Manifest der Antigravitation

Zur Zeit findet ein Fußballturnier mit 16 Männermannschaften aus 16 verschiedenen europäischen Ländern in Polen und der Ukraine statt. Zu diesem Zweck wurden in den beiden Ländern viele Stadien neu oder umgebaut.

(Der Philosoph Peter Sloterdijk über Torschützenorgasmen und nationale Erregungsgemeinschaften, über den männlichen Jäger, den niemand mehr braucht – und was das alles mit Fußball zu tun hat. 2. Teil scrollen >)


Im Stadion in Warschau wurde das Eröffnungsspiel ausgetragen, außerdem werden noch zwei weitere Vorrundenspiele sowie ein Viertel- und ein Halbfinale hier stattfinden. Das Stadion wurde am 29. Januar 2012 mit einem Musikfestival eingeweiht. Durch Anheben des Spielfeldes auf Höhe des Mittelrangs kann das Stadion auch in ein Leichtathletikstadion umgebaut werden.

In Danzig wurde ein neues Stadion für die Europameisterschaft errichtet und am 14. August 2011 mit dem Spiel Lechia Gdańsk und Cracovia Krakau eröffnet. Der Komplex trägt den Namen PGE Arena Gdańsk und verfügt über eine Kapazität von 44.000 Zuschauern. Danzig ist für drei Gruppenspiele und ein Viertelfinale des Turniers vorgesehen. Das neue Stadion wird außerdem von dem Fußballverein Lechia Gdańsk genutzt.

Im Stadion Miejski in Posen, Heimatstadion von Lech Posen, werden drei Vorrundenspiele der Europameisterschaft stattfinden. Die Spielstätte wurde komplett umgebaut, erhielt u.a. eine komplette Überdachung der Tribünen mit integrierter Flutlichtanlage und wurde am 20. September 2010 mit einem Konzert des Sängers Sting eröffnet. Das Stadion verfügt über eine Kapazität von 43.090 Sitzplätzen. Es ist das einzige Stadion der vier Spielorte in Polen, welches bei der Vergabe der Endrunde schon existierte.

In Breslau wurde das Stadion Miejski errichtet und verfügt über eine Kapazität von 43.000 Sitzplätzen. Es werden drei Vorrundenspiele in Breslau stattfinden. Die Arbeiten für die neue Arena wurden Ende August 2011 abgeschlossen. Am 10. September 2011 fand zur Eröffnung des Stadions der WBC-Weltmeisterschafts-Boxkampf im Schwergewicht zwischen dem ukrainischen Weltmeister Vitali Klitschko und dem polnischen Herausforderer Tomasz Adamek statt. Das Stadion umfasst unter anderem Andachtsräume und Arresttrakte. Es wird vollständig überwacht.

Im Olympiastadion Kiew wird das Endspiel ausgetragen, außerdem werden dort drei Vorrundenspiele sowie ein Viertelfinale stattfinden. Dafür wurde das in seiner ursprünglichen Form ab 1936 erbaute und für das Fußballturnier der Olympischen Sommerspiele 1980 verwendete Stadion komplett umgebaut. Unter anderem erhielt es eine komplette Überdachung der Tribünen mit integrierter Flutlichtanlage. Es hält nun 70.050 Sitzplätze für Besucher bereit.

In Donezk wurde zwischen 2006 und 2009 ein neues Stadion gebaut. Der Komplex trägt den Namen Donbass Arena und verfügt über eine Kapazität von 51.504 Sitzplätzen. In Donezk werden drei Gruppenspiele sowie ein Viertelfinal- und ein Halbfinalspiel ausgetragen. In der ukrainischen Meisterschaft wird das Stadion von Schachtar Donezk genutzt.

Im Metalist Stadium in Charkiw, dem Heimatstadion des Metalist Charkiw, werden drei Vorrundenspiele der Europameisterschaft stattfinden. Die Spielstätte wurde zwischen 2008 und 2009 komplett renoviert und verfügt seitdem über eine Kapazität von 41.307 Sitzplätzen.

In Lemberg wurde die Arena Lwiw errichtet, die über eine Kapazität von 34.915 Plätzen verfügt. Hier werden drei Vorrundenspiele stattfinden. Das Stadion wurde am 29. Oktober 2011 eingeweiht; am 15. November 2011 fand das Eröffnungsspiel zwischen den Nationalmannschaften der Ukraine und Österreichs statt.

