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Beiträge getaggt mit ‘Esquire’

29.11.2008

Es ist unanständig unpolitisch zu bleiben

von Peter Voßwinkel

Esquire-Russland veröffentlichte ein viel beachtetes, folgenreiches Gespräch zwischen dem Schriftsteller Boris Akunin und dem Gefangenen Michail Chodorkowski. Boris Akunin spricht über seinen Einsatz für den inhaftierten Ölmagnaten Michail Chodorkowski, das Selbstverständnis der russischen Intelligenzija und den Boom des Kriminalromans in der postsowjetischen Ära. Seine Schlussfolgerung: In Russland ist eine Zeit angebrochen, in der es unanständig ist, unpolitisch zu bleiben.

Herr Akunin, als Meister des Krimis werden Sie der unpolitischen Unterhaltungsliteratur zugerechnet. Ihretwegen aber hat kürzlich ein prominenter Russe Haftverschärfung aufgebrummt bekommen – der seit fünf Jahren einsitzende Magnat Michail Chodorkowski. Und das, weil Sie ein ausführliches Gespräch mit ihm geführt und veröffentlicht haben. Hat Russlands Regierung wieder Angst vor dem gedruckten Wort?

Akunin: Ich fürchte, ja. Sie wollte ein Zeichen setzen. Weniger gegenüber Chodorkowski, weil sie versteht, dass sie ihn auch nach fünf Jahren Haft nicht brechen kann. Sondern vielmehr, um andere Schriftsteller davor zu warnen, dieses öffentliche Gespräch über den Zustand unseres Landes fortzusetzen.

Gibt es wirklich Kollegen, die sich politisch wieder mehr einmischen wollen?

Akunin: Viele Schriftsteller sind inzwischen bereit, meinen Briefwechsel mit Chodorkowski fortzusetzen, darunter so namhafte wie Ljudmila Ulizkaja oder Boris Strugazki. Es liegt in der Tradition der russischen Literatur, sich für die Entrechteten und Gedemütigten einzusetzen, erinnern Sie sich an Dostojewski.
Ich halte Chodorkowski für die derzeit interessanteste Figur der russischen Gesellschaft. Ihn für zwölf Tage in den Karzer zu stecken war dumm vom Kreml. Das hat Öl ins Feuer gegossen.

Warum ist Ihnen ein Mann wie Chodorkowski so wichtig?

Akunin: Ich habe mich nie für das Leben von Oligarchen interessiert, auch literarisch war das nicht interessant. Aber Chodorkowski hat sich so verhalten, wie es wohlhabende Menschen normalerweise nicht tun. Er war der reichste Mann Russlands. Dann hat er alles verloren, und zwar, weil er sich treu blieb. Er hätte ins Ausland gehen können wie andere Oligarchen. Aber er wollte nicht feige sein, der Verhaftung nicht ausweichen. In diesem Moment wurde Chodorkowski für mich zur spannenden Figur, zu einer, in der sich all die Krankheitssymptome unserer Gesellschaft widerspiegeln: Korruption, Abhängigkeit der Gerichte, fehlende Pressefreiheit. Mir scheint, hier gibt es Parallelen zum Schicksal von Andrej Sacharow.

Das überrascht nun aber
 doch: Sacharow war ein Märtyrer, den die Russen achteten, Chodorkowski dagegen ist bei vielen verhasst. Die Masse hält ihn für einen Dieb, der sich während der Privatisierung der neunziger Jahre auf Kosten seiner Landsleute bereichert hat.

Akunin: Sie mag ihn aus zwei Gründen nicht: weil die Russen Reiche generell nicht lieben und weil ihnen sämtliche TV-Kanäle vorgaukeln, er sei ein Dieb. Vergessen Sie nicht: Auch Sacharow war als Atomphysiker zunächst Teil der Elite, er wurde dreimal mit dem Orden “Held der sozialistischen Arbeit” geehrt. Ich habe die Anklage gegen Chodorkowski studiert und halte ihn für unschuldig; im Prozess gegen ihn betete der Richter bloß die Vorgaben der Staatsanwaltschaft nach. Chodorkowski war sicher kein Engel, sein Unternehmen aber bis zur Zerschlagung das transparenteste im Lande. Umgekehrt war Sacharow, der heute als unangefochtene moralische Autorität gilt, einer der Erfinder der Wasserstoffbombe, die uns alle womöglich eines Tages umbringen wird.

In Chodorkowski müssen wir also einen neuen Fürst Myschkin sehen? Jenen reichen Helden aus Dostojewskis Roman “Der Idiot”, der die Wahrheit spricht und genau deshalb scheitert?

