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Beiträge getaggt mit ‘Wladimir Putin’

27.11.2009

“Nahe bei Null” vom Kreml-Chefideologen

von Peter Voßwinkel

Der Chefideologe von Wladimir Putin und Dmitri Medwedew schreibt “gangsta fiction”: Wladislaw Surkow veröffentlichte unter dem Pseudonym Nathan Dubrowitzky einen aufsehenerregenden Roman mit dem Titel “Nahe Null”, der ein düsteres Bild des postkommunistischen Russland malt und dessen Missstände schonungslos beschreibt. Der neueste Coup des Mannes, der für die Imagekampagnen des Kremls verantwortlich ist?

Der erste stellvertretende Leiter der  russischen Präsidialverwaltun Wladislaw Surkow gilt als Chefideologe der Regierungen Putin und Medwedew. Seinen einflussreichen Posten erhielt er nach einer höchst wechselhaften Karriere, die auf der offiziellen Website des Kremls allerdings nur bruchstückhaft wiedergegeben ist.

Wladislaw Surkow, Kreml-Chefideologe und Autor des Skandal-Romans “Nahe Null”. Foto: The Presidential Press and Information Office

Mit keinem Wort erwähnt wird etwa seine halbtschetschenische Herkunft oder seine Aktivität als Spion in Ungarn während des Militärdienstes in den 1980er-Jahren. In den 1990er-Jahren war er in führender Stellung bei der Bank “Menatep” tätig, die dem seit 2005 inhaftierten Oligarchen Michail Chodorkowski gehört.

Der Kopf hinter Russlands “Futurisierung”

Seit 1999 arbeitet Wladislaw Surkow bei der mächtigen  russischen Präsidialverwaltung, die eine Reihe von Schattenministerien dirigiert. Er ist für die wichtigsten Imagekampagnen des Kremls verantwortlich.

Am meisten Aufsehen erregten dabei die regierungsfreundlichen Jugendorganisationen  “Gemeinsamer Weg” (Iduschtschije Wmeste) und  “Die Unsrigen” (Naschi): 2002 wurden  Wladimir Sorokins “pornographische Romane” in eine gigantische Toilette vor dem Bolschoi-Theater geworfen, 2005 feierten 60.000 junge Russen in einer sorgfältig inszenierten Massendemonstration den sechzigsten Jahrestag des Siegs über Hitlerdeutschland, 2007 nahmen Aktivisten den Platz des geräumten sowjetischen Rotarmisten-Denkmals in Tallinn ein.

Wladislaw Surkow hält sich bei solchen Aktionen im Hintergrund und tritt nur äusserst selten vor die Medien. Immerhin beschrieb Surkow am 27. Oktober seine Vision für Russland in einem Interview mit der Zeitschrift  “Itogi”. Unter dem Stichwort der “Futurisierung” forderte er die Schaffung eines “besonderen kulturellen und psychologischen Klimas”, das einen neuen “zivilisatorischen Trend” ermöglichen solle.

Allerdings sei diese Aufgabe sehr schwierig zu bewältigen, weil Russland nicht nur in ökonomischer Hinsicht, sondern auch mentalitätsmässig ein “Rohstoff-Land” sei. Deshalb gebe es auch noch keine hinreichende Nachfrage nach kultureller und sozialer Innovation. Für Russland sei aber die geforderte Modernisierung nicht einfach eine Aufgabe unter anderen; es gehe hier vielmehr um Leben oder Tod. Nur ein konkurrenzfähiges Russland könne sich auf dem internationalen Parkett behaupten.

Düsteres Bild des postkommunistischen Russland

Wladislaw Surkow greift immer wieder zu höchst unkonventionellen Mitteln, um sein ambitiöses Innovationsprojekt ins Werk zu setzen. Dazu gehört seit diesem Sommer auch der Einsatz von Literatur als Polittechnologie. Ende Juni 2009 erschien unter dem Pseudonym Nathan Dubrowitzky (Натан Дубовицкий) ein aufsehenerregender Roman mit dem Titel “Nahe Null” (”Околоноля“). Die literarischen Qualitäten sind beachtlich, sowohl die Komposition als auch der Stil des Textes verraten einen geübten Verfasser.