Die geplanten Kosten für die Stadionneubauten haben sich vervielfacht. Mittlerweile rechnet die ukrainische Regierung für die Stadien und Infrastruktur mit Gesamtkosten in Höhe von rund zehn Milliarden Euro. Eine sehr hohe Summe, wenn man bedenkt welche gesellschaftlichen Probleme sonst noch zu bewältigen sind. Vor allem in der Ukraine ist Korruption weit verbreitet, möglicherweise hat das zu diesen Kosten geführt. Eine Refinanzierung dieser Beträge scheint unmöglich zu sein. (Siehe auch taz-Interview mit Architekt Volkwin Marg über Julia Timoschenko, Sportboykotts und kleptomanische Piraten.)

Zum gleichen Thema ein aufschlussreiches Spiegel-Gespräch mit Peter Sloterdijk aus 2006. Einfach gedanklich ein paar Namen geändert passt es auch 2012. Eine Dokumentation.

Der Philosoph Peter Sloterdijk über Torschützenorgasmen und nationale Erregungsgemeinschaften, über den männlichen Jäger, den niemand mehr braucht – und was das alles mit Fußball zu tun hat.

Herr Sloterdijk, wie gucken Sie sich die WM an, als Fan oder als Philosoph?

Sloterdijk: Eher als ein Mensch, der sich für die Archäologie der Männlichkeit interessiert. Das Fußballspiel ist atavistisch, und es ist eine anthropologische Versuchsanordnung. Seit einigen tausend Jahren suchen die männlichen Menschen nach einer Antwort auf die Frage: Was macht man mit Jägern, die keiner mehr braucht? Von unserem anthropologischen Design her sind Männer so gebaut, dass sie an Jagdpartien teilnehmen. Doch haben wir seit gut 7000 Jahren, seit Beginn des Ackerbaus, die Jäger einem riesigen Sedierungsprogramm unterworfen. Je höher die Religion, desto stärker war der Versuch, den inneren Jäger davon zu überzeugen, dass es im Grunde eine Schande ist, ein Mann zu sein, und dass Männer als Männer niemals des Heils teilhaftig werden.

Es sei denn, sie spielen Fußball und ersetzen die Jagd nach dem Wild durch die Jagd nach dem Tor?

Sloterdijk: So ist es. Es gibt kaum ein Spiel, bei dem unsere alten protoartilleristischen Jagderfolgsgefühle so deutlich imitiert werden können. Wenn man den inneren Jäger ganz paralysiert, ganz umgebracht hat, dann kommt man unvermeidlich zu der Überzeugung, dass es auf der Welt nichts Dümmeres gibt als die Reaktion von Fußballern nach dem Torerfolg. Es ist wirklich obszön, was man da zu sehen bekommt. Eine Pornodarstellerin müsste sich genieren, verglichen mit diesen seltsamen Torschützenorgasmen, die vor zahlendem Publikum zum Besten gegeben werden. Aber: Sobald man auf diesen Mord am inneren Jäger verzichtet und die alten Jagdgefühle zulässt, spürt man sofort, was auf dem Rasen verhandelt wird. Da wird nämlich das älteste Erfolgsgefühl der Menschheit reinszeniert: mit einem ballistischen Objekt ein Jagdgut zu treffen, das mit allen Mitteln versucht, sich zu schützen. Ich glaube, das ist der Punkt, wo man den Begriff „deep play“ ins Spiel bringen darf. Er bezeichnet die Arten von Spielen, die den ganzen Menschen mitreißen.

Der Ur-Mann im Mann ist also weitgehend nutzlos und nur im Spiel zu gebrauchen. Haben es die Frauen besser?

Sloterdijk: Frauen sind herkunftsmäßig Sammlerinnen, und die braucht man heute mehr denn je, denn aus der Sammlerin wird auf dem kürzesten Weg die Konsumentin. Frauen sind in diesem Punkt viel kapitalismuskompatibler als Männer. In der Konsumentin zeigt sich noch immer diese stille, triumphale Genugtuung der Sammlerin, die in ihrem Korb etwas heimbringt. Daraus ist dieses mysteriöse weibliche Universal der Handtasche entstanden. Ein Mann ohne Speer oder ohne Ball, das geht ja noch, aber eine Frau ohne Handtasche, das ist wider die Natur.