Akunin: Chodorkowski hat die Korruption im Staatssystem angesprochen. Die Leute sollen sich mit seinen Gedanken auseinandersetzen. Solange Sacharow verbannt war, konnte Gorbatschow endlos von Freiheit reden, man hat ihm nicht geglaubt. Auch der neue Präsident Dmitrij Medwedew spricht vom Kampf gegen die Korruption und beschwört die Unabhängigkeit der Gerichte. Solange Chodorkowski aber einsitzt, sind das nichts als schöne Worte.

Ihr Gespräch mit Chodorkowski wurde im russischen “Esquire” gedruckt. Warum haben Sie ausgerechnet eine Hochglanzzeitschrift als Bühne ausgesucht?

Akunin: “Esquire” hat eine eher unpolitische, aber wirtschaftlich erfolgreiche Leserschaft. Ich will, dass diese Leute, der Mittelstand also, ins Nachdenken kommen. Und das hat auch bereits funktioniert. Der Text des Interviews tauchte sofort an Hunderten Stellen im Internet auf. Weil der Kreml so nervös reagierte, fand es zehnmal mehr Leser als wahrscheinlich sonst.

Noch 2002 haben Sie Wladimir Putins Politik gelobt. Nun prangern Sie ihn und den von ihm ausgesuchten Nachfolger an. Woher dieser Sinneswandel?

Akunin: Ich habe 2002 gesagt, dass mir an Putin manches gefällt und manches nicht. Ich sehe ihn neutral, aber ich stelle fest, dass er in jüngster Zeit schwere Fehler macht, die unserem Land schaden.

Sie denken an Georgien?

Akunin: Zum Beispiel. Unsere Truppen hätten an der südossetischen Grenze haltmachen müssen. Dann hätte die
 Welt verstanden, dass Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili angefangen und Russland lediglich reagiert hat. Stattdessen sind wir weitermarschiert. Das musste sofort an die sowjetischen Panzer in Prag und Afghanistan erinnern. So haben wir einen kleinen militärischen Sieg mit einer gewaltigen politischen Niederlage bezahlt. Die Falken haben sich durchgesetzt.

Sind Sie in Sachen Georgien nicht eher Partei, Ihr bürgerlicher Name lautet Grigorij Tschchartischwili …

Akunin: Ich bin zufällig in Georgien geboren, das stimmt, mein Vater war Georgier. Aber ich spreche kein Georgisch. Ich bin russischer Schriftsteller, ein Moskauer Mensch. Welches Blut in meinen Adern fließt, ist nicht wichtig. Ich hätte die gleichen Gefühle gehabt, wenn Russland einen Krieg mit der Ukraine geführt hätte.

Die ethnische Herkunft spielt keine Rolle? Schon zu Sowjetzeiten haben Georgier auf ihre russischen
Nachbarn herabgeschaut, sie hielten sich für kultivierter als sie. Der Intellektuelle Merab Mamardaschwili hat gesagt, dass “Russen Hering von einem Zeitungsfetzen essen” können. Georgier könnten das nicht. Ist es dieser Nationalismus, der das frühere Sowjetreich nicht zur Ruhe kommen lässt?

Akunin: Auch ein kluger Mensch wie Mamardaschwili darf mal eine Dummheit sagen. Es gibt nicht den Georgier, den Russen, den Deutschen. Allerdings halte ich unsere Politik gegenüber den Nachbarn für einen der größten Fehler der Putin-Jahre. Wir dürfen nicht immer nur drohen. Russland ist das natürliche Zentrum im Raum der Ex-Sowjetunion. Es hat immer die größten Talente von der Peripherie angezogen, die russische Sprache verband all diese Länder. Wir müssen daran arbeiten, dass man uns nicht fürchtet, sondern liebt.

Da müsste sich im Kreml ja ein totaler Paradigmenwechsel vollziehen. Aber auch von der vielgerühmten russischen Intelligenzija ist in Krisensituationen kaum noch Hilfreiches zu hören.
 Warum?

Akunin: Weil viele apolitisch geworden sind. Wir Intellektuellen, die wir die Sowjetzeit und die Perestroika durchgemacht haben, hatten den Kollektivismus derart satt, dass wir einfach wieder Individualisten sein wollten. Auch ich wollte nur noch in Ruhe gelassen werden. Mein gesamtes literarisches Schaffen ist vom Ansatz her ein Manifest des Individualismus und der privaten Werte.

Irritierend ist es, wenn sich doch ein Teil der Intelligenzija zu Wort meldet – nur um das hohe Lied der Führung zu singen. Der Regisseur und Oscar- Preisträger Nikita Michalkow hat Putin voriges Jahr im Namen “russischer Künstler” geradezu angefleht, für eine dritte Amtszeit zu kandidieren und so die Verfassung zu brechen.

