Den Tahrir-Platz in den Köpfen kann ihnen niemand mehr nehmen
von Karim El-GawharyLiebe Blog –Leser- und Leserinnen
Ich möchte mich inständig dafür entschuldigen, dass hier in den letzten Wochen nichts Neues erschienen ist. Ich hatte schlichtweg keine Zeit, nachdem mein Telefon seit fast zwei Wochen im Zehnminuten-Takt klingelt. Ich musste zunächst meine Medien bedienen und konnte mich nach einem 16-Stunden Arbeitstag entscheiden, ob ich noch ein paar Stunden schlafe oder für diesen Blog schreibe. Ich habe mich aus Überlebensgründen für den Schlaf entschieden.
Die letzten zwei Wochen zählten sicherlich zu den aufregensten meines Lebens. Der Freitag als ich im Tränengasnebel der Polizei stand und mit andern Demonstranten vor den Steinen der Polizei davongelaufen bin, nur um dann zu sehen, wie die Jugendlichen dann einfach auf die Polizeiketten zugestützt sind und sie verjagt haben, scheint Lichtjahre von heute entfernt.
Dann kam die Zeit der Plünderungen, nachdem das Regime die Gefängnisse geöffnet hatte und auch einige Polizisten in zivil bei den Plünderungen erwischt wurden. Das Ganze hatte System. Das Regime versuchte Chaos zu schaffen, um sich dann als Retter in der Not zu präsentieren.
Die Antwort der Menschen: Sie versammelten sich immer wieder auf dem Tahrir-Platz und bildeten Nachbarschaftkomitees um ihr Eigentum und die Familien zu schützen. Ich lebe seit 20 Jahren in diesem Land, aber niemals hätte ich mir jemals vorstellen können, wie sich die Menschen in so kurzer Zeit selbst organisieren. Nachbarn kamen auf der Straße zusammen, die zuvor niemals miteinander gesprochen hatten. Jetzt saßen sie die ganze Nacht zusammen am Lagerfeuer und arbeiteten zusammen, egal ob arm oder reich. Einer meiner Freunde erzählte mir, er sei mit einem antiken Erbstück seines Vaters, einem altes Schwert auf der Straße gesessen. „Ich wusste nicht ob ich damit die Plünderer abschrecke oder ob das wertvolle Schwert sie erst recht anziehen würde“, witzelt er heute.
Wen die Nachbarschaftskomitees beim Stehlen erwischten, der war nicht zu beneiden. Ich habe mehr als einmal erlebt, wie sie diese Menschen fast zu Tode geprügelt haben. Einmal bin ich sogar selbst eingeschritten und habe geholfen, dass der mutmaßliche Plünderer der Armee übergeben wurde. Die dann ihrerseits auf ein eingeprügelt hat. Aber wahrscheinlich mussten die Soldaten zeigen, dass sie es ernst meinen, ansonsten hätten die Komitees die Angelegenheit weiter in die eigenen Hände genommen und das hätte der Gefangene nicht überlebt. Es war eine brutale aber effektive Strategie. Die Plünderungen hörten auf. Da war noch kein einziger Polizist auf der Straße zu sehen.
Dann kam der schlimmste Tag, an dem das Regime seine Schläger losschickte, um die Demonstranten, die Innenstadt und auch uns Journalisten zu terrorisieren. Einige Kollegen wurden schwer verletzt, wie der Mann des schwedischen Fernsehens, dem sie ein Messer in den Bauch gerammt und die Schädeldecke gebrochen haben. Einige der Schläger versuchten auch das Studio zu stürmen, aus dem ich für den ORF live schalte. Nur die Armee hat sie am Ende davongejagt. Ich selbst bin den Schlägern nur ausgekommen, nachdem ich ihnen meinen ägyptischen Personalausweis gezeigt und sie mich laufen ließen, mit den Worten „wir haben gerade einen dieses ausländischen Journalisten erwischt und aufgemischt“.