Lassen Sie sich persönlich von Fußball mitreißen?
Sloterdijk: Ich habe auf dem zweiten Bildungsweg einen passablen Bezug zum Fußball gefunden. Um ein normaler Mensch zu werden, musste ich allerdings den Umweg über die Anthropologie gehen. Als Anthropologe erlaube ich mir dann auch sozusagen, Mensch zu sein. Zur Grundausstattung des Menschlichen gehört ein gewisses Maß an Bereitschaft, gemeinsam mit anderen verrückt zu werden. Und das gestatte ich mir auf meine alten Tage hin und wieder.
Haben Sie einen Goleo gekauft?
Sloterdijk: Ich bin nicht der Maskottchentyp.
Singen Sie die Nationalhymne mit?

Sloterdijk: Dazu bin ich physiologisch unfähig. Ich beobachte manchmal die Spieler und sehe, wie manche bei der Hymne so verkniffene kleine Lippenbewegungen machen. Andere verfallen in tiefes, deutsches Schweigen. Das wäre wahrscheinlich auch mein Fall. Ich habe sonst für Gesang viel übrig, aber allein in künstlerischer Gestalt. Das Singen von Nationalhymnen gehört nicht zu meiner Grundausbildung.

Nationalmannschaft ist einer der wenigen Begriffe, wo wir uns das Wort Nation erlauben. Was bedeutet die Nationalmannschaft speziell für uns Deutsche?

Sloterdijk: Zunächst bedeutet sie dasselbe wie bei allen modernen Nationen, die solche Selbstdelegationen auf ihre Mannschaft vollziehen. Da geschehen Stellvertretungsrituale, an denen sich ein Großteil der Population beteiligen will. Wir Deutschen haben in dieser Angelegenheit – wie in den meisten anderen – eine Sonderstellung, weil wir durch unsere Geschichte, spätestens seit 1918 und dem Versailler Vertrag, ein tiefverwundetes Kollektiv sind, teilweise sogar ein revanchebedürftiges. Und nach 1945 wiederum ein Kollektiv, das selbst vor seinen Revancheimpulsen Angst hat und auch die wegzensiert. Wir sind eine bizarre Gruppe, die nur im Modus der Reue inneren Zusammenhang erleben kann.

Sie haben geschrieben, Nationen seien Erregungsgemeinschaften. Was kann eine Nation mehr erregen als die WM im eigenen Lande? Es gibt immer noch eine Menge Leute, denen beim Gedanken an ein erregtes Deutschland mulmig wird.

Sloterdijk: Natürlich. Wenn man die Erfahrung gemacht hat, dass die Kollektiverregungen, um mit Thomas Mann zu reden, “dämonisches Gebiet” sind, dann wird man vorsichtig bei allem, was aufputscht. Wir sind gebrannte Kinder, seit wir erlebt haben, dass Kollektiverregungen auch immer Produkt einer gewissen politischen Regie sein können. Solche emotionalen Liturgien werden nach bestimmten Regeln erzeugt und sind von Hause aus instrumentalisierbar. Die Samstagsunterhaltung und der Wille zum Krieg sind psychologische Verwandte. Daher erweist sich der Enthusiasmus als ein missbrauchbares Phänomen. Also sollte man die deutsche Vorsicht nicht nur als eine Neurose ansehen. Es würde genügen, darauf hinzuweisen, dass man auch die Vorsicht moralisch missbrauchen kann. Wer als Deutscher einmal miterlebt hat, wie Engländer feiern und Hymnen singen, meint unwillkürlich, der Faschismus sei auf die Britische Insel ausgewichen. In uns sitzt ein Pädagoge, der auch den anderen ein Ernüchterungsprogramm made in Germany vorschlagen möchte, weltweit.

In Deutschland wird Erregung schnell hässlich. Das hat der Streit um Jürgen Klinsmann gezeigt. Warum können wir nicht dem Bundestrainer und seiner Mannschaft vertrauen?

Sloterdijk: Vertrauen ist keine deutsche Option. Wir kennen ja Lenin: “Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.” Die Deutschen machen daraus: “Vertrauen ist gut, Gemecker ist besser.” Es gibt einen unglaublich starken Herabsetzungsaffekt bei unseren lieben Landsleuten. Deswegen ist das Amt des Bundestrainers in diesem Land noch ungemütlicher als in anderen Ländern. Doch allgemein gilt, dass der Nationaltrainer so etwas wie ein Jagdgruppenleiter ist, und seine Erfolge wirken auf die Stimmung des Kollektivs ein.

Meckern wir uns unsere letzten Helden zugrunde?

Sloterdijk: Helden haben wir ohnehin nicht mehr. Wir haben sie durch Stars ersetzt.