Akunin: Das hat ja auch einen riesigen Skandal hervorgerufen. Michalkow kann sagen, was er will, er darf es nur nicht im Namen aller tun.

Ist es vielleicht so, dass es die russische Intelligenzija als soziale und intellektuelle Kraft nie gegeben hat, wie Alexander Solschenizyn argwöhnte?

Akunin: Es gab sie durchaus, aber sie hat sich verändert. Die Intelligenzija wird wichtig, wenn sich in der Gesellschaft der Eindruck von Unfreiheit ausbreitet. Dann wird sie zum Hüter des Geistes und der Kultur. Für derart dramatisch halte ich die derzeitige Lage nicht. Ich habe in einem Aufsatz für die französische Zeitung “Libération” geschrieben, dass Russland gerade ein goldenes Zeitalter erlebt …

… wofür Sie das Resthäuflein der russischen Liberalen zerrissen hat, weil es darin ebenfalls eine Ode an Putin sah …

Akunin: … ich wollte damit nur sagen: Wir haben erstmals die Möglichkeit der Entscheidung. Wenn sich 1938 unter Stalin ein Schriftsteller so geäußert hätte wie ich, wäre er erschossen worden. Wer das 1978 unter Breschnew tat, kam zumindest ins Gefängnis oder in die Psychiatrie. 2008 schickt man die Steuerpolizei, wie es auch schon bei mir geschehen ist. Aber das ist ein Unterschied. Du hast als Russe jetzt die Wahl. Als Richter zum Beispiel kannst du dich anpassen oder deine Robe nehmen und als Anwalt arbeiten. Und was riskiert ein TV-Journalist, wenn er aufmuckt? Er fliegt aus dem Fernsehen, aber er kann im Internet weitermachen. Heute kann jeder entscheiden, zum Opportunisten zu werden oder nicht.

Ihre Kriminalromane spielen ausnahmslos in der Vergangenheit, Ende des 19. Jahrhunderts, zur Zeit des Zaren Alexander III. Wir hatten den Verdacht, dass Sie auf diese Weise aus der tristen Gegenwart flüchten, dabei entpuppen Sie sich als durch und durch politischer Mensch.

Akunin: In der Vergangenheit kenne ich mich einfach besser aus, ich bin Historiker. Sie lässt mir alle Freiheiten, weil es keine Zeugen mehr gibt, die mir widersprechen könnten. Außerdem suche ich aus unserer Geschichte oft komplizierte und unangenehme Episoden aus – ich sei russophob, haben einheimische Kritiker
deswegen geschrieben. Nur aus der traurigen Erfahrung der Vergangenheit kann man etwas lernen. Würde ich einen patriotischen Film über den letzten Krieg drehen, würde der sich nicht mit dem Siegesjahr 1945 beschäftigen, sondern mit dem Jahr 1941, als unsere Armee in eine ihrer schlimmsten Niederlagen schlitterte. Die offizielle Propaganda macht es genau andersherum, sie glorifiziert schon wieder Stalin, als Vater des Sieges. Wir sind eben Erben des Imperiums. Im Übrigen hat mein Held Fandorin, der in all meinen Büchern auftritt, durchaus etwas mit dem Heute zu tun.

Erklären Sie uns das.

Akunin: Er gerät oft in heikle Situationen, die auch fürs heutige Russland typisch sind. Denn er ist – im Sinne des 
Philosophen Konfuzius – ein “edler Mensch”, der Fehler macht, aber nach Vollkommenheit strebt. Da er im Staatsdienst arbeitet, muss er sein inneres Koordinatensystem stets neu ausrichten. Denn für den Russen ist der Staat allgegenwärtig, er mischt sich immer wieder ins private Leben ein.

Fandorin leidet also an Russland wie Sie?

Akunin: In meinem Buch “Das Tal des Traumes” kommt Fandorin nach Amerika, der Staat hat ihn in die Emigration getrieben. Dort trifft er einen anderen, sehr reich gewordenen russischen Emigranten. Beide überlegen, warum sie, obwohl erfolgreich, ihr Land anderen überlassen mussten, die mit ihm nun weiß der Teufel was anstellen. Diese Frage stellt sich heute noch.

Die Kritiker feiern Ihre Krimis als intelligent geschrieben, Massenliteratur bleiben sie allemal. Warum sind Sie in diesem Genre gelandet, als Sie vor zehn Jahren mit dem Schreiben begannen?

Akunin: Ich bin kein Missionar, ich bin kein politischer, kein soziologischer Schriftsteller. Das Genre der Massenliteratur ist für mich das interessantere und wichtigere.

