Aus der Serie deutsche Parallelgesellschaften im Ausland: Der Sankt Martin Laternenumzug in Kairo
von Karim El-GawharyDer Muezzin hat gerade den Ruf zum Sonnenuntergangsgebet beendet, da begannen die Kindergartenkinder der DEO, der deutschen Schule mitten im Herzen Kairos, gestern mit ihren Sankt Martin Laternenumzug.
Im Gegensatz zu Deutschland, wo derzeit oft gefordert wird, dass sich alle an die Leitkultur anschließen sollen, haben die Ägypter mit dem deutschen Laternenfest kein Problem. Die meisten Kinder, die hier ihre Laternen tragen, sind Ägypter, mehr als Dreiviertel sind Muslime. Ein paar muslimische Ägypter wurden sogar gesehen, als sie nach der Verrichtung ihres Gebetes in der schuleigenen Gebetsecke angelaufen kamen, um noch rechtzeitig zu ihren Kindern vor dem Laternenumzug zu kommen.
In der Deutschen Schule in Kairo gibt es übrigens einen kooperativen Religionsunterricht, in dem Muslime und Christen gemeinsam unterrichtet werden. Hier geht zum Artikel: „Gott und Allah in einer Klasse“.
Meine ARD-Rundfunk-Kollegin Esther Saoub hat sich kürzlich des Themas “Deutsche Integrationsverweigerer in Ägypten” angenommen. Hier geht es zum Link über die Frage, warum viele der deutschen Damen in Kairo zu einer deutschen Friseurin gehen. (Danke “rick” für den Hinweis).
In diesem Zusammenhang sei selbstkritisch angemerkt: Ich kaufe auch gerne meine Brezen beim deutschen Bäcker in Kairo.
Nicht überall werden die deutschen Parallelgesellschaften so freudig akzeptiert, wie in Ägypten, wie dieses Beispiel aus Mallorca zeigt.


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Hallo Karim,
ist es ein Hinweis auf eine Parallelgesellschaft, wenn Ägypter in Ägypten an einer deutschen Schule ein Laternenfest feiern und mitgestalten? Immerhin besuchen die Ägypter diese Schule um auch ein wenig deutsche Kultur kennenzulernen. Soweit ich weiss, wird beim Laternenfest weniger der christliche Hintergrund dargestellt, als vielmehr der Sinn und Freude des Teilens, dem beide Religionen eine große Bedeutung beimessen. Aus diesem Grund scheint mir das Stichwort “Parallelgesellschaft” der falsche Ausdruck.
vg
frank
Schöne Grüße aus Hurghada,
hier fand gestern auch der St. Martins Umzug der DSH statt. Von Kindergarten bis zur 4. Klasse waren Eltern und Kinder mit ihren Laternen unterwegs, begleitet von St. Martin auf seinem Pferd.
parallelen zwischen den beiden fotos sind nicht erkennbar: das obere foto ist eindeutig ästhetischer als das untere. den ägyptern wird also nicht so viel zugemutet wie den mallorquinern. st. martin dürfte als “likedeeler” (gleichteiler) bei muslimen doch ganz gut wegkommen. ist es im islam nicht guter brauch, den notleidenden zu spenden, und sei es das letzte halbe hemd?
grüße ins mollig warme al-qahira!
dazu hatte auch ihre kollegin Esther Saoub schon einmal von nil berichtet.
http://www.tagesschau.de/schlusslicht/integration196.html
Ich denke man sollte Parallelgesellschaften nicht verwechseln mit Traditionen der eigenen Wurzeln. Eine schwäbische Hausfrau, die im Kongo vor Weihnachten Weihnachtsplätzchen backt, ein Ägypter, der sich in Deutschland ein Shish-Café sucht oder ein Journalist, der in Kairo seine Brezen isst, das sind noch keine verwerflichen Zeichen einer Parallelgesellschaft. Schwerwiegender empfinde ich sprachliche, soziale und difamierende Abgrenzungen gegenüber der restlichen Gesellschaft. Das ist der Moment, wo ich finde, dass Parallelgesellschaft ein negativer Begriff ist.