Der Roman entwirft ein düsteres Bild des postkommunistischen Russland und zählt die Missstände schonungslos auf: “Bestechung, Schmiergeldzahlungen, Auftragsmorde, Schutzorganisationen, staatliche Investitionen in Ehefrauen, Schwager und Nichten; die Vermietung von Machtorganen an respektable Schlitzohren und Emporkömmlinge mit Beziehungen; der Handel mit Ämtern, Orden, Auszeichnungen, Titeln; Kontrolle über die Nachfolge; käufliche Rechtssprechung, einträglicher Patriotismus.”

Inbegriff der Demoralisierung der russischen Gesellschaft

Ebenso deplorabel wie der Hintergrund ist der Charakter des Protagonisten: Jegor Samochodow tritt in den mafiosen Bruderbund des “Schwarzen Buches” ein, der sein Geld mit Copyright-Piraterie, Verwertung von nichtdeklarierten Auflagen und Ghostwriting für politische Schwergewichte verdient. Als Aufnahmebedingung muss er einen Mord begehen, den er ohne mit der Wimper zu zucken ausführt. Er lebt geschieden von seiner Frau und ist auch ausserstande, seine eigene Tochter zu lieben.

Seine Sexpartnerin unterscheidet sich “von einer Gummipuppe nur dadurch, dass sie nicht aus Gummi ist”. Sie steht im “Süden” Russlands als Schauspielerin vor der Kamera und wird auf der Leinwand so realistisch vergewaltigt und ermordet, dass Jegor ein Verbrechen vermutet. Im “Süden” sucht er den brutalen Regisseur auf, der als Inbegriff der totalen Demoralisierung der russischen Gesellschaft gelten darf.

Der Roman endet in einer unerwarteten Volte: Möglicherweise erweist sich das gesamte Geschehen nur als Horrorvision des Protagonisten, der seine Verbrechen im Schlaf begangen hat. Immer wieder taucht dabei als ästhetisches Vorbild  Vladimir Nabokovs später Roman “Transparent Things” (1972, dt. “Durchsichtige Dinge”) auf, in dem die Grenzen zwischen Traum und Bewusstsein, zwischen Fiktion und Realität bewusst verwischt werden.

Surkow streute gezielt Gerüchte

Wladislaw Surkow hatte gezielt das Gerücht gestreut, er selber sei der Autor dieser “gangsta fiction”, die ihren im Untertitel gemachten Genre-Anspruch durch den extensiven Gebrauch von Gossen- und Gangster-Slang einlöst. Die russische Presse rätselte monatelang über die Autorschaft des überaus erfolgreichen Romans, der nur 112 Seiten umfasst. Als wichtigstes Indiz für Surkow wurde gewertet, dass das verwendete Pseudonym auf den Namen seiner zweiten Frau Natalja Dubrowitzkaja anspielt.

Ende September veröffentlichte Surkow selbst eine kritische Rezension des Romans, in der er “Nahe Null” als Befreiungsschlag einer unlesbar gewordenen literarischen Postmoderne deutete. Der Held sei “ein sehr schlechter Mensch, der sehr gerne besser werden würde, aber nicht kann und deshalb leidet”. Der Autor habe ganz klar nichts zu sagen. Deshalb kaspere er nur herum. Der Roman sei “gewissermassen auf einem Einschlagpapier geschrieben, in das eine kalte, volle Null eingepackt ist”. Der Roman “Nahe Null” werde in naher Zukunft als das erkannt werden, was er in der Tat sei – nichts.

Surkow behauptete damals noch, er habe den Text nicht verfasst. Am 11. November liess der russische Kult-Schriftsteller  Wiktor Jerofejew endlich die Katze aus dem Sack und verriet beiläufig in einem Interview der “Literaturnaja gaseta”, Surkow habe diesen “bemerkenswerten Roman” in der Tat geschrieben. Er besitze ein von Wladislaw Surkow persönlich signiertes Exemplar von “Nahe Null”. Surkow selbst mochte seine Autorschaft noch nicht bestätigen: “Wenn ich irgendwo etwas hineingeschrieben habe, heisst das noch nicht, dass ich es auch geschrieben habe.”

Russland braucht freie, verantwortungsbewusste und kluge Menschen

Worin besteht das Ziel dieser geschickt angelegten literarischen Mystifikation? Der Schlüssel findet sich im letzten Absatz des Romans, der die Lesart zulässt, die Schilderung der brutalen Morde, Vergewaltigungen, Überfälle und Erpressungen sei nur ein böser Alptraum des Protagonisten: “Alle waren lebendig. Alle sind gut. Alles kann nochmals beginnen. Alles kann wieder eingerenkt werden.”