Hier ein paar Live-Schaltungen unter äußerst widrigen Umständen
Die ersten Schläger tauchen auf
ZIB 13 kurz nach dem Angriff der Schläger (mit Handy-Kick-Einlage)
ZIB 20 mit verdunkeltem Studio
Auch dieser Horror ist inzwischen vorbei. Jetzt setzt das Regime auf Zeit und versucht die Opposition auseinanderzudividieren. Der Protest geht in die dritte Woche und das Regime hofft, die öffentliche Meinung gegen die Demonstranten aufzubringen, nach dem Motto: die Demonstranten sind schuld, dass keine Normalität eintritt. Vertraut uns und wir werden wieder Stabilität herstellen.
Die Demonstranten haben ihrerseits ihre Taktik geändert. Nicht jeden Tag können sie hundertausende auf die Straße bringen, also konzentrieren sie sich auf bestimmte Tage, z.B auf nächsten Freitag. An diesem Tag wollen sie mehr Leute auf der Straße mobilisieren, als je zuvor. Unteressen ist der Tahrir-Platz zu einer festen Institution geworden, dort sitzt ein harter Kern, ansonsten kommen und gehen die Menschen. Hier eine kleine Fernsehreportage von dem Platz
Jetzt geht es darum, wer den längeren Atem hat. Meine persönliche Einschätzung ist: Selbst wenn das Regime es irgendwann schaffen würde, die Platz zu räumen, hat es noch längst nicht gewonnen. Nach zwei Wochen Protesten und den unterschiedlichsten Menschen, die in dieser Zeit am Tahrir vorbeigekommen sind, ist das entscheidende nicht mehr das Halten des Platzes. Der Tahrir hat sich längst in den Köpfen der Menschen verselbstständigt. Und das kann ihnen niemand mehr wegnehmen. Das ist der Grund, warum es für das Regime längst kein Zurück mehr gibt.
Meine heutigen Live-Gespräche

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danke für die so engagierte berichterstattung! und – ich bin sehr froh, dass die entscheidung für das überlebensnotwendige schlafen gefallen ist! alles gute!
Alles gute und viel Erfolg aus Österreich!
Danke für diesen Kommentar – es ist für uns so wichtig, Ihre Einschätzung der Lage zu hören, denn für uns Außenstehende ist es schwer zu beurteilen, wie die Lage wirklich ist. Wir alle bewundern Sie für Ihren Mut und wir wünschen Ihnen und Ihren Landsleuten, dass alles zu einem guten Ende kommt!
Wie ich heute von einer ägyptischen Freundin erfahren habe, wird weiterhin Jagd auf poltisch aktive Menschen gemacht. Eine junge Frau ägyptischer Herkunft und mit britischem Pass wurde verhaftet, weil sie sich aktiv am Protest am Tahrir Platz beteiligt hat. Mubaraks Schergen sind immer noch an der Macht.
Berichten Sie bitte auch über Verhaftungen und Repressalien.
Danke für Ihre bisherige ausgezeichnete Berichterstattung.
Danke für diese und all die anderen Berichte!!!! Ich bin froh, dass Ihnen nichts Schlimmes passiert ist!! Ihre Einschätzung, dass “Tahrir” den Ägyptern nicht mehr zu nehmen ist, teile ich mit Ihnen. Passen Sie weiterhin auf sich auf!!!!!!
اتمنّى لك فرصة سعيدة يا اخ كريم و صحة ان شاء الله
alles gute nach kairo…
danke karim für die berichterstattung. heute stand unter spiegel online, dass das regime zur alten art zurückgeht und die menschen und auch die journalisten unter druck setzt. wie siehst du das? versuchen sie die proteste auszutrocknen???
Lieber Herr Gawhary,
vielen Dank für die engagierte Berichterstattung. Zum Glück ist Ihnen nichts passiert, möge das – inshallah – so bleiben.
