Wieder Tote auf dem Tahrir – pünktlich zu Jahrestag der ägyptischen Revolution

Dieses Foto wird wohl die Ikone des heutigen vierten Jahrestages des Aufstandes gegen Mubarak werden. Ihr Ehemann hält die Demonstrantin Schaima El-Sabbagh fest, die einen Moment zuvor in der Nähe des Tahrir-Platzes erschossen worden war. Später wurde der Ehemann verhaftet.  Das waren die letzten Momente ihres Lebens.

 

Schaima letzter Moment

 

Die Demonstranten wollten für den Jahrestag des Aufstandes gegen Mubarak Blumen und Kränze für die damals getöteten 840 Demonstranten auf dem Tahrir-Platz niederzulegen.

 

Schaima Kranz

 

Aber die Gruppe von paar Dutzend, die den alten Slogan der Revolution „Freiheit, Brot und Gerechtigkeit“ riefen und die einer kleinen sozialistischen ägyptischen Partei zugehörten, kamen nicht weit. Binnen Minuten wurden sie von der Polizei mit Tränengas und nach übereinstimmenden Augenzeugenberichten der Demonstranten mit Schrotgewehren von der Polizei angegriffen.

Hier ist ein Video das den Moment zusammenfasst, bis Schaima davongetragen wird.

 

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Traurig auch dieses andere Video in dem zu sehen ist, wie Schaima durch die Straßen getragen wird, ohne dass die Passanten und Ladenbesitzer helfen. Ein Zeichen wie viel Indifferenz und auch Angst viele Ägypter inzwischen haben, wenn es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kommt. Wobei diese Demonstration nach Angaben der Zeugen friedlich verlief. Auch in den Videos und Fotos ist niemand zu sehen, der die Polizei angegriffen hat.

 

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Die Untätigkeit der Passanten, war wohl auch der Grund für diese Karikatur des Zeichner Andeel, die wenige Stunden nach dem Tod Schaimas in den sozialen Medien des Landes die Runde machte. In der Sprechblase wundern sich die beiden „oh schau, die ist tatsächlich tot“

 

Schaima Karikatur

Das Innenministerium stritt ab, für den Tod Schaimas verantwortlich zu sein, was bei Twitter zu zynischen Kommentaren führte. In diesem heißt es:

Erschieße einen Demonstranten, verhafte die Zeugen, mache die Muslimbrüder für den Tod verantwortlich, lass die Medien von der Leine, befördere den Mörder, erschieße einen Demonstranten, wiederhole das Ganze.

Schaima Eschiesse Demonstranten

Schaima hinterlässt ihren fünfjährigen Sohn Bilal

 

Schaima mit Sohn

 

 

Das ist ihr Totenschein. Er bestätigt, dass sie aus nächster Nähe durch Schrotmunition erschossen wurde, die zu Risswunden in ihren Herz und ihrer Lunge führte. Der Staatsanwalt hat die Gerichtsmedizin inzwischen angeordnet keine Ergebnisse mehr in diesem Fall zu veröffentlichen.

 

Schaima Totenschein

Schaima ist nicht das einzige Opfer unter Demonstranten. Einen Tag zuvor wurde diese junge Frau Soundus, die den Muslimbrüdern nahestand, in Alexandria erschossen.

 

Schaima und Sondus

 

 

Und es dauerte nicht lang, da tauchten die ersten Tweets auf, die eine Verbindung zwischen den toten Demonstranten in Ägypten und der siebentägigen verordneten Staatstrauer für den saudischen König Abdullah herstellten.

In diesem Tweet heißt es:

Zwei Frauen wurden am Vorabend unserer Revolution von der Polizei getötet. Aber Ägypten verordnet eine Woche Staatstrauer für den Tod des Königs eines anderen Landes.

 

 

Schaima Saudi King

Kommentare (5)

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  1. Unfassbar,bin ohne Worte und kann diese Art wie mit Menschen umgegangen wird nicht nachvollziehen bei aller Liebe zu dem Regime das zu dieser Zeit in Ägypten geherrscht hat.Und jetzt nach wievielen Jahren der REVOLUTION ?geht es den Menschen noch immer nicht besser.

  2. ich fasse es nicht ! seit ca. 4 Jahren lebe ich in Ägypten, es geht mir gut und fühle mich nicht bedroht, aber kann ich wirklich weiterhin in einem Land leben mit solchen Vorkommnissen??? Es ist mir klar, dass Ägypten nicht so schnell ein reformiertes Land sein wird, die Ägypter wissen nicht, dass Rechte auch Pflichten mit sich bringt. Es wird noch Jahre dauern, aber solche Vorkommnisse brechen mir das Herz

  3. Ok, danke für die Info.

    Natürlich nicht, DemonstrantInnen dürfen nicht erschossen werden. Ich wünsche mir für Ägypten eine Demonstrationsfreiheit wie hier. Nur, wie realistisch ist das?

    Wenn ich ein informierter Mensch in einem Land mit eingeschränkten Grundrechten wie Ägypten bin, dann laufe ich doch nicht mit offenen Augen in meinen Tod. Dann gründe ich vielleicht eine Untergrund-Organisation, die sich intelligent zu überlegen versucht, wie die Grundrechte kurz-, mittel- und langfristig Realität werden können.

    Ich weiß es nicht, ob ein mehr oder weniger bewusster Suizid, so wirkt das auf mich, als neuer Schock für die ägyptische Bevölkerung das beste Mittel für mehr Demokratie in dem Land ist.

  4. Sie war nach Aussagen der Demosntranten von ihnen angekündigt, aber nicht genehmigt. Das kann aber in jedem Fall sicherlich nicht eine Rechfertigung sein, auf Demonstranten aus kurzer Entfernung mit Schrotgewehren zu schiessen.

  5. Krass.

    Ich versuche das Geschehen in die ägyptischen Verhältnisse einzuordnen: War die Demo angemeldet? War sie genehmigt?