Der Roman wird so erkennbar als Teil einer Imagekampagne für Russland, die in Tonlage und Stossrichtung genau zu Medwedews selbstkritischer Rede zur Lage der Nation passt. Am 12. November kündigte der Präsident vor der vereinigten Legislative und Exekutive einen Mentalitätswandel des Regierungsprogramms an: “Statt wirrer, auf Nostalgie und Vorurteilen beruhender Aktivitäten werden wir eine Politik betreiben, die sich an pragmatischen Zielen orientiert.” Russland müsse seine “chronische Rückständigkeit” überwinden und “grundlegend modernisiert” werden. Einen besonderen Akzent legte Mewedew dabei auf den Faktor Mensch. Russland brauche eine “Gesellschaft von freien, verantwortungsbewussten und klugen Menschen”.

Neugestaltung der russischen Mentalität

Genau diese Veränderung in der russischen Mentalität strebt auch Wladislaw Surkow an. Sein Rezept ist eine Politik der kleinen Schritte: “Es wäre natürlich gut, wenn man mit Betrug, Heuchelei, Feigheit, Schadenfreude, Neid und Gier aufhören würde. Aber das ist für später, man kann nicht alles auf einmal haben. Aber – kein Mord und keine Brutalität. Das ist nicht so schwierig. Ich glaubte zum Beispiel, dass man ohne Pistole kein Geld verdienen kann. Es ist aber nicht so, man kann es auch ohne verdienen, und auch Macht kann man erhalten, ohne jemanden umzubringen. Es geht, es geht.”

Dieser Aufruf ist eine literarisierte Form von Surkows Neugestaltung der russischen Mentalität. Vor diesem Hintergrund erhält auch Wladislaw Surkows negative Selbstrezension einen polittechnologischen Sinn: Wenn die russische Gesellschaft in naher Zukunft die in “Nahe Null” beschriebenen Missstände überwunden haben wird, dann ist auch die literarische Mission der “gangsta fiction” erfüllt und der Text des Romans fällt als überflüssige Grösse aus der Rechnung.

Von Ulrich Schmid. Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St.Gallen HSG. Seit 1993 ist Schmid zudem freier Mitarbeiter im Feuilleton der “Neuen Zürcher Zeitung” NZZ.

Quelle: maiak.info


23.10.2009

Von der “gelenkten Demokratie” zur “Tandemokratie”

von Peter Voßwinkel

Seit dem 7. Mai 2008 ist Dmitri Medwedew als Nachfolger von Wladimir Putin Präsident der Russischen Föderation. Es fand eine Transformation der Macht statt, die erst verständlich wird, wenn man hinter die Kulissen des Kreml und von Russlands “gelenkter Demokratie” blickt. Nur so lässt sich auch die Rolle von Präsident Medwedew bewerten. Eine Analyse.

Foto: Steffen Schmidt / Keystone / EDA-POOL.

Seit dem Jahre 2000 wird Russland immer öfter als „Demokratur“ oder  „gelenkte Demokratie“ bezeichnet – eine Demokratie, in der Wahlresultate vorbestimmt sind und deren Provinzen de facto an Autonomie verlieren. Eine Demokratie mit staatlich verordnetem Patriotismus und Anzeichen für die Entstehung einer Ethnokratie (ausgerechnet in einem Vielvölkerstaat). Eine Demokratie, in welcher der Kreml die meisten landesweit sendenden elektronischen Medien, sämtliche Fernsehkanäle und viele Printmedien kontrolliert.

Wie funktioniert die “gelenkte Demokratie”?

Die “gelenkte Demokratie” Russlands beruht auf einer starken Zentralmacht, der so genannten “Präsidentenvertikale”, deren Herzstück die Administration des Präsidenten in Moskau ist. Es handelt sich dabei um eine “Kommandokette” des Kremls, in die sich mit Parlament, Justiz sowie den meisten Parteien, Verbänden und Medien alle wichtigen Organe in Staat und Gesellschaft einzufügen haben.