Ich bin sehr gespannt auf die weitere Entwicklung in Ägypten und ihre Folgen für den Rest der Region.
In Syrien ist aus den geplanten Demonstrationen leider nichts geworden. Nun, wir werden sehen, was die Zukunft bringt.
Ich bin dann jedenfalls nicht mehr hier, in den nächsten Tagen geht es für mich zurück nach Deutschland.
Liebe Grüße aus Damaskus,
*Mia*
lieber karim,
wie schön, dass du wieder bloggst. ich habe deine beiträge sehr vermisst, wenn ich auch verstehe, dass du dazu keine zeit hattest. aber als leserin macht mensch sich dann doch auch ein paar sorgen in diesen unübersichtlichen zeiten. so bin ich sehr froh, dass du bisher gut durchgekommen bist und hoffe sehr, dass wir wieder regelmäßig deine gute und engagierte berichterstattung lesen,sehen und hören können!
Lieber Herr Gawhary,
Herzlichen Dank für Ihren Einsatz und Ihre authentische Berichterstattung. In den letzten Tagen meine ich eine leichte Genervtheit bei Ihnen zu bemerken, wenn Sie nach den Muslimbrüdern gefragt werden. Das ist wohl der Hang zur Vereinfachung im Westen: Die Islamisten als Gefahr der Zivilisation. Das ägyptische Volk scheint etwas anderes zu wollen und das ist das Spannende an der Sache! Möge sich das nach den Wünschen der Ägypter entwickeln!
Liebe Grüße aus Österreich!
Lieber Herr Gawahry,
darf man duzen? ich tue es und möchte sagen, dass ich oft den weniger schlaf in kauf nehme um die berichterstattung zuerst aus tunesien und dann aus ägypten mitzuerleben. eine zeit des umbruches und ich bedankle mich für die professionelle und nicht sensationsgeile berichterstattung. und für mich ganz wichtig – ein mensch, der auch arabisches blut in den adern hat fühlt und denkt ganz anders. ich bin mit einem tunesischen mann verheiratet und sehe an unseren kindern, mit welchem bonus (und vielleicht manchmal auch fluch) sie in dieser welt des umbruches zurechtkommen (müssen).
DANKE für die tollen beiträge und viel kraft und durchhaltevermögen! möge gott (allah) über dich wachen und schützen!
Lieber Karim
Schoen, dass Sie wieder online sind. Wie jemand bereits sagte: man(n)/frau macht sich Sorgen:-) speziell in diesen etwas struben Zeiten. Ja, Tahrir hat eine Bedeutung gewonnen – das Wort steht fuer Standhaftigkeit, Mut, Durchhaltewillen und – hoffentlich sehr bald – fuer Erfolg der Volksstimme. Wir haben so lange daraufhin gearbeitet, dass es fast wie ein Schock war, als das Aufstehen der Menschen ploetzlich Realitaet war. Wir hatten am 25. Jan. Traenen der Ruehrung und Freude in den Augen, welche bald abgeloest wurden durch Traenen der Wut, des Schmerzes und der Trauer.
Aber: Mubarak kann das Rad der Zeit nicht zurueck drehen und wenn er noch soviele Kriminelle auf uns los laesst. Auch das Traenengas und die Schuesse nuetzen nichts. Auch “aushungern” auf dem Tahrir und ignorieren bringt nichts. Ein Freund von uns, der gestern wieder am Tahrir war, berichtet, dass er noch nie in seinem langen Leben so eine Entschlossenheit erlebt hat. Und dies, obschon alles daran gesetzt wird, die Demonstranten zu demoralisieren.
Die Aufgabe jener, welche aus welchen Gruenden auch immer nicht taeglich am Tahrir sein koennen ist es, die Menschen zu motivieren, weiterhin die Demonstranten zu unterstuetzen und nicht auf die Staatspropaganda von innen und von AUSSEN reinzufallen. Viele finden, es sei genug und man haette doch schon fast alles erreicht.
