Kairo, das sind nicht nur blutige Straßenschlachten, die es bis in unsere Medien schaffen und Bärte, die dem Land ihren Stempel aufdrücken wollen. Gestern gab es ein schönes Park-Fest im Fish-Garden auf der Nilinsel Zamalek unter dem Motto „A Taste Zamalek“organisiert von der Bürgerinitiative der Insel.
Dort spielte auch die Band Abu wel Shabab, übersetzt ungefähr „Papa und die Jungs“ mit politisch kritischen Texten, wie etwa folgendem:
“Ich kann keine Lösung finden um die gegenwärtige Lösung zu ersetzen. Keine wirkliche Arbeit, keine echte Gerechtigkeit, nur eine Menge Gerede. Talkshows und Beschimpfungen, während eine Gruppe die ganze Nation zu Ungläubigen erklärt und sie selbst die Söhne des Teufels sind.
In einem anderen Lied heißt es:
Die Menschen sind gnadenlos, als ob das was geschehen ist nie passiert ist, als ob die Revolution ein Match ist und der Gewinner zum
In Ägypten wurde er bekannt als „Augen-Scharfschütze“ oder „Augen-Jäger“: Polizeileutnant Mahmud Sobhi El-Shinawi. Er hatte sich darauf spezialisiert, mit einem Schrotgewehr auf die Köpfe der Demonstranten zu zielen und ihnen die Augen auszuschießen. Jetzt wurde dafür von einem Strafgericht in Kairo zu drei Jahren Gefängnis verurteilt
Bekannt wurde er durch dieses Video, das zeigt, wie andere Polizeioffiziere ihm für einen erfolgreichen Augenschuß gratulieren. “Sehr gut Bascha – der ist direkt ins Auge gegangen”
Die Demonstranten erstellten daraufhin einen Steckbrief und haben so den Schützen identifiziert.
Für den bekannte ägyptischen Aktivist Ahmad Harara, der durch derartige Polizeieinsätze mit Schrotmunition gleich beide Augen verloren hat, dürfte dieses Urteil wenig zufriedenstellend sein.
Oder: Warum die Ägypter schon vor den festlichen Bäumen saßen, als die Europäer noch auf ihnen kletterten
Hassan Abu Daous verkauft seit einem halben Jahrhundert Weihnachtsbäume in Kairo. Ausländer sind seine Kunden, aber auch Muslime und christlichen Kopten, die ihr orthodoxes Weihnachten erst am 7. Januar feiern. Aber da Ägypter immer alles lieben, was leuchtet und glänzt, gibt es dort zahlreiche Menschen die kein religiöses, sondern eher ein Kulturweihnachten feiern und dazu gehört unbedingt ein Weihnachtsbaum.
Dieses Jahr ist es allerdings ziemlich flau mit dem Verkauf, erzählt der muslimische Christbaumverkäufer Hassan. „Solche Bäume kaufen die Menschen, wenn sie glücklich sind und es ihnen gut geht“, erklärt der den Käuferschwund. Kairo in der Krise, mit dem Streit um die Verfassung und den Auseinandersetzungen auf der Straße zwischen Islamisten und Opposition, da will dieses Jahr keine so rechte Weihnachtsstimmung aufkommen.
Aha – dem deutschen Entwicklungsminister Dirk Niebel machen die Veränderungen in Ägypten also große Sorgen. Das sagt er in einem FR-Interview. Es bestehe die Gefahr, dass das diktatorische System des gestützten Präsidenten Mubarak wieder auflebt, nur diesmal mit anderen Personen, sagt er und kündigt an, alle Regierungskontakte nach Ägypten abzubrechen. Auch den geplanten teilweisen Schuldenerlass können die Ägypter jetzt erst einmal vergessen, meint Niebel. „Wir sind bereit, eine Transformation hin zu mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Ägypten zu unterstützen“, fügt er hinzu.
Ich glaube der ägyptische Präsident Muhammad Mursi würde sich glücklich schätzen, wenn die Bundesregierung zu ihm nur halbwegs so ausgezeichnete Kontakte aufrechterhalten würde, wie sie das einst zum Diktator Mubarak getan hat, dessen systemisches Aufleben sie jetzt befürchtet. 30 Jahre lang hatte die Bundesregierung im Namen der Stabilität die arabischen Autokraten gestützt.