ich finde nicht, dass man hier von einer parallelgesellschaft sprechen kann. es ist ein umzug einer deutschen schule und that’s it. finde es schön, machen auch die ägyptischen kinder mit.
aber die deutschen auf mallorca, das ist sicherlich eine parallelgesellschaft und die machen genau das, was man hier in DE oder CH den arabern und türken vorwirft. ich erinnere mich noch, als ich als kind ferien auf mallorca verbrachte und damals war schon alles voll mit deutschen und spanisches essen war nur sehr schwer zu finden…. aber sich an der eigenen nase ziehen, ist ja viel schwieriger, darum schieben wirs weiterhin den “bösen ausländern” in die schuhe.
Vielleicht ist der Laternenumzug nicht das entscheidende Beispiel, aber natürlich gibt es in Kairo eine Parallelgesellschaft.
Wer von den Deutschen, die teilweise schon 5, 10, 15 oder sogar 20 Jahre in Ägypten leben spricht arabisch oder bemüht sich um Integration? Das deutsche Umfeld wird favorisiert. Man wohnt in Maadi oder einem Compound an der Stadtgrenze, die Damen genießen ihren coffee morning am Pool, abends sind die Herren die Grillmeister, am Wochenende nimmt man wieder gemeinsam am Turnier der Deutschen Golfer teil und alles, was mit dem Arabischen Alltag zu tun hat, wird mit hartnäckigem Gemeckere (auf sehr hohem Niveau) von morgens bis abends schlecht gemacht. Wenn Besuch aus der Heimat einfliegt, wird schon mal die Gelegenheit genutzt, sich vom Driver zu den Pyramiden oder in die Altstadt zur schnellen Besichtigung fahren zu lassen.
Der Unterschied zu Deutschland ist, dass die Ausländer (u.a. die Deutschen) in Ägypten in wirtschatlich wohlgeordneten Verhältnissen leben und von den Ägyptern freundlich, zuvorkommend behandelt und sehr akzeptiert werden. Abgesehen von Schweinefleisch, das seit der Massenschlachtung (die ich natürlich explizit verurteile) nur schwer erhältlich ist und “deutschem Theater” muss man in Ägypten auf nichts verzichten, nicht einmal auf den sonntäglichen Kirchgang. Den Deutschen wird das Leben leicht gemacht, denn alle DEO-Ehemaligen, und das sind viele, und jede Menge Ägypter/innen sprechen deutsch, auf jeden Fall aber englisch, also warum sollte dann der so verwöhnte “Gast” eine so komplizierte Sprache erlernen. Und damit keine schlechten Arabisch-Zensuren das Zeugnis der lieben Kinder verunstalten, wehren sich die deutschen Eltern vehement gegen den Sprachunterricht, anstatt diesen als ein Geschenk für die Zukunft ihrer Kinder zu betrachten und zu fördern. Der Integrationsgedanke spielt sowieso keine Rolle. Kaum im Urlaub in Deutschland, debattieren eben diese Eltern über den geringen Integrationswillen der muslimischen Mitbürger. Keine Parallelgesellschaft ?
Übrigens: Schenkst du in Ägypten einem Menschen ein Lächeln, so kommt es mindestens dreimal zurück. Nur ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl für unsere Deutschen zu Hause und ihr Verhalten gegenüber Ausländern. Also bitte lächeln und nix für ungut.
ich lerne fleissig arabisch lesen und schreiben. ich bin von deutschland weg, weil mir einiges gegen den strich geht, in ägypten zwar auch, aber an anderer stelle wo es erträglich ist. und ich will nicht immer in den schweizer club oder andere europäische orte aufsuchen. außerdem will ich meiner tochter bei den hausaufgaben helfen und keinen lehrer angagieren, wie es die meisten ausländer hier machen: sie lassen machen, ich möchte es selbst machen.