Kairos “Schwarzer 9. Oktober”

Vivian und Michael bei ihrer Verlobung und gestern im Leichenhaus

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Vollkommen auf dem falschen Fuß  haben mich der Ereignisse in Kairo erwischt, bei denen mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen sind.  Ich bin seit gestern in Wien zur ORF-Korrespondenten-Tagung.

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Trotzdem der Versuch einer ersten Einschätzung: Das Bild, das sich aus Kairo bietet ist katastrophal und kompliziert. Eine Demonstration von Kopten, aber auch einigen Muslimen in Protest in Kairo  gegen den Angriff eine Kirche in Assuan, wurde seinerseits angegriffen. Das Militär, Polizisten in Zivil, die üblichen Schlägertruppen aber auch aufgeheizte Passanten gingen mit äußerster Brutalität gegen die Demonstranten vor. Das Ganze entwickelte sich zu einer undurchsichtigen Mischung aus einer Straßenschlacht zwischen Kopten und Muslimen und zwischen Demonstranten, die den Sturz des Miltärrates forderten und dem Militär.

Das staatliche Fernsehen spielte eine mehr als ungute Rolle, indem es offen gegen die Kopten hetzte. Die Rolle des Militärs ist völlig undurchsichtig. Es scheint einen friedlichen Protest innerhalb weniger Minuten in den blutigsten Tag seit dem Sturz Mubaraks verwandelt zu haben. Warum? Weil es dumm ist? Weil es ablenken will? Weil es durch das Schüren von einem religiösen Konflikt die Wahlen verzögern und sich länger an der Macht halten will?

Wenn es mit Absicht diese Ereignisse provoziert haben sollte, dann wäre es ein äußerst gefährliches Spiel mit einem Feuer, das sich nur noch schwer kontrollieren lässt.

Hier die Szene in einem der Krankenhäuser. Die Menschen erzählen, wie das Militär auf sie geschossen hat. Einer erzählt, wie ein Gruppe unbekannter Provokateure begonnen hat, Steine auf das Militär zu werfen und das mit scharfer Munition geantwortet hat.

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Der ägyptische Blogger Sandmonkey hat den Tag in einem Twitter-Tweed zusammengefasst:

Die einen rufen: „Das Volk und die Armee ziehen an einem Strang“, die anderen „Kopten und Muslime ziehen an einem Strang“. Was denn jetzt?

Kommentare (7)

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  1. ich fürchte, dass das einheitliche auftreten der kopten und muslime und die kraft die davon ausging und einen diktator stüzte, in gewissen kreisen angst macht. die usa möchte, dass sich in ägypten nichts für sie ändert. eine ägyptische führung von usa gnaden, das steht fest! da sehr viele im ägyptsischen militär ihre ausbildung in den usa genossen haben, dürften auch die usa freundlich sein.
    was jetzt passiert ist eine systematische schwächung des volkes. man entzweit sie. ich denke der nächste diktator steht, wenn das ägyptische volk nicht wachsam und einig bleibt, schon in den startlöchern und die usa gelder werden fleißig weiter fließen, damit alles bleibt wie es ist.

  2. Sandmonkeys Bericht hat mich beeindruckt und ich hoffe, dass er mit seiner Einschätzung recht behält!
    Ich bin aber recht optimistisch, da die Ereignisse der letzten Monate gezeigt haben dass Diktatoren, Despoten (und auch Militärs) eine aussterbende Gattung sind. Und dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Man durfte nicht wirklich erwarten, dass alles ohne Probleme abläuft, diese Völker sind auf einem Weg und da gibt es leider auch Stolpersteine.
    Also: Gute Reise!

    PS: Wäre morgen gern bei Ihrem Graz-Besuch dabei, ist leider zeitlich nicht möglich.

  3. Sandmonkey hat dazu jetzt auch etwas ausführlicher geschrieben:
    http://www.sandmonkey.org/2011/10/11/the-last-choice/

  4. Mein Mitleid mit den christlichen Fundamentalisten hält sich in Grenzen. Warum müssen die auch mit ihrem Christsein und den Kirchen die Muslime provozieren zumal es doch bekannt ist das die sehr aufbrausend gegen diese Ungläubigen reagieren?

    Ich hoffe das die ägyptische Regierung die christlichen Unruhestifter schnell ins Gefängnis stecken wird.

  5. Sandmonkey summary

    http://twitter.com/#!/Sandmonkey/status/123141976865521665

    Today in a nutshell: team ” people &army 1 hand” vs. “Muslims & christians 1 hand”. Choose ur side. #maspero

    Choose ur side – imho was anderes als “Was denn jetzt?”

  6. @1/Stefanie:
    Jaja, diese fehlgeleiteten westlichen Medien.. kaum werden Kirchen bombardiert und niedergebrannt, wird im staatlichen Fernsehen gegen Christen gehetzt und ist von derart mobilisierten zu hören “Verprügelt die Christen, sie sind Hunde!”, wird gleich von Hatz auf Christen gesprochen. Warum bloß?…

    Das Militär hat nicht bloß “unverhältnissmäßig” reagiert, es hat Demonstranten massakriert. Weil diese Christen waren, scheint es damit durchzukommen. Ich hoffe, dass dem nicht so ist und auch jetzt “ägyptisches Blut ist nicht billig” gilt.

  7. Es ist wirklich eine extrem schlimme Geschichte, die sich da gestern ereignet hat! Wenn ich viele Reaktionen der “westlichen” Medien sehe, dann scheint die Situation klar: Moslems gegen Christen! Dass man bei der Einschaetzung der Situation nicht nur die aegyptische Mentalitaet des schnellen Aufbrausens sehen muss, Neugierde( wenn irgendwo eine Schlaegerei stattfindet und ploetzlich Massen hinrennen) und natuerlich die unbestimmte Entwicklung (Stroemungen, die Staat und Religion trennen wollen; nach wie vor nicht die Sicherheit auf den Strassen, wie es sie zu Mubaraks Zeiten gab als noch die Angst vor Uniformen vorherrschte, Unzufriedenheit mit der Versorgungslage…ich koennte noch viel mehr aufzaehlen), wird gern ausgeblendet. Nun schreit einmal mehr “der Westen” auf…und die radikalen Stimmen, die sich gegen eine Einmischung wehren haben ploetzlich wieder mehr Naehrboden!
    Dass das Militaer unverhaeltnismaessig reagiert hat steht auf einem anderen Blatt!