„Träume ohne Farben“. Brief des Fotojournalisten Shawkan aus dem ägyptischen Gefängnis

Das ist der letzte Brief des ägyptischen Fotojournalisten Mahmoud Abu Zaid, alias Shawkan aus dem Tora-Gefängnis in Kairo, wo er nun seit zwei Jahren ohne Anklage einsitzt. Ich habe das traurige Dokument meines Kollegen übersetzt, der genau vor zwei Jahren während seiner Arbeit festgenommen wurde, als er die blutige Auflösung des Protestlagers der Muslimbrüder  auf dem Rabaa-Platz in Kairo dokumentieren wollte.  Mehr zu seinem Fall erfährt man in diesem Text meiner Kollegin Julia Gerlach.

 

 

 

„Ich vermisse meine Kamera

 

Ich vermisse sie ….

Ich vermisse den Grund für dessen, was mit mir geschehen wird.

Ich vermisse sie zwischen meinen Händen zu halten und durch ihr Objektiv das Leben zu sehen.

Ich vermisse sie am Abend wegzulegenund es nicht erwarten zu können sie am nächsten Morgen wieder zu treffen.

Ich vermisse aufzuwachen, meine Augen zu öffnen und als erstes auf meine Kamera zu blicken – ja und ich vermisse meine Arbeit. Eine Arbeit die mich zwei Jahre Gefängnis gekostet hat ohne zu wissen, wie lange ich noch hier sein werde.

Ich muss lachen, wenn ich anfange zu raten, warum ich hier bin….

 

Shawkan 1

 

Ich, Mahmoud Abou Zied, Shawkan, heute bin ich seit 700 Tagen in diesem Tora-Friedhof.

Ich lebe hier und beginne langsam zu glauben, das ist der letzte Ort den ich sehen werde.

Ich will euch sagen, dass ich mich langsam an meinen neuen Körper gewöhne, den dürren, blassen. Ich gewöhne mich an Krankheiten und versuche damit umzugehen.

Manchmal weiß ich nicht, ob meine Schmerzen von meiner Anämie oder von dem verdammten Virus stammen.

Wisst ihr, was am meisten weh tut, nicht die vier blanken Wände oder die Krankheit, es sind meine Träume. Meine Träume, wenn ich schlafe, sind weiß, sie haben keine Farben, keine Abenteuer, keine Action, sie drehen sich nur um meine wachsende Krankheit und meinen Tod.

Verzweiflung überkommt meine Träume und bringt mich um. Was ich euch sagen möchte, meine Träume drehen sich nur um meine Gegenwart, nicht die Vergangenheit oder Zukunft. Ich kann meinen Körper nicht mehr unterstützen Widerstand zu leisten gegen die Krankheit, um in diesen unmenschlichen Bedingungen zu überleben.

Die Aussicht mein Leben zu leben, ohne zu träumen, bringt mich um.

An den Chef der ägyptischen Journalistenunion, kannst du mich aus dem schwarzen Loch herausholen?

An alle Journalistenkollegen, könnt ihr mir helfen?

Und schließlich an den letzten Fotojournalisten der im Ahmad Gamal Ziada-Gefängnis zum Schweigen gebracht wurde und an alle Photographen auf dieser Welt, haltet meine Träume hoch und kämpft für die Fotografie. Wir sind jene, die Geschichte gemacht haben, nicht die Historiker, unsere Fotos haben den Moment festgehalten und ihn für immer gespeichert. Bitte lasst meinen Traum nicht entwischen. Ich bitte euch alle: fotografiert weiter – für mich“.

Tora Gefängnis 12.08.2015

 

 

Shawkan 2

 

Reporter ohne Grenzen hat vor zwei Tagen erneut eine Erklärung zu Shawan veröffentlicht.

 

Kommentare (13)

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

  1. Kann man dem kranken Fotografen (via Vermittlung) einen Brief ins Gefängnis zurückschicken? Ich hätte einige Fotografien für ihn.

    Was meint „letzter Brief“ oben eigentlich? Kann Shawkan nicht mehr schreiben?

  2. ich muss weinen wenn ich die worte und bilder von shawkan sehe.
    und als historiker und photograph muss ich sagen: er hat recht.
    die bilder gehen staerker ins kollektive gedaechtnis ein.
    bilder sind oft symbole und sagen oft mehr als tausend worte.
    (natuerlich muessen wir als betrachter_innen diese ausschnitte auch kritisch hinterfragen.)
    gerade in zeiten der massenmedien haben sie aber nur eine sehr kurze haltbarkeit, die geschichten dahinter werden schnell vergessen..
    gerade menschen wie shawkan, die sich die aufgabe gesetzt haben zu dokumentieren und auf die gewalt und ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen, duerfen wir nicht vergessen!
    solidaritaet mit allen von repression betroffenen und allen politischen gefangenen!

