nachgang noch ein paar Reisetipps für besondere Aufgaben im nahen oder angenäherten Europa: Neapel, Tiflis, Stepanakert, Baku, Marseille, Sächsische Schweiz.

08.05.2009

Immer noch Mai. Parade Probe …

von Peter Voßwinkel

The same procedure than every year!

Russland feiert mit Militärparade den 63. Jahrestages des Sieges über Hitler-Deutschland.

Russland feierte am heutigen Freitag den 63. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion der Jahre 1941-1945. Großveranstaltungen wie Blumenniederlegungen an Denkmälern für die gefallenen Helden fanden in mehr als 3800 Städten Russlands statt.

Um 22.00 Uhr Ortszeit wurde in Moskau Salut geschossen.

Russlands Präsident nimmt Militärparade auf Rotem Platz ab.

Der Parade auf dem Roten Platz wohnten Präsident und Oberster Befehlshaber der Streitkräfte, Dmitri Medwedew, Ministerpräsident Wladimir Putin und andere führende Politiker bei.

Der Staatschef gratulierte den russischen Bürgern zum Siegestag, “dem heiligsten Feiertag, der vom ganzen Volk gefeiert wird und der für immer und ewig zum Zeichen unserer nationalen Einheit geworden ist.”

Medwedew bedankte sich bei den Veteranen des Großen Vaterländischen Kriegs, die dem Feind “nicht gestattet haben, das Land auf die Knien zu stellen, und ihren Nachkommen eine große Patriotismuslehre erteilten.” “Dank Ihnen wird der 9. Mai für immer der Tag der Befreiung unseres Volkes bleiben, der Tag, an dem das neue Zeitalter der Weltgeschichte begonnen hat. “Der 9. Mai ist ein besonderes Fest für unser Volk.

Russland hat wohl kein anderes Fest, das so erhaben, so groß ist und unter Qualen hervorgebracht wurde”, sagte Medwedew am Freitag bei einem Empfang anlässlich des 63. Jahrestages des Sieges über Hitler-Deutschland in Moskau. “Zugleich ist das ein Fest voll Licht und Freude, weil es verschiedene Generationen unter der Fahne des historischen Sieges vereint.”

“Unsere Väter und Großväter haben einen immensen Preis für diesen Sieg bezahlt… Unser Volk hat seine historische Mission erfüllt, nicht nur das eigene Land befreit, sondern auch die ganze Welt vor dem Faschismus bewahrt. Unser Volk brachte die Freiheit für Staaten Europas und bestimmte die Geschichte für Jahrzehnte voraus.”

Medwedew sagte ferner, dass sich die Lehren von 1945 nie verjähren werden. “Aus diesen Lehren ergibt sich, dass die Konfrontation und die Gewaltanwendung zu Katastrophen führen. Und für blutige Fehler der Politiker müssen die Völker zahlen… Diese Fehler lasten auch schwer auf den Schultern der nächsten Generationen.” Wir werden die Verteidigung von Moskau und Leningrad, die Schlachten bei Stalingrad und Kursk, den Kampf um die Befreiung Europas nie vergessen”, sagte Medwedew.

Wir begehen schon den 63. Siegesmai. Aber die schweren Jahre des Großen Vaterländischen Krieges werden nie in Vergessenheit geraten”, so der Präsident. Der Präsident wünschte den Kriegsveteranen gute Gesundheit und lange Lebensjahre.

Medwedew warnt vor “unverantwortlichen Ambitionen”.

Bei einer Militärparade zum Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland hat Russlands Präsident Dmitri Medwedew vor “unverantwortlichen” konfliktschürenden “Ambitionen” gewarnt. “Die Geschichte der Weltkriege mahnt uns, dass bewaffnete Konflikte nicht von alleine beginnen”, sagte Medwedew am Freitag auf dem Roten Platz in Moskau.

Kriege würden “entzündet von denen, die ihre unverantwortlichen Bestrebungen über die Interessen von Ländern und ganzen Kontinenten sowie über die Interessen von Millionen von Menschen stellen”. Medwedew nahm die erste große Militärparade seit 18 Jahren gemeinsam mit seinem Amtsvorgänger Wladimir Putin ab, der am Donnerstag zum Regierungschef gewählt worden war.

“Wir müssen sehr genau jeden Versuch beobachten, rassistischen oder religiösen Hass zu säen oder ideologischen Terror und Extremismus anzufeuern”, sagte der am Mittwoch zum Präsidenten ernannte Medwedew. Zudem warnte er vor Einmischungen in die Angelegenheiten von Staaten sowie Versuchen, Staatsgrenzen zu verändern. Verletzungen des internationalen Rechts dürften nicht hingenommen werden, betonte Medwedew.

