Danke für den Preis des „Journalisten des Jahres“ und Dank an Barbara Frischmuth für diese Laudatio

Es ist eine Ehre den Preis des österreichischen „Journalisten des Jahres“ verliehen zu bekommen. Es ist eine noch größere Ehre, wenn die großartige Schriftstellerin Barbara Frischmuth dazu eine so wortgewandte Laudatio verfasst, die mich sehr bewegt hat. Meine  Lieblingsstelle ist das Plädoyer gegen die Instant-Berichterstattung, „die sich sosehr auf das Jetzt bezieht, dass sie höchstens dazu taugt, von der unmittelbar folgenden Vergangenheit aufgesogen zu werden, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen“. Hier die gesamte Laudatio im Wortlaut:

 

„Es ist mir eine Freude, heute Karim El-Gawhary zu loben, einen Journalisten, der nicht nur Nachrichten, sondern auch Kenntnis übermittelt. Zum Beispiel Kenntnis von den unmittelbaren Nachbarn Europas (wie er die arabischen Mittlmeerstaaten zu recht nennt). Und das mit glaubwürdigem Engagement, das sich einer merkbaren Empathie verdankt
Natürlich gehört das Bemühen um Objektivität zu den Voraussetzungen eines guten Journalisten. Wie aber kann jemand objektiv sein, wenn er die Menschen, über die er berichtet, bloß als Objekte der Beschreibung und nicht als Subjekte seiner Lebenswelt wahrnimmt. Der unschätzbare Vorteil eines Karim El-Gawhary ist seine Kenntnis des Arabischen und der arabischen Welt. Was er leistet, ist ein ständiges Übersetzen von einer Kultur in die andere, von einer Wirtschaftslage in die andere und von einer Lebenshaltung in die andere. Und das Übersetzen ist, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, eine kräftezehrende und zeitraubende Angelegenheit.
Es ist legitim, wenn Journalisten so wie Diplomaten, erst recht in Krisenzeiten, nach dem Rotationsgesetz, alle paar Jahre woanders hingeschickt werden, um möglichst objektiv über „die anderen“, (ob sie nun von einer Krise betroffen sind oder nicht), zu berichten. Was aber bedeutet diese Art von Objektivität? In den meisten Fällen wahrscheinlich, dass Situation, Entwicklung oder Umbruch, ausschließlich nach unseren, den westlichen, Kriterien beurteilt werden, dass unser Raster darüber gezogen wird. Und je objektiver (mit jeder Menge Daten und Zahlen unterlegt) dieser Raster ist, als desto weniger verständlich, nämlich für uns verständlich, erweist sich, was unter dem Raster zu liegen kommt.
Ich werde nie vergessen, wie mich ein großer Wortkünstler, und leider schon verstorbener Kollege, vor Jahren einmal gefragt hat, was denn mit den Türken los sei. „Die spinnen doch, die Türken.“ Ich fragte ihn, was er konkret damit meine. Er zuckt die Achseln und sagte etwas von Kopftüchern, Eifersuchtsmorden und überhaupt. Ich habe nie erfahren, was er mit überhaupt meinte. Denn als ich weiter nachfragte, blockte er ab. „Ich weiß viel zu wenig darüber, und es interessiert mich auch nicht besonders.“
Ich war schon froh, dass er nicht insistierte, denn wie El-Gawhary in einem seiner Interviews sagt, erwarten viele von unsereinem (damit meine ich diejenigen, die es interessiert), dass man ihnen den Nahen Osten in ein paar Minuten erklärt. Und zwar so, dass sie mit dieser Erklärung im Handgepäck ungefährdet in jede Diskussion zu diesem Thema einsteigen können. Aber das klappt nicht einmal mit der EU. Und das ginge bei ihr mit dem obkejtiven Raster für uns so viel einfacher. Stülpte nicht auch noch jeder der europäischen Nationalstaaten den eigenen Raster darüber. Und damit wird es schon wieder schwierig, auf einen grünen Zweig zu kommen.
Wie immer in so einem Fall steht ein Entweder-Oder zur Debatte, dabei geht es in Wirklichkeit längst um ein Mehroderweniger oder ein Sowohlalsauch.
Im Fall von Ägypten ist ein Teil der Ägypter sowie des westlichen Auslands gegen die Muslimbrüder und für die Militärherrschaft (aus welch guten oder schlechten Gründen auch immer) und ein anderer Teil der Ägypter und des nahöstlichen Auslands (ebenfalls aus verschiedenen Gründen) für die Muslimbrüder und gegen die Militärherrrschaft. Nur dass es immer noch viele junge Ägypter gibt, die vor zwei Jahren auf dem Tahrir Platz gegen eine Diktatur (mit der Armee im Rücken) revoltiert haben und vor einem Jahr dann ebenfalls auf dem Tahrir Platz gegen die Muslimbrüder, weil sie sich die Zukunft weder unter einem Präsidenten namens Mohamad Mursi, noch unter einem namens Al- Sisi vorstellen wollen, erfährt man vor allem von Journalisten wie El-Gawhary.
