“Wer anderen Autos eine Schramme zufügt”. Eine Liebeserklärung an Kairo

 

 

So etwas kann einem nur in Kairo passieren. Gestern habe ich beim Ausparken mit meinem Jeep wenig glanzvoll einem benachbarten Fahrzeug noch im morgendlichen Halbschlaf eine nicht allzu kleine Schramme in den weinrot-metallic-Lack gefahren.

 

Ich hielt erst einmal an und sah mich nach dem Besitzer um. Der kam bereits wutentbrannt schreiend im Unterhemd in Verstärkung seiner beiden Söhne aus seinem Haus gerannt. Er brüllte mich an und seine beiden Söhne stellten sich hinter mich, um sicherzustellen, dass jeder Widerstand zwecklos ist.

 

Ich versuchte ruhig zu bleiben und den Mann freundlich anzublicken. Gab meinen Fehler zu (was in Ägypten nicht üblich ist). Betonte, dass es keinen Grund gäbe zu schreien, da ich meine vollste Verantwortung für den Vorfall erkläre und dass wir eine Lösung finden könnten, die darin liegt, dass ich für den Schaden aufkomme.

 

Das allein konnte die Wut meines Gegenüber nicht bremsen, der nun betonte, dass die Parkplätze vor diesem Haus ohnehin nicht für Fremde gedacht wären und ich mich allein schon für die Verwegenheit, mich dorthin zustellen eines schweren Vergehens schuldig gemacht hätte. Allerdings war der Schreikrampf bereits eines milderen Variante der lautstarken Beschwerde gewichen.

 

Auf meinen Einwand, dass ich in diesem Fall meinen irakischen Freund und seinen Nachbarn nicht mehr besuchen könne, weil es vor all den Häusern keine Parkplätze und wenn doch freie, dann für die jeweiligen Häuser reservierte Orte gäbe, erntete ich bereits ein vorsichtiges und verständnisvolles Nicken.

 

Um wieder zur Sache zu kommen, biete ich nochmals an, für den Schaden aufzukommen. Das, sagt mein Gegenüber, der übrigens Ahmad heißt, käme überhaupt nicht in Frage. Er könne von mir kein Geld annehmen. Das wiederherum ging nicht, unterstrich ich, da ich nun einmal für den Schaden verantwortlich sei. Ich entschuldigte mich erneut, und versuchte mich damit zu rechtfertigen, dass ich wohl übermüdet sei, da gerade erst gestern Nacht auf Deutschland  angekommen. Ich sei halber Deutscher..

 

„Was aus Deutschland“, sagten die beiden Söhne, die hinter mir in zwischen eine wesentlich entspanntere Haltung eingenommen hatten? Sie hätten zwei sehr gute Freunde aus Deutschland, die sie gerade vor ein paar Tagen besucht hätten und man hätte viel Spaß miteinander gehabt.

 

Wo denn meine ägyptische Familie herkäme, hakt Ahmad nach. Die stamme aus dem Nildelta in der Nähe der Stadt Mansura. Das gibt es doch nicht, meint der Schrammengeschädigte, da stamme er auch her. Es gäbe sogar ein kleines Dorf, das den Namen meiner Familie El-Gawhary trage, führe ich weiter aus. Und auch das kannte der inzwischen völlig milde gestimmte Ahmad.

 

Nein, Geld könne er sicher keines von mir annehmen, meint er. Und das mit dem Parken, sei auch kein Problem, ich solle mich das nächste Mal, wenn ich meinen irakischen Freund besuchen wolle, einfach bei ihm melden. Er habe noch einen zweiten Parkplatz, direkt gegenüber, über den eine Kette gespannt ist. Aber er wäre gerne bereit, das Vorhängeschloss für mich aufzusperren.

 

Und die Schramme, frage ich und deute noch einmal auf mein unrühmliches Werk? Ach, das sei doch nicht so schlimm, winkt Ahmad ab und führt mich zur Tür meines Wagens und winkt mich freundlich aus der Parklücke, um sicherzustellen, dass ich nicht noch mehr Schaden anrichte. Er winkt mir noch einmal lachend zum Abschied. Ich winke zurück.

 

Bei mir zu Hause habe ich noch ein paar Bücher zum Deutschlernen, die ich den Söhnen schenken könnte, überlege ich. In Deutschland hätte man bei einem Schaden am liebsten Kind möglicherweise die Polizei gerufen und den Vorfall für die Versicherung aufgenommen, oder man hätte sich unter der Hand auf den finanziellen Ausgleich für die Wertminderung geeinigt.

 

Das sind die Momente, in denen ich Kairo liebe, denke ich, als der winkende Ahmad in meinen Rückspielgel immer kleiner wird.