Die Belästigung von Frauen auf der Straße ist in Kairo zu einer Epidemie geworden. Ein Sprecher der ägyptischen Präsidenten Muhammad Mursi erklärte letzten Dienstag, dass alleine während des Bayram-Festes letzte Woche 735 Anzeigen wegen sexueller Belästigung bei der Polizei eingegangen sind. „Wir müssen alle Phänomen des moralischen Verfalls bekämpfen, ganz besonders die Belästigungen auf Ägyptens Straßen“, heißt es in der präsidialen Erklärung.
Ob das hilft, dabei immer die richtigen markiert werden und die Bürgerwehr nicht selbst zu Problem wird? Und wo ist eigentlich die Polizei? Diskussion erwünscht!!!
Ich liebe die ägyptische Kreativität nach dem Sturz Mubaraks. Man mag zu der Arbeit des Internationalen Währungsfond (IWF) stehen wie man will, sicher ist, es dürfte nur wenige Länder geben, in denen Lieder komponiert und Musikvideos gedreht werden, die den IWF zum Thema haben. Wie dieses hier von Yasser El-Manawahly.
Heute Morgen auf den Weg zur Arbeit in Kairo: Ein besonders dreister Fall eines fehlenden Fahrzeugkennzeichens.
Einer der Unarten, die sich in Kairos Verkehr seit dem Sturz Mubaraks eingebürgert haben, ist der Glaube mancher, dass Autonummernschilder etwas völlig Unnötiges seien, zumal sie dazu führen könnten, dass man überflüssigerweise einen Strafzettel erhält.
Obwohl die Verkehrs-Kontrollen nach monatelanger Absenz der Gesetzeshütter auf Kairos Straßen seit ein paar Wochen wieder zugenommen haben, scheint die Polizei das Phänomen nicht in den Griff zu bekommen. Ich sehe jeden Tag Dutzende Fahrzeuge ohne Kennzeichen, die unbehelligt mitten durch die ägyptische Hauptstadt kreuzen.
So etwas kann einem nur in Kairo passieren. Gestern habe ich beim Ausparken mit meinem Jeep wenig glanzvoll einem benachbarten Fahrzeug noch im morgendlichen Halbschlaf eine nicht allzu kleine Schramme in den weinrot-metallic-Lack gefahren.
Ich hielt erst einmal an und sah mich nach dem Besitzer um. Der kam bereits wutentbrannt schreiend im Unterhemd in Verstärkung seiner beiden Söhne aus seinem Haus gerannt. Er brüllte mich an und seine beiden Söhne stellten sich hinter mich, um sicherzustellen, dass jeder Widerstand zwecklos ist.
Ich versuchte ruhig zu bleiben und den Mann freundlich anzublicken. Gab meinen Fehler zu (was in Ägypten nicht üblich ist). Betonte, dass es keinen Grund gäbe zu schreien, da ich meine vollste Verantwortung für den Vorfall erkläre und dass wir eine Lösung finden könnten, die darin liegt, dass ich für den Schaden aufkomme.
Das allein konnte die Wut meines Gegenüber nicht bremsen, der… weiter lesen
Das ist Mustafa. Er hat mich heute ins Büro gefahren. Eigentlich hat er den letzten Premier Mubaraks und Wahlverlierer Ahmad Schafik gewählt. „Weil er einfach mehr Erfahrung hat und weiß, wie der Hase läuft“, sagt er.
Aber der Taxifahrer Mustafa ist auch ein perfektes Beispiel für den Pragmatismus der Ägypter, die vielleicht aufgrund ihrer 7000jährigen Geschichte und Gottgläubigkeit die Dinge manchmal in größeren Zeiträumen und mit Distanz betrachten.
„Gott hat uns jetzt den Muslimbruder Muhammad Mursi als Präsidenten gebracht“, beginnt er seine Wahlnachbetrachtung. „Vielleicht ist das besser, denn wenn Schafik gewonnen hätte, dann hätte es hier in Ägypten ein Blutbad gegeben“, meint er.
Wenn Mursi nichts liefert, dann werden ihn die Ägypter in vier Jahren einfach wieder abwählen, davon ist er überzeugt. Und wenn er Gutes vollbringt, „dann umso besser“. Außerdem habe auch Mursi sicherlich von der Erfahrung Mubaraks gelernt, dass man… weiter lesen