12.11.2010 von Karim El-Gawhary
Der Muezzin hat gerade den Ruf zum Sonnenuntergangsgebet beendet, da begannen die Kindergartenkinder der DEO, der deutschen Schule mitten im Herzen Kairos, gestern mit ihren Sankt Martin Laternenumzug.

Im Gegensatz zu Deutschland, wo derzeit oft gefordert wird, dass sich alle an die Leitkultur anschließen sollen, haben die Ägypter mit dem deutschen Laternenfest kein Problem. Die meisten Kinder, die hier ihre Laternen tragen, sind Ägypter, mehr als Dreiviertel sind Muslime. Ein paar muslimische Ägypter wurden sogar gesehen, als sie nach der Verrichtung ihres Gebetes in der schuleigenen Gebetsecke angelaufen kamen, um noch rechtzeitig zu ihren Kindern vor dem Laternenumzug zu kommen.
In der Deutschen Schule in Kairo gibt es übrigens einen kooperativen Religionsunterricht, in dem Muslime und Christen gemeinsam unterrichtet werden. Hier geht zum Artikel: „Gott und Allah in einer Klasse“.
Meine ARD-Rundfunk-Kollegin Esther Saoub hat sich kürzlich des Themas “Deutsche Integrationsverweigerer in Ägypten” angenommen. Hier geht es… weiter lesen
05.11.2010 von Karim El-Gawhary

Eine Parade von potentiellen Selbstmordattentätern. Das ist das übliche Bild aus meiner Region, wenn es um Selbstmord geht. Selbstmordattentate sind bei den militanten Islamisten ein fester Bestandteil ihres Jihad-Konzeptes. Eine spektakuläre Methode, bei deren Anwendung sie glauben, sich für eine größere Sache zu opfern und als Märtyrer zu sterben.
Eine unter islamischen Rechtsgelehrten übrigens sehr umstrittene Angelegenheit. Natürlich gibt es radikale Prediger, die dazu anstacheln. Aber es gibt viel mehr Scheichs, die Selbstmordanschläge ablehnen, vor allem wenn die Opfer keine Militärs, sondern unschuldige Zivilisten sind.
Aber es gibt in der arabischen Welt noch eine völlig andere Art von Selbstmord über die nicht oft geredet wird: den Freitod aus Verzweiflung. Die Latte hängt hier, in solch religiösen Gesellschaften, sehr hoch. Denn für gläubige Muslime ist es “haram” – islamisch verboten, sich so das Leben zu nehmen. Nach dem Motto, das auch für andere Religionen gilt: Was Gott dir gegeben hat,… weiter lesen
02.11.2010 von Karim El-Gawhary

Aus der Serie: Verkehr in Kairo
Heute in Kairo aufgenommen, auf dem Weg vom Büro nach Hause

19.10.2010 von Karim El-Gawhary
Stellen Sie sich vor, sie protestieren, um endlich ihr monatliches Arbeitslosengeld von 25 Euro ausgezahlt zu bekommen, werden von der Polizei verprügelt und die Treppe heruntergestoßen und brechen sich dabei das Rückgrat.