 

 

Kommentare (7)

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  1. habe viel ZEIT in arabischen Ländern verbracht, sollt es heissen…

  2. Eine schöne und bezeichnende Geschichte. Habe viel in arabischen Ländern verbracht. Manches an der Mentalität der arabischen Männer (in diversen Ländern) ist mir unangenehm aufgefallen wenn ich ehrlich bin. Aber etwas was mich am eigenen “Volkscharakter” immer gestört hat, die Kleinkariertheit und der entsprechende Zwang alles immer nach Vorschrift zu machen (in diesem Fall Polizei, Versicherungen etc.) ist dort erfrischend abwesend. Bin in solchen Situation zig Mal erst 5 Minuten zusammengebrüllt worden, aber wenn die sich abgeregt haben, wird man zum Tee trinken eingeladen und alles ist kein Problem mehr. Ich glaube es ist eine Art ironisierendes Macho Gehabe. “Ich habe im Prinzip recht, wenn du es aber eingestehst, wie armselig wäre es dann Geld anzunehmen”… eine gewisse Grandezza die Konflikte fast schon amüsant erscheinen lässt. Wenn ich es mir recht überlege, haben die meisten ägyptischen Bekanntschaften die ich vor Ort gemacht habe erst einmal mit einem 5 Minuten Gebrüll angefangen :)

  3. Karim, das Schöne an deiner Geschicht ist, dass du sie hier veröffentlichst. Die Normalität sind grausliche, bösartige, jedenfalls aber negative Stories. Mit der Veröffentlichung von positiven Geschichten fällst du posotiv aus dem Rahmen. Ich bin dir sehr dankbar dafür.

  4. So richtig schön geschrieben und nachzuvollziehen , wir leben seit 22 Jahren in Ägypten und haben auch schon viel erlebt, Der Kairo Verkehr ist immer wieder ein Highlight, auch wenn wir mit einem neuen Auto immer wieder Panikattacken bekommen….aber nach der ersten Schramme fährt es sich entspannter

  5. Auto fahren in Kairo ist wundervoll für mich. Eines meiner schönsten Erlebnisse beim autofahren in Ägypten auf dem Rückweg von Kirdasa nach Kairo, haben wir mit unserem sehr niedrigen Honda auf einer Schwelle den Auspuff in Höhe des Motors abgerissen; an ein Weiterfahren war nicht zu denken, da sofort Funken geflogen sind. Ein entgegenkommender Autofahrer blieb stehen, hat mit einer Schnur den Auspuff an einem anderen Rohr im Motor angehängt und uns empfohlen im nächsten Ort (Saft el Laban) bei einer Autoreparaturwerkstatt stehen zu bleiben und es reparieren zu lassen. Wir sind nach Saft el Laban gekommen, in einer Werkstatt am Straßenrand stehen geblieben und dort hat ein Mann dessen Körperfülle beängstigend war gemeint, kein Problem ;-). Er hat sich mit Kopf und Armen unter das Auto gelegt und den Auspuff wieder angeschweisst, währenddessen wurden wir mit Getränken versorgt und unterhalten.
    Das ganze hat uns 10 EGPfund gekostet und wir sind nach ca. einer halben Stunde wieder weitergefahren. Undenkbar bei uns in Wien ;-)

  6. Das kommt mir so bekannt vor. Ich werde nie vergessen, wie ich 1979 beim Einbiegen in den Kreisverkehr am Tahrir mit meinem alten Peugeot Cabrio einem nagelneuen Fiat Miafiori eine beträchtliche Delle in die Beifahrertür drückte. Durch das offenen Fenster besah sich der Beifahrer den Schaden, sagte etwas zum Fahrer, beide schüttelten die Köpfe (schnalzten wohl mit der Zunge ein ts – ts -ts) – und das Auto fuhr weiter. Somit musste ich als Student nich – wie befürchtet – für die nächsten Wochen auf Wasser und Brot umsteigen. Und noch heute empfinfde ich Ägypten wie meine zweite Heimat.

  7. Karim, ich mag Ihre Berichte so gerne und lerne auch immer wieder etwas neues dazu. Auto gefahren bin ich nur in Luxor und Umgebung. Während der ersten Fahrt fürchtete ich stets um mein Leben. Rote Ampeln, Stop- und Nachrangtafeln sind eine unverbindliche Empfehlung. Aus der rechten Spur wird links abgebogen und aus der linken Spur nach rechts. Auf eines zweispurigen Straße wurde ein Eselskarren von einem Fahrrad überholt, das wiederum von einem Moped überholt wurde, das wiederum von einem LKW überholt wurde, das von einem PKW überholt wurde, und alle kamen mir entgegen!
    Bei der zweiten Fahrt war ich wesentlich entspannter.
    Bei der nächsten überhole ich den LKW der das Moped überholt welches das Fahrrad überholt das wiederum den Eselskarren überholt :-)