Warum?

Akunin: Als Autor, der unterhalten will, pflegst du den Dialog mit dem Leser, du denkst ständig über dein Gegenüber nach. Das ist anders als bei Kafka, der einfach einen Monolog hält. Mein Publikum ist eine Dame, die umworben sein will, und sie ist nicht monogam. Du hast nur einfache Materialien in der Hand. Kein Gold, kein Silber, keine Edelsteine. Sondern Lehm, Wasser, Sand. Aus diesem prosaischen Material musst du etwas erschaffen, dass mehr Leute erreicht als die Dinge aus Gold.

Das klappt bei Ihnen ja gut. Überhaupt hat der Krimi seit 1990 in Russland eine unglaubliche Renaissance erlebt. Woran liegt das?

Akunin: Daran, dass es bis dahin keine Kriminalromane gab. Die Sowjetunion war ein glückliches Land, in dem weder Organisierte Kriminalität noch interessante Verbrecher existierten. Aber der Krimi-Boom legt sich gerade, es gibt eine bemerkenswerte Wende hin zu einer intellektuelleren Literatur. Vergangenes Jahr wurde Ulizkajas Roman “Daniel Stein – Dolmetscher” zum Super- Bestseller, ein Roman zum Thema Holocaust. Darin geht es um einen Juden, einen früheren Übersetzer der Gestapo, der katholischer Mönch wird. So etwas hatten die Leute bei uns noch nie gelesen, der Roman hat sich hunderttausendfach verkauft. Ljudmila Ulizkaja war völlig schockiert, sie hatte ihn mehr für sich selbst geschrieben. Der russische Leser will sich offenbar nicht mehr nur amüsieren. Er will Achtung vor sich selbst haben und greift wieder zu schwierigeren Büchern.

Sie haben im Oktober mit einer Startauflage von 200 000 Exemplaren “Quest” auf den Markt gebracht, einen Roman, den es zuerst als Internet – Version gab. Was ist dieses neue Werk: eine Hommage an den Zeitgeist oder einfach eine neue Erwerbsquelle?

Akunin: Ich habe schlicht meine Leidenschaft für Computerspiele mit der für Abenteuerromane verknüpft. Und dann ist, wie Sie wissen, das elektronische Buch im Kommen, ich habe dieses Jahr schon drei gekauft. Ich finde sie genial, das ist die Zukunft. Internet und Buch befruchten sich gegenseitig.

Andere sagen den Untergang des gedruckten Wortes voraus.

Akunin: Das ist lächerlich. Ich erinnere mich an die Kassandra-Rufe in meiner Kindheit, wonach das Fernsehen die Literatur töten werde. Die Menschen lesen immer noch Bücher, und bald können sie Tausende Bücher in einem kleinen Gerät mit sich herumtragen und sie überall und jederzeit lesen. Die Literatur ist ein sehr leistungsfähiger und gesunder Magen, der alles auf vernünftige Weise verdaut.

Sie sind einer der produktivsten russischen Schriftsteller, vielleicht auch, weil Sie sich zum ungestörten Schreiben gern nach Frankreich zurückziehen?

Akunin: Dort in der tiefsten Provinz lenkt mich nichts ab. Jetzt aber hat sich für mich vieles geändert: Meinetwegen geriet ein Mensch in verschärfte Lagerhaft. Wie kann ich da weiter in Ruhe Unterhaltungsromane schreiben? Das wird so nicht gehen. Eine Zeit hat begonnen, in der es unanständig ist, unpolitisch zu bleiben.

Boris Akunin ist der führende russische Kriminalschriftsteller, allseits gelobt wegen ungewöhnlicher Sprachkunst und Originalität. Der 52-Jährige, der eigentlich Grigorij Tschchartischwili heißt und Sohn
 eines georgischen Offiziers und einer jüdischen Lehrerin ist, hat eine literarische Blitzkarriere gemacht: Erst 1998 veröffentlichte der studierte Japanologe, Literaturwissenschaftler und Übersetzer seinen ersten Roman, “Asasel”, der in Deutschland unter dem Titel “Fandorin” erschien. In Russland hat Akunin (japanisch: Bösewicht) bisher mehr als 15 Millionen Bücher verkauft, sie wurden in 30 Sprachen übersetzt.

(Quelle: DER SPIEGEL)

26.11.2008

Lesen Sie ´mal woanders

von Peter Voßwinkel

Zum Beispiel in Esquire, ein eigentlich unpolitisches, gesellschaftskritikloses, glamour Magazin, auch in Russland.

Trotzdem lohnt es sich manchmal. Für alle die, die die Möglichkeit haben: Esquire, Nr. 37/08, gedruckte Ausgabe