Quelle: Al-Masry Al-Youm
Genau das ist in Kairo passiert. Eine Gruppe von kürzlich entlassenen Arbeitern hatte im Gebäude des staatlichen Gewerkschaftverbandes (unabhängige Gewerkschaften sind in Ägypten verboten) dagegen protestiert, dass ihnen ihre Arbeitslosenhilfe nicht ausgezahlt worden ist. Zwar hatten sie ein mündliches Versprechen erhalten, dass dies geschehen wird, einige der Arbeiter wollten das Gebäude aber nicht verlassen, bis sie das Geld in den Händen halten.
Statt dem Geld kam die Polizei und räumte das Gebäude. Der aus einer staatlichen Textilfabrik im Nildelta entlassene Arbeiter Samir Al-Qazaz wurde dabei die Treppe heruntergeschubst. Mit Verdacht auf ein gebrochenes Rückgrat, wurde er in ein nahegelegenes Krankenhaus gebracht. Dort konfiszierte die Polizei seine Krankenakte und die Röntgenbilder.
Das Gewerkschaftsebäude… weiter lesen
07.09.2010 von Karim El-Gawhary
Noch vor wenigen Tagen saß ich mit meiner Familie am Tisch und wir redeten darüber, dass die unerträglichen Sommertage endlich vorüber sind und nun die angenehmen Herbsttage beginnen. Die Klimaanlage bleibt ausgeschaltet, stattdessen werden die Fenster aufgemacht und eine leichte, wenngleich noch warme Brise zieht durchs Haus. Das erfreut das verschwitzte Gemüt und entlastet die Stromrechnung und das Umweltgewissen.

Alles schien also gut, bis ich heute Morgen das Fenster öffnete, um es gleich darauf wieder zu schließen. Ein kurzer Blick in die Zeitung bestätigte meinen Verdacht: Was meine Nase beim Öffnen des Fensters vermutete, wird vom „Luftverschmutzungswarnsystem der ägyptischen Umweltbehörde bestätigt. “Die Saison der „schwarzen Wolke hat begonnen”, titelt die unabhängige ägyptische Tageszeitung Al-Masry Al-Youm.
Kairo befindet sich also wieder im Griff der „schwarzen Wolke“, einem alljährlich im Herbst wiederkehrenden Phänomen, das eine natürliche und eine menschengemachte Ursache hat. Die 18 Millionen Stadt Kairo erstickt in ihrem eigenen Dreck,… weiter lesen
30.08.2010 von Karim El-Gawhary
Aus der Serie: Andere Länder andere Sitten
Wieder zurück aus dem Urlaub und erneut online, möchte ich den ersten Blogeintrag meinem beliebtesten Fortbewegungsmittel widmen. Ich bin begeisterter Bahnfahrer, nicht nur in Ägypten, sondern auch bei meinen kurzen Besuchen in Deutschland oder Österreich. Mal lasse ich entspannt die Palmenhaine an mir vorüberziehen, mal die Voralpenlandschaft.
In Deutschland betreibe ich dabei immer gerne ethnoligische Feldstudien. Verwundert höre ich aufgeregten Gesprächen auf dem Bahnsteig zu, die sich meist darum drehen, dass der ICE wieder einmal ein paar Minuten zu spät kommt.
Kulturell noch faszinierender finde ich die Durchsagen des sogennannten Serviceteams, das sich dafür entschuldigt, dass der Zug etwa mit der unglaublichen Verspätung von sechs Minuten am Zielbahnhof ankommt. Wenn es noch länger dauert, werden gar kalte Getränke gereicht (wenn ich das in Ägypten erzähle, glaubt mir das kein Mensch).… weiter lesen
07.07.2010 von Karim El-Gawhary
Heute morgen gab es in Kairo nur ein Thema: Paul das Okotopus-Orakel, das diesmal, nicht auf Deutschland, sondern auf Spanien getippt hat. Der Achtabuut, wie der Calamari auf arabisch genannt wird, ist in aller Munde
Eigentlich kommt das Tier aus Oberhausen, aber es erfreut sich inzwischen weltweiter Bekanntheit. Auch in den arabischen Sportprogrammen konnte jeder den tierischen Tipp sehen, wie hier mit arabischem Kommentar über Euronews.
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„Deutschland hat die beste Mannschaft, aber gestern in der ägyptischen Sportschau, hast du da den Tintenfisch gesehen, es sieht nicht gut für euch aus“, feixte heute Morgen bei einem meiner ungeliebten Gänge in ägyptische Amtstuben ein Vertreter der Kairoer Stadtverwaltung, bevor er mich wieder einmal auf drei Schalter weiter vertröstete.
Meine Papiere sind immer noch nicht erledigt und ich klagte dem Kairoer Taxifahrer mein ägyptisches Bürokratieleid, da wollte er mich auf andere Gedanken bringen und begann na, von wem… weiter lesen
01.07.2010 von Karim El-Gawhary
Der 1. Juli 2010 war wahrlich kein guter Tag für Raucher, und das an den verschiedensten Ecken dieser Erde. Ab heute geht es ihnen an Donau und Nil an den Kragen.
In Österreich dürfen Gastwirte mit dem heutgien Tage den Tabakkonsum nur mehr dann erlauben, wenn sie über abgetrennte Raucherzimmer verfügen. Es drohen dem Raucher Strafen bis zu 1000 Euro und dem Gastwirt ein Bussgeld bis zu 10.000 Euro.
Auch die ägyptischen Raucher reiben sich seit heute Morgen entsetzt die Augen. Wer sich nun an einem der Kioske in Kairo mit Nikotin versorgen will, der zahlt bis zum Doppelten des alten Preises. Die Steuer auf Zigaretten wurde um 40 Prozent erhöht, der in den Cafehäusern beliebte Tabak für Wasserpfeifen kostet gar das Doppelte.
Damit sollen, nach Angaben der Regierung in Kairo, mehr Leute gezwungen werden, ihre Sucht aufzugeben. Die Anzahl der Raucher ist in den letzten 30 Jahren um ein… weiter lesen
01.07.2010 von Karim El-Gawhary