  3. Verallgemeinern von Vorurteilen wie bei Magdy Saa zeugt nur von ihren Scheuklappen und ist eine bodenlose Frechheit. Außerdem ist Shawkan kein Islamist, nur Moslem.

  4. Der Fall ist auch von „Reporter ohne Grenzen“ übernommen werden. Es gibt dazu eine Online-Petition https://www.reporter-ohne-grenzen.de/mitmachen/shawkan/
    Shawkan hat als Journalist bei der brutalen Auflösung des Protestlagers fotografiert und wurde dort festgnommen. Bis heute gibt es keine offizielle Anklage. Shakan hat zuvor sowohl für die Zeit als auch den Focus gerarbeitet. Keines der beiden sind als islamistisches Kampfbatt bekannt. Machen Sie einfach Ihren Kopf ein wenig auf, bevor ausgerechnet Sie anderen vorwerden, sie würden die Realität verleugnen.

  5. Für alle die hier die Freiheit, Menschenrechte und… nach wienen, Vergewissert euch erstmals, das die Geschichte echt ist. Die Islamisten lügen bei jedem Atemzug, verdrehen die Tatsachen und leugenen die Realität.

  6. Wie können Leute, die so etwas zu verantworten haben, sich als Menschen bezeichnen. Unmenschen müsste man sie alle nennen.

  7. Das ist eine Schande für Ägypten, das ist keine Rechtsprechung, sondern Diktatur.
    So eine polizeiliche Willkür darf es in einem zivilisierten Land nicht geben.

  8. Wo sind die Menschenrechtorganisationen,warum verschweigt man,was in der ägyptischen Diktatur passiert.Journalisten sind dazu da,um die Menschen über das Weltgeschehen zu informieren,ohne sie würden wir wie Neandertaler im Dunkeln tappen.Jeder,der anders denkt als Sisi,der ihn nicht als den letzten Propheten anerkennt,wird verschleppt,gefoltert,viele zum Tode verurteilt,Jahrelange Haft droht in total überbelegten Zellen,wo einer neben dem anderen liegt,jetzt in völlig überhitzten Räumen,wo es schon Tote gab,ohne Ventilator,Hilferufe dringen nach draussen,aber keiner hilft. Studenten,die an Demo’s tilnahmen,werden verhaftet,gefoltert,zu Tode geprügelt oder gleich in die Luft gesprengt,Menschen werden gehängt,die bis zum Schluß nicht wußten,wofür.Kranken werden Medikamente entzogen,geht es ihnen dann so schlecht,daß sie stationäre Hilfe brauchen,wird das von der Polizei verweigert,bis sie sterben. Hohe Staatsbeamte , Juristen ,die in der Morsi-Periode im Amt waren,kamen so ums Leben.Es gibt Webseiten in deutsch,die darüber berichten,auch Ämter von Menschenrechte.Sisi-Militärputsch haben diese Beweise.Auf der ganzen Welt sind Journalisten wichtig,sind Medienberichte wichtig,warum läßt man diese Menschen allein,sie sind von Korruption umgeben,sind der Willkür einer überalterten,verlogenen Justiz hilflos ausgesetzt,eine Schande ist das für die ganze Menschheit.

  9. und bei uns regt sich AI auf, dass die flüchtlinge nicht nach dem menschenrecht behandelt werden…….

  10. Bitte lasst Menschlichkeit walten.

  11. es ist unerträglich wie journalisten und fotografen und filmteams ohne anklage, ohne verurteilung und unter welchen unmenschlichsten bedingungen angehalten werden. es ist eine schande das der rechtsgrundsatz der unschuldsvermutung nicht ansatzweise gilt und offenbar eine willkür herrscht. das hat weder mit recht noch mit gerechtigkeit zu tun. man kann nur alle international verfügbaren medien und demokratische mittel einsetzen um sämtlichen festgehaltenen rportern zu helfen in freiheit zu kommen.

  12. Traurig, dass ein Land, dass sich als demokratisch definiert bzw. bezeichnet, solche handlungen setzt und die westliche lobby schaut und ungerührt zu – das ist freier und demokratischer Journalismus. Wie weit sind Politiker gesunken, dass sie sich nicht für einen Menschen einsetzen, der Mißstände aufzeigen und zur Verbesserung beitragen will.