“Wir können nicht die Vernachlässigung von Völkerrechtsnormen zulassen, die von der ganzen Weltgemeinschaft durch Leiden errungen wurden, von den Normen, ohne die das gefahrlose Leben und die gerechte Weltordnung unmöglich wären.”

“Die Geschichte der internationalen Kriege warnt uns: bewaffnete Konflikte entstehen nicht von selbst, sondern werden von den Kräften entfesselt, deren verantwortungslose Ambitionen die Oberhand über die Interessen von Ländern und ganzen Kontinenten, über die Interessen von Millionen Menschen gewinnen. Daher dürfen wir die Lehren aus dem Großen Vaterländischen Krieg nie vergessen und müssen jeden Tag unser Bestes tun, damit solche Tragödien nie wieder passieren”, ergänzte Medwedew.

Die Warnungen Medwedews kommen zu einem Zeitpunkt, da die Beziehungen zum Westen und besonders den USA angespannt sind. Moskau lehnt die Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien strikt ab. Zudem befindet sich Russland in einem Streit mit seinem Nachbarn Georgien, bei dem es um den Status der beiden von Georgien abtrünnigen Kaukasus-Republiken Abchasien und Südossetien geht. Russland kritisiert außerdem Pläne für ein US-Raketenabwehrschild in Europa, da es sich dadurch bedroht fühlt.

An der Parade auf dem Roten Platz nahmen fast 8000 Armeeangehörige, 111 gepanzerte Fahrzeuge sowie 32 Flugzeuge und Hubschrauber teil. Zum ersten Mal seit 1990 fuhren im Stadtzentrum von Moskau wieder Panzer und sonstige schwere Kampftechnik auf. Für schönes Wetter sorgten zehn speziell ausgerüstete Flugzeuge der russischen Luftwaffe, die in einer Höhe von bis zu 4500 Metern in einem Umkreis von 50 bis 300 Kilometern von Moskau in den Wolken ein Präparat versprühten, um den Regen zu provozieren. Somit blieb der Himmel über Moskau klar.

Zuletzt war schwere Kampftechnik bei der Parade in Moskau am 7. November 1990 aufgefahren. 1991-1994 wurden keine Paraden durchgeführt. Erst 1995 marschierten Kriegsveteranen anlässlich des 50. Siegestages über den Roten Platz. Am Poklonnaja-Berg wurde an diesem Tag Kampftechnik präsentiert.

Auf Beschluss des russischen Präsidenten wurden ab Mai 2008 Militärparaden unter Teilnahme schwerer Technik in Moskau wiederaufgenommen.

Putin hatte die Parade zuvor als Vorführung von Russlands zunehmendem Militärpotential beschrieben. “Wir sind in der Lage, unser Volk, unseren Staat und unseren Reichtum zu verteidigen”, sagte der neue Regierungschef.

02.05.2009

Der Mai ist gekommen …

von Peter Voßwinkel

Es wurde fleißig demonstriert und ausgereist.

Eine Demo organisierte die „Föderation der unabhängigen Gewerkschaften“, die gemeinsam mit der Partei „Einiges Russland“ über die Twerskaja Uliza zum Twerskaja Ploschtschad zog.

Eine andere Demo organisierte die Partei des „Gerechten Russland“, über Boulevard-Ring zum Puschkin-Platz.

Eine weitere Demo organisierten die Kommunisten. Sie liefen vom Kaluschskaja-Platz zum Teatralnaja Proesd beim Bolschoj Theater.

Noch eine Demo veranstaltete die Partei „Jabloko“. Sie versammelte ihre Unterstützer auf dem Bolotnaja-Platz.

Und noch eine Demo beantragte die Bewegung „Solidarnost“. Sie trafen sich auch auf dem Bolotnaja-Platz.

Die nationalistischen Organisationen DPNI und „Slawische Union“ liefen über den Krasnopresnenskaja-Platz.

Das Volk reiste aus. Sie fuhren mit ihren Limosinen zu den Datschen und mit den beliebten Aeroexpressen über die Flughäfen Domodedowo, Vnukowo und Scheremetjewo in die weite Welt.

27.04.2009

Neuer Sicherheitscode

von Peter Voßwinkel

An unserer Haustür wurde eine neue elektronische Schließanlage mit neuem Sichheitscode eingebaut.

Da niemand den neuen Code kennt hat die Hausverwaltung ihn ausgedruckt und unter die Sicherungsanlage geklebt. So verbreitet er sich am schnellsten. Auch alle Besucher, Lieferanten, Briefträger … kennen ihn nun. Eine vieler praktischer Ideen, die den Alltag vereinfachen können. Manche Bewohner gehen noch einen Schritt weiter und klemmen alte Lappen zwischen Tür und Rahmen und sparen sich die Codeeingabe dadurch komplett. Nach Rücksprache mit der Hausverwaltung ist kurzfristig eine Neuprogrammierung geplant. Mal sehen wie sich der neue Code verbreitet?