Erstaunlich daran ist, dass  Premierministr  Wladimir Putin – von Januar 2000 bis Mai 2008 Präsident und seither Premierminister – nicht trotz, sondern wegen dieser Realverfassung (wirkliche Machtverhältnisse und -träger) bei der politischen Elite und in der Bevölkerung Russlands gleichermassen sehr populär ist. Medienberichte und Meinungsumfragen lassen keinen Zweifel daran, dass ein “westliches Modell“ für Russland entschieden abgelehnt wird.

Das “System Putin” mit seinen autokratischen Zügen nach innen und Weltmachtansprüchen nach aussen ist populärer als der „demokratische“ Präsident  Boris Jelzin, der von 1991 bis 1999 regiert hatte. Auch wenn Putin seine 1999 gemachten (Wahl-)Versprechen offenkundig nicht einzuhalten vermochte und Russland zum Beispiel im  Korruptions-Index von  Transparency International auf dem 147. Rang von 180 Ländern steht.

Politik als Imitation

Kritische Beobachter erkennen im politischen System Russlands eine Imitation oder Inszenierung einer Zivilgesellschaft: Die  Bürgergesellschaft werde etwa durch die Schaffung einer so genannten “Bürgerkammer” imitiert, einem beratenden Gremium von Fachleuten, aber auch Showstars ohne jede Entscheidungsgewalt.

Teil der Inszenierung einer Zivilgesellschaft seien auch die vom Kreml oder von Kreml-nahen Parteien unterhaltenen Jugendorganisationen  “Junges Rusland”,  “Die gemeinsam Gehenden” und  “Die Unseren” (”Naschi”), während gleichzeitig unabhänigen  Nichtregierungsorganisationen NGO das Leben schwer gemacht werde.

Zur Inszenierung gehören demnach auch die Parteien in der  Staatsduma (dem Unterhaus des Parlaments):  “Einiges Russland” und  “Gerechtes Russland” wurden vom Kreml gegründet, die ultranationalistische  “Liberal-demokratische Partei Russlands” (LDPR) von  Wladimir Schirinowski unterstützt den Kreml seit den Zeiten Jelzins und die  “Kommunistische Partei der Russländischen Föderation” (KPRF) kritisiert den Kreml nicht von demokratischen, sondern von sowjetischen Standpunkten aus.

Kreml-kritische demokratische Gruppierungen wie die Partei  “Jabloko” des Wirtschaftsreformers  Grigori Jawlinski und die  “Union der rechten Kräfte” sind seit 2003 nicht mehr in der Staatsduma repräsentiert.

Änderung des Wahlrechtes

2004 meinte Putin wörtlich: “Ich bin noch der Liberalste in der politischen Führung. Die anderen wollen gar keine Wahlen”. Nach dem  Geiseldrama in einer Schule im südrussischen Beslan im September 2004 schaffte er aber – angeblich zur „Bekämpfung des Terrorismus” – die Volkswahlen der Gebietsgouverneure und Präsidenten der autonomen Republiken ab, die seither vom Präsidenten Russlands ernannt und von den regionalen Parlamenten nur noch bestätigt werden.

Zudem änderte der Kreml auch das Wahlrecht für die Staatsduma: Mit der Abschaffung der Einerwahlkreise kann niemand mehr ohne Parteibindung kandidieren. Wenig überraschend gewann die Partei  “Einiges Russland” die  Duma-Wahlen vom 2. Dezember 2007 – mit Wladimir Putin als Spitzenkandidat, obwohl er natürlich nie die Absicht hatte, den Sitz eines einfachen Abgeordneten einzunehmen. Inzwischen ist Putin Vorsitzender der Partei – kurioserweise, ohne ihr jemals als Mitglied angehört zu haben.

Medwedew sichert die Machtbalance

Für die Putin-Nachfolge schien Vizepremier und Ex-Verteidigungsminister  Sergej Iwanow ein aussichtsreicher Kandidat zu sein. Ihm wurde aber schliesslich Medwedew vorgezogen, „weil Medwedew über keine eigene Hausmacht verfügt, auf Zusammenarbeit mit allen angewiesen ist und damit die Machtbalance der Putin-Ära nicht in Gefahr bringen wird”, wie die angesehenen Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin plausibel vermutet.