Dieser Einschlaeferungstaktik von Suleiman und Shafiq sowie der US und EU muss aktiv entgegengewirkt werden.
Die Menschen muessen verstehen, dass gar NICHTS erreicht wurde bisher. Wie sagt man doch:
“Die alte Hure hat ihr make-up und ihren Haarstil geaendert, aber sie ist immer noch dieselbe Hure.”
Wie seinerzeit in Deutschland alles ent-nazifiziert wurde und in Irak alles ent-baathisiert wurde, muss hier alles ent-NDP’ed werden – kann man das so sagen?
Da dies gegen die erklaerten Interesse von US, Israel und EU ist, muessen wir umso standfester sein und nicht zulassen, dass die Revolution des aegyptischen Volkes von den politischen Interessegruppen gestohlen und ausgehoehlt wird.
Es liegt auch an Medienschaffenden wie Ihnen, das Thema aktuell zu halten und ehrlich und offen darueber zu berichten.
Herzlichen Dank, passen Sie auf sich auf und wer weiss – vielleicht sehen wir uns am Tahrir?
Eines vergass ich noch zu erwaehnen.
Das Verhalten der USA, der EU und die Aussagen Israel’s zeigen jetzt wohl fuer jeden auf, dass alle Drei eines fuerchten wie der “Teufel das Weihwasser” namentlich, dass Demokratie ausbrechen koennte in den arabischen Staaten, speziell aber in Aegypten.
Es ist doch um so vieles einfacher, einen habgierigen Tyrannen zu “fuehren” als mit einer Nation auf gleicher Ebene zu verhandeln. Dass dies auf der empfindlichen Haut der Menschen geschrieben wird, hat noch nie und wird wohl auch nie die Politiker interessieren geschweige denn stoeren.
seit unserer Begegnung in Moon Beach verfolge ich Ihre Berichterstattung besonders gerne in der TAZ, auch Ihr lesenswertes Buch “Alltag auf arabisch” hat mich fasziniert. Vielen Dank für Ihren unermüdlichen Einsatz, obwohl er jetzt doch ermüdend wurde, und ihre geradlinige Berichterstattung. Besonders gefallen hat mir Ihr Auftritt gemeinsam mit Ihrem Vater… schön.
In der Hoffnung, dass unser geliebtes Ägypten nun nicht wieder unter Wert verschärbelt wird.
Rabinna ma3kum.
Dem hübschen Paar vor dem Panzer auf dem Foto wünsche ich ein glückliches Leben in Freiheit! So ein Heiratsort ist doch ‘ne klare Ansage. *Die* werden jedenfalls immer wissen, wofür sie stehen!
Lieber Karim,
wir haben seit dem 27.1. täglich deine Berichte auf ORF verfolgt, neben BBC, Aljazeera, ZDF und SF. Bei dir haben am direktesten verstanden, was bei den Leuten auf dem Tahrir wirklich passiert. Chapeau, so ist gute Berichterstattung sein. Tausend Dank & herzlich, Tobias
Das ist sehr sehr schön, dass Sie unversehrt wieder bloggen! Eigentlich kann ich mich den meisten” Vorkommentatoren” nur anschließen. Vielen Dank für Ihre aufschlussreiche Berichterstattung und Sie waren so ein “missing link” zwischen Al Gazeera und ARD/ZDF ….. Und tatsächlich hat fman/rau sich Sorgen gemacht… wo Sie geblieben sind! Eine Freundin in Ägypten hat ihre letzte Nachricht unterschrieben mit: God bless the country.
Ich glaube it is now (soon) or never…. Bitte machen Sie weiter so !
Viele Grüße aus Deutschland
Vielen Dank für Ihre engagierte Berichterstattung! Vorallem das Interview mit Ihrem Vater hat mir sehr gefallen!
ich hoffe auf eine erfolgreiche Revolution und wünsche euch Durchhaltevermögen. Alle Achtung vor dem Mut und der Kraft der Ägypter.