Was man von ihm jedoch nicht erfahren wird, ist, wann genau Ägypten ein demokratischer, prosperierender und produzierender moderner Staat sein wird. Aber genau das hätten wir alle gerne. Ein genaues Datum für die Erfüllung der Hoffnungen, die man in den Aufbruch der arabischen Länder gesetzt hat. Und wenn das schon nicht möglich ist, dann wenigstens eine Bestätigung des Rückfalls in die Vorgeschichte samt voraussehbarem Untergang. Und wehe man spricht von der Zeit, die, wie wir aus der eigenen Geschichte wissen, solche Umbrüche brauchen, um zu akzeptablen Entwicklungen zu führen. Der gelangweilte Blick des Gegenübers zeigt einem, dass Zeit viel zu teuer geworden ist, um sie in Abwarten und detaillierteres Wissen zu investieren
Karim El-Gawhary hat auch auf diese Art von Ignoranz eine Antwort gefunden, allerdings eine mehrere hundert Seiten starke, die Bücher wie „Alltag auf Arabisch“ und „Frauenpower auf Arabisch“ füllt.
In diesen Büchern stehen die Längerzeitversionen seiner Fernseh- und Rundfunkberichte, aber auch der jahrelangen Recherchen. Manchmal zu kürzeren Erzähltexen verdichtet, dann wieder zu lockeren Reportagen gebündelt. Geschichten, die die Nachbarschaft oder die ausgedehnte Reisetätigkeit schrieben, einerseits von Mutterwitz und bäuerlicher Pfiffigkeit gekennzeichnet, dann wiederum von städtischer Gerissenheit und weiblicher Selbsbehauptung. Berichte von Mord, Folter und Totschlag einerseits, andererseits von all den Lebens- und Glücksstrategien zur Bewältigung des kümmerlichen Alltags, von den Ungereimtheiten und Bizarrerien desselben, und den individuellen Anstrengungen, sie ins Erträgliche zu verwandeln.
Es sind immer Individuen, denen wir in diesen Geschichten begegnen, keine Musterfiguren, konstruiert aus den statistisch berechenbaren Existenzbedingungen, sondern Menschen, die sich etwas von dem bewahren wollen, das die Armut, der Krieg oder die Politik ihnen zu nehmen versuchen. Nämlich Zivilcourage, Großmütigkeit, Mitgefühl, die Souveränität der Gelassenheit und Humor.
Das klingt jetzt beinah ein wenig verklärend. Aber es heißt ja nicht, dass all diese lebenserhaltenden Eignschaften in einem Menschen versammelt sein müssen. Doch aus jedem der Protagonisten dieser Geschichten blitzt zumindest eine dieser Eigenschaften hervor. Daran erkennen wir sie auch als Menschen, die gar nicht so anders sind als wir. Nur eben mehr vom Schicksal und den Lebensumständen gebeutelt und besser vorbereitet auf jede Art von alltäglichen Zusammenbrüchen als wir, die wir schon, wenn es einmal so richtig schneit, wie es das beinah in jedem Winter tut (mit den dazugehörigen Stromausfällen und Verkehrsstaus), stündlich von Schneekatastrophen und Energiedisastern zu sehen, zu hören und zu lesen bekommen.
El-Gawharys Beschreibungen erlauben sich trotz allem Verständnis auch jede Menge an begründeter Kritk. Und wenn er vom Instant-Islam spricht, der wohl glaubt, ein Kopftuch, ein Bart und füllige Gewänder reichten aus, um aus einem Menschen einen gläubigen Muslim zu machen, fällt mir dazu auch eine Instant-Berichterstattung ein, die sich sosehr auf das Jetzt bezieht, dass sie höchstens dazu taugt, von der unmittelbar folgenden Vergangenheit aufgesogen zu werden, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen.
Klagen über den Mangel an Nachhaltigkeit im Nachrichtenwesen gehören mittlerweile zum Small-talk, d. h. sie gehen zu einem Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Dabei gibt es so vieles, was man sich merken könnte. Zum Beispiel wie Menschen, die kurzfristig zu einer Nachricht werden (in Zeiten von Kämpfen, Revolten und Aufständen), lang- oder zumindest längerfristig mit dem Leben zurechtkommen. Und wenn nicht, was das für Folgen hat. Nicht nur für sie, sondern auch für uns. Vielleicht verstehen wir dann auch einiges besser, und müssen uns nicht immer von Statistikern, Bevölkerungswissenschaftlern oder Meinungsforschern belehren lassen.
Geschichten wie El-Gawhary sie von Berufs wegen recherchiert und als Übersetzer in verschiedenen Disziplinen aufgeschrieben hat, gehören zu jenem Hintergrundwissen, das einen Journalisten zum Vermittler macht. Einem Vermittler, der Informationen aus dem Medialen ins Menschliche überträgt. Und ihnen dadurch die Nachhaltigkeit verschafft, deren sie bedürfen, um ernstgenommen zu werden. Insofern ist der Journalist Karim El-Gawhary nicht nur ein empathischer, sondern auch ein ernstzunehmender Journalist, der die Auszeichnung als Journalist des Jahres mehr als verdient hat“.

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