Eine neue Art “Arabischer Wutbürger” vertreibt In Bengasi die salafistischen Milizen

Seit über zwei Jahrzehnten arbeite ich im Medienzirkus mit. Der agiert meist nach einem Grundprinzip. Berichtet wird nur, wenn es knallt, wie gestern wieder bei Auseinandersetzungen, um den Muhammad-Schmähfilm in Pakistan. Die beleidigten Muslime sind wieder einmal nicht zu bremsen

 

Derweil wäre die eigentliche Nachricht gewesen, zu berichten, dass es trotz neuer französischer Karikaturen bei den üblichen Verdächtigen nicht geknallt hat, vor allem in der Arabischen Welt gestern, nach dem Freitagsgebet. Anders als noch vor einer Woche in Kairo, Khartum, Sanaa und Tunis.

 

In Kairo jedenfalls war der Zoobesuch gestern attraktiver, als der Protest vor der französischen Botschaft, vor der gerade einmal 20  (in Worten zwanzig) Männer demonstrierten.

 

 

In Erinnerung an diese Tage werden in Europa und den USA wohl Bilder bleiben, die besser ins Bild passen, wie auf dem letzten Cover des US-Magazins Newsweek zu sehen, das aber immerhin zu eine kleinen Kontroverse geführt hat.

 

 

 

Es gibt nun im Netz sogar Gegenvorschläge für das Cover

 

 

Vorschlag für Newsweek von #LibyafromFrance

 

 

 

Zu sehen ist hier die gestrige „Save-Bengasi-Demonstration in der ostlibyschen Stadt. Dort ist in der Nacht etwas geschehen, das hoffentlich richtungsweisend für den Wandel in der arabischen Welt wird.

 

Die Bewohner Bengasis haben sich in Eigeninitiative der Plage der salafistischen Milizen entledigt, indem sie einfach in deren Hauptquartiere eingedrungen sind, die dann später von Polizei und Armee übernommen wurden. Eines der Ziele war das Quartier von Ansar Al-Scharia, einer Gruppierung, die auch mit dem Angriff auf das US-Konsulat in Verbindung gebracht wird, bei dem der US-Botschafter letzte Woche ums Leben kam. Hier ein Schnappschuss, als die Menschen bei Ansar El-Scharia eingedrungen sind und sie vertrieben haben.

 

 

 

 

 

Gut bewaffnet und wahrscheinlich auch ausreichend mit Geld aus den Golfstaaten ausgestattet, mussten die Salafisten der zivilen Wut der Bürger von Bengasi weichen. Der zivile Ungehorsam gegen die Milizen nimmt inzwischen in Libyen viele Formen an, auch in Tripolis.

 

Dieser Fahrer hat dort auf sein Nummernschild einen Zettel geklebt, auf dem steht: „Anhalten tue ich nur für die Polizei und die Armee“  - nicht also vor einer Straßensperre einer Miliz.

 

#MatogSaleh

 

Das sind doch einmal positive Nachrichten. Die Frage ist nur, warum die es so schwer haben, zwischen den Muhammad-Schmäh-Protesten einer Minderheit, medial ein wenig hindurchzuscheinen.

 

 

Kommentare (9)

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  2. Bissl spät dran, aber im Lichter der Neuigkeiten rund um Newsweek (Print-Edition wird eingestellt) erscheint es nur “logisch” im Sinne der Logik des Medienzirkus, dass das Magazin versucht durch solche Bilder aufsehen zu erregen bzw. den Absatz zu erhöhen.

    Karim – vielen Dank für deinen Einsatz! Alles Gute weiterhin!

  3. Danke für die Lehrstunde

  4. O,T.:

    “Ihr Kommentar bedarf der Moderation.”
    Der Sinn ist mir als jemandem unklar, der hier schon etliche sinnhafte Beiträge verfasst hat.

    Die Kommentarfunktion bedarf aber der Überarbeitung. Wenn man den CAPTCHA Code eingibt und dann kommentiert, wird er nicht erkannt bzw. akzeptiert. Soweit, so schlecht. Es werden einem aber für die Wiederholung ständig neue Codes vorgegeben, die ihrerseits nicht akzeptiert werden. Da hilft nur schließen und die ganze Prozedur von neuem. Wenn man Glück hat, hat man zuvor den Kommentartext in den Zwischenspeicher geladen.
    Freundlichst
    oranier

  5. Der vom Spiegel im Zusammenhang mit “Stuttgart 21″ erfundene Ausdruck “Wutbürger” ist hier und war da schon verfehlt. Wie geschildert geht es ja nicht um die Entladung blinder Wut, sondern um einen mehr oder weniger spontanen oder organisierten massenhaften Protest, der sich zielgerichtet in politischer Aktivität artikuliert.

    Der Ausdruck “die üblichen Verdächtigen” ist ein ziemlich abgelutschtes Filmzitat, das nicht vermittelt, wer genau hiermit gemeint ist.

    Ein Autor, der erklärtermaßen “seit fast zwei Jahrzehnten für deutschsprachige Medien” arbeitet, könnte sich mal die Regeln der deutschen Interpunktion aneignen und sie anwenden. Folgende Kommas aus dem Text sind verfehlt:

    - bei Auseinandersetzungen, um
    - Nachricht gewesen, zu berichten
    - attraktiver, als der Protest
    - einer Minderheit, medial ein wenig hindurchzuscheinen

    Regeln nachschlagen und üben!

  6. Lieber Karim,
    schön wieder hier zu lesen. Solche Berichte sind immer wieder eine Freude zu lesen uns sehr wichtig. Ich war selbst gerade in Kairo und kann nur den Kopf darüber schütteln, wie undifferenziert die islamische Welt von einigen deutschen Medien als “in Flammen” beschrieben wurde. Pakistan ist nicht die islamische Welt und überhaupt hatte ich den Eindruck, dass der Film schon längst kein Thema mehr war, als das nicht-mehr-Thema von unseren Medien erst richtig entdeckt wurde.

    Weiter so!

  7. Lieber Karim,

    dass es noch Journalisten gibt wie Dich, macht mir Mut. Ich verzweifele an der einseitigen Berichterstattung unserer Medien. Vielen Dank fuer die andere Sicht und hoffentlich liest man so etwas bald mal oefter in den “Mainstream” Medien.

  8. Danke schön, dies ist sehr wahr. Gestern Nachmittag, 21.09.2012, war ich vor der französischen Botschaft in Tunis, es gab zwar ein großes Aufgebot an Polizei und Militär – Demonstrationen waren im ganzen Land verboten – aber bis auf einige ewiggestrige Rufer keine Proteste. Die meisten Tunesier und Tunesierinnen haben genug von den Salafisten und den sie begleitenden etlichen Kriminellen, die die Bevölkerung terrorisieren. Sie haben auch genug von der Regierung, die durch die islamische Partei Ennahda dominiert wird. Ihre Forderungen sind die der Revolution vom 14 Januar 2011: Beschäftigung für ca. 1 Million Arbeitslose, Recht auf freie Meinungsäußerung und so mancher Jugendlicher aus Sidi Bouzid und Gafsa, den Regionen mit der höchsten Arbeitslosigkeit, meint, man solle ihnen endlich mal zuhören und sie ernst nehmen.
    H. Schürings

  9. Sehr gut, wenigstens gibt es Reporter wie Sie, die über Vorgänge berichten, die in den großen Medien ausgelassen werden. Wie heißt es doch so schön? Nur “bad news are good news”…