Die Scheidungsrate in Ägypten liegt mit 40 Prozent auf deutschem Niveau, doch die Statistik weist eine Besonderheit auf: Viele Ehen enden schon im ersten Jahr. Sich gründlich kennenzulernen ist oft schwierig, in einem Land, in dem sogar das Küssen in der Öffentlichkeit verboten ist. Das, gekoppelt mit dem großen gesellschaftlichen Druck, „unter die Haube“ zukommen, hat oft fatale Folgen.
Eine Kairoer Eheberaterin fasst das folgendermaßen zusammen.
“Eine junge Frau trifft einen Mann, er ist sympathisch, führt sie aus, also denkt sie: Okay, den kann ich heiraten. Sie machen eine riesige Hochzeit, alle Freundinnen sind begeistert, sie ist ganz stolz auf ihren Ring – doch dann schließt sich die Tür hinter ihr und sie fragt sich: Wer ist das eigentlich?”
Meine ARD-Rundfunk-Kollegin Esther Saoub beweist mit ihrem Stück zum Thema “Scheidung in Ägypten” wieder einmal, warum das Radio ein großartiges Medium ist, um kurz einmal durch das Schlüsselloch traditioneller… weiter lesen
21.06.2010 von Karim El-Gawhary
Das Thermometer an meinem Küchenfenster geht bis 50 Grad. Dort hören die Striche auf. Von da ab hat der Zeiger noch ein paar Zentimeter bis zum Anschlag und genau da hängt er gerade. Aber das ist in der Sonne. Das ist kein Witz. Hier ist das Beweisfoto:

Beweisfoto
Im Schatten soll es heute offiziell nur 44 Grad haben. Allerdings glaubt kaum jemand in Kairo dieser offiziellen Messung. Die, so heißt es, soll bewusst niedrig gehalten werden, damit die staatlichen Institutionen kein Hitzefrei bekommen.
Auch die ägyptischen Zeitungen erhalten dieser Tage immer wieder Leserbriefe, in denen angezweifelt wird, ob die staatlichen Messungen tatsächlich akkurat sind.
Die unabhängige Tageszeitung Al-Masry Al-Youm hat gestern in einem Park in Kairo im Schatten unter einem Baum selbst nachgemessen. Nachmittag um halb vier kam deren Thermometer auf 49 Grad.
In Berlin lese ich, hat es 16 Grad und in Wien… weiter lesen