Der Kreml hatte dafür gesorgt, dass Oppositionelle wie Ex-Ministerpräsident  Michail Kasjanow, Ex-Schachweltmeister  Garri Kasparow oder der ehemalige sowjetische Dissident  Wladimir Bukoski zu den  Präsidentenwahlen am 2. März 2008 gar nicht erst antreten konnten. Alle vom Staat kontrollierten Medien – und insbesondere das Fernsehen – stellten sich während des Wahlkampfes ganz in den Dienst Medwedews, der gleich im ersten Wahlgang mit 70,28 Prozent der Stimmen gewählt wurde.

Zwei Tage nach der Amtseinführung am 7. Mai 2008 besuchten der Präsident Dmitri Medwedew und der gerade von der Staatsduma gewählte Ministerpräsident Wladimir Putin die Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau. Hier marschierten zum “Tag des Sieges” über Hitlerdeutschland nicht nur Soldaten auf, zum ersten Mal seit der Auflösung der Sowjetunion wurden auch wieder Panzer, Kampfflugzeuge und atomar bestückte Interkontinentalraketen gezeigt. Das war ein gut überlegtes und vorbereitetes Signal an das In- und Ausland: “Wir sind wieder wer!”

Keine Änderungen der Aussen- und Sicherheitspolitik unter Medwedew

Dass seine erste Auslandsreise als Präsident Dmitri Medwedew Ende Mai 2008 nach Kasachstan und China führte, war natürlich kein Zufall, sondern mit Bedacht gewählt. Der russischen Journalistin Masha Lipman zufolge gab Medwedew dadurch zu verstehen, dass “der Osten für Russland wichtiger ist als der Westen”. Beide Staaten spielen in seiner energiepolitischen Strategie eine signifikante Rolle – China als Markt und Kasachstan als Land, das sein Öl und Gas auch weiterhin über russisches Gebiet auf den Weltmarkt transportieren und nicht etwa auf die Idee kommen soll, Alternativen zu suchen.

Änderungen in der Aussenpolitik waren von Medwedew von Anfang an nicht zu erwarten. Für ihn wie auch für jeden anderen irgendwie relevanten politischen Funktionär steht vollkommen ausser Frage, dass Russland eine Supermacht ist und entsprechende Ansprüche anzumelden hat. Referenzland im atomstrategischen Bereich sind nur die USA – und nicht Mittelmächte wie Grossbritannien, Frankreich, China oder Indien. Unter anderem zwecks Sicherstellung einer “Parität” mit den USA in diesem Bereich werden rund 30 Prozent der Gesamtausgaben des russischen Haushalts in Sicherheit und Verteidigung investiert.

Fairerweise muss man dazu aber sagen, dass die Militärausgaben der USA sowohl in absoluten Zahlen (USA 547 Milliarden Dollar, Russland 44 Milliarden Russland Milliarden Dollar) wie auch gemessen am  Bruttoinlandsprodukt BIP (USA 4,1 Prozent, Russland 3,7 Prozent) um ein Vielfahes höher sind.

Die Russen stehen hinter Medwedew

Die öffentliche Meinung steht hinter den (geo-)politischen Ambitionen des Kreml: Bei einer Meinungsumfrage wenige Wochen vor den Präsidentenwahlen 2008 verlangten die Bürger vom neuen Staatsoberhaupt, dass es “Russland wieder zur Grossmacht macht” (51 Prozent); erst dann folgten Anliegen wie “Recht und Ordnung” (45 Prozent), eine gerechte Verteilung der Staatseinnahmen gemäss den Interessen der “einfachen Leute” (41 Prozent) und Reformen zur sozialen Absicherung der Bevölkerung (37 Prozent).

Als Ende 2008 die internationale Finanzkrise auch Russland traf und es Dinge zu geben schien, die wichtiger waren als eine weitere Aufrüstung, kümmerten sich Putin und Medwedew genau darum: Sie stellten ein neues Regiment von atomar bestückten Interkontinentalraketen des Tys  Topol-M (SS-27) in Dienst. Die Moskauer Tageszeitung “Kommersant” meldete unter Berufung auf russische Spitzenmilitärs, dass sich “das Tempo der Modernisierung der Strategischen Raketentruppen im Vergleich mit früheren Jahren spürbar erhöht hat”.

Und Mitte März 2009 – als viele Arbeitnehmer protestierten, weil sie über Monate hinweg ihre ohnedies geringen Gehälter nicht erhalten hatten – gab Medwedew eine Modernisierung der Streitkräfte bekannt, die insbesondere die Atomwaffen betreffen soll. Er sandte damit erneut ein klares Signal aus: Bei der Armee wird trotz der angespannten Finanzlage zuletzt gespart. Eine Priorität der Militärausgaben zu Ungunsten von Sozialem, Bildung und Gesundheit, wie sie in Krisenzeiten jede andere europäische Regierung völlig diskreditieren und rücktrittsreif machen würde.

Putin – für lange Zeit?

Viele westeuropäische Stimmen in Politik und Medien hatten Dmitri Medwedew 2008 mit Vorschusslorbeeren bedacht: Er sei “jung und dynamisch”, könne “gut zuhören”, habe sich “gegen eine Verschärfung der Pressegesetzgebung ausgesprochen”, sei “wenigstens keiner aus der Geheimdienstfraktion”, “ein Marktwirtschaftler”, wolle “die Rolle des Staates in der Wirtschaft einschränken”, gebe sich “als liberaler und westlicher Anhänger des Rechtsstaates” und sei – offenbar von besonderer Relevanz – ein Fan der britischen Hardrockband “Deep Purple”.

Ausgerechnet Wladimir Putin erklärte daraufhin (gegenüber der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel im März 2008) trocken, dass Medwedew nicht weniger ein russischer Nationalist und Patriot sei als er selbst. Medwedews Amtsführung hat diese Worte Putins dann auch bestätigt.

Und wo bleibt die Opposition?

Die demokratische Opposition ist völlig an den Rand gedrängt und hat nicht einmal eine theoretische Chance, auf die politische Entscheidungsfindung Einfluss zu nehmen; die  “Union der rechten Kräfte” löste sich unter dem Druck des Kremls im November 2008 überhaupt auf.

Der oppositionelle Politiker und Publizist  Wladimir Ryschkow meinte im März 2009, “dass alle wichtigen Hebel der Macht weiterhin in Wladimir Putins Hand liegen. Die gesamte Staatsführung, darunter die Leiter der Ministerien, Behörden, Sicherheitsorgane, der Regionen, des Parlaments, der grössten Unternehmen und Gesellschaften sind alle von Putin aufgestellt worden. Diese Leute orientieren sich weiterhin an ihm. Putin ist Premier, aber auch Chef einer Partei, die über eine Verfassungsmehrheit in beiden Parlamentskammern verfügt. Er ist Chef einer Partei, der so gut wie alle Gouverneure und Bürgermeisterdes Landes angehören.”

Die neue russische „Tandemokratie“

Dmitri Medwedew hat bisher keine Initiativen gezeigt, die Realverfassung der “gelenkten Demokratie” zu ändern. Die gerne von westeuropäischen Stimmen kolportierten Behauptungen über “Meinungsverschiedenheiten”, “Widersprüche” oder sogar “Kontroversen” zwischen Medwedew und Putin sind durch keine gesicherten Fakten untermauert.

Es ist nicht wirklich bedeutend, wie lange Dmitri Medwedew Präsident bleibt, da ihn die “gelenkte Demokratie” in jedem Fall politisch überleben wird.

Die wenigen verbliebenen oppositionellen Printmedien in Russland und manche westeuropäischen Beobachter bezeichnen die derzeitige russische Führung als “Tandemokratie”. Medwedew gewann im abgelaufenen ersten Jahr seiner Amtszeit kein eigenständiges Profil, und ein solches dürfte er auch gar nicht angestrebt haben.

Das faktische politische Zentrum Russlands hat sich dagegen vom Kreml zur Regierung und damit zu Wladimir Putin verschoben; dafür bedurfte es keiner Verfassungs- oder Gesetzesänderung zur Umverteilung der Kompetenzen des Präsidenten zum Premier. Gegen eine solche spricht denn auch ein gewichtiges Argument des Putin-nahen Politologen Wjatscheslaw Nikonow: “Warum sollte Putin die Kompetenzen des Präsidenten beschneiden, wo er doch in dieses Amt zurückkehrt?”

Von Martin Malek. Mitarbeiter am Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement IFK der Landesverteidigungsakademie in Wien. Malek arbeitet dort u.a. am Monitoring von ethnischen Konflikten in der GUS, der Analyse von Sicherheits- und Militärpolitik der GUS-Staaten und „Failed-states“-Theorien.

Quelle: maiak.info