Was unterscheidet den Star vom Helden?

Sloterdijk: Der Held stirbt früh, und der Star überlebt sich – mit dieser Formel bekommt man Übersicht auf diesem Feld. Beide sind eigentlich zu einem frühen Ende berufen. Der Held auf dem Schlachtfeld, wo er fällt, der Star durch seine Wiedereingliederung ins zivile Leben, was ja einer Ausmusterung und somit einem symbolischen Tod gleichkommt. Insofern wäre für die meisten Sportler ein früher Tod nicht schlecht, weil sie nach der Karriere fast ausnahmslos unangenehm werden. Selbst die interessantesten Athleten verwandeln sich, wenn sie als Funktionäre weitermachen, in Muffköpfe. Dann tun sie für den Rest ihres Lebens nichts anderes mehr, als die Gründe, weswegen sie bekannt wurden, Lügen zu strafen. Sie fangen glänzend an – und enden in Selbstdemontage. Das blieb Achilles erspart, weil er einen echten Showdown erlebte.

In David Beckham oder Ronaldinho, den Stars des modernen Fußballs, ist der Jäger schwer zu erkennen.

Sloterdijk: Der Star muss heute mit einer permanenten Überbelichtung leben. Er besitzt ein passives Aufmerksamkeitsprivileg: Er wird sehr viel gesehen – und sieht selbst fast nichts. Die Antwort darauf heißt: Werde Model. Am besten kommen daher die Spieler mit ihrer Starrolle zurecht, die bewusst in die Modelwelt wechseln, wie zum Beispiel Beckham. So jemand kann zeigen, dass der Spieler selbst seine Entheroisierung verstanden hat. Folglich ist es heute besser, als Hermaphrodit aufzutreten statt als männlicher Heros. Die Kicker-Models folgen einem evolutionären Trend, der seit den sechziger Jahren zu beobachten ist: dem Zug zur Hermaphroditisierung. Das ist eine Langzeitbewegung, bei der die Männer abrüsten und als Klientel für kosmetische Angebote entdeckt werden.

Ist die deutsche Nationalmannschaft ein Team von Hermaphroditen?

Sloterdijk: Im Prinzip ja. Wobei sich Klinsmann dagegen wehrt. Ich denke, der hat den Kuranyi nicht wegen der angeblich schwachen Leistung rausgeschmissen, sondern weil er ihm übelnimmt, dass er eine halbe Stunde braucht, um sein Bärtchen zu rasieren. Das ist auch ein antihermaphroditisches Votum von Klinsmann, ein Anti-Model-Protest.

Ihr Kollege, der Berliner Philosoph Gunter Gebauer, sagt: Bis heute bleibe das Spiel mit dem Fuß ein stummer Protest gegen die gelehrte Kultur.

Sloterdijk: Das sehe ich auch so. Für mich war eine der faszinierendsten Fragestellungen der jüngeren Kulturgeschichte die folgende: Warum haben wir die Renaissance vom 15. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert immer nur als die Wiederkehr der antiken Literatur und der Künste erlebt? Jedes Kind weiß doch, dass die Antike bereits eine faszinierende Massenkultur hatte, den ursprünglichen Sport. Unsere klassische Renaissance jedoch hat nur das wieder heraufgeholt, was dem Pläsier der Oberschichten in die Hände gearbeitet hat. Sehr lange hat man gezögert, neben dem Künstler, dem Philosophen und dem Wissenschaftler auch die faszinierendste antike Figur wieder heraufzubeschwören, nämlich den Athleten. Erst vor 100 Jahren ist dieser zurückgekehrt, und seither prägt er die Szene. Mit seinem Auftauchen gibt es wieder Vollbeschäftigung für die timotheischen Regungen der Menschen. Nach der psychologischen Grundlehre der alten Griechen besitzen wir nicht nur den Eros, der uns Dinge begehren lässt, sondern wir haben auch den Thymos, sprich das Streben danach, die eigenen Vorzüge geltend zu machen.

Heutzutage zeigen wir unsere Vorzüge durch gekonnte Dribblings?

Sloterdijk: Auch. Wir haben es endlich gewagt, die antike Massenkultur wirklich zu zitieren – das heißt, neue Kampfspiele aufzuführen. Darum bauen wir seit kurzem neuantike Kampfstätten – das griechische Stadion und die römische Arena.

Warum hat man den Athleten erst so spät wiederentdeckt?

Sloterdijk: Man hat wohl gespürt, dass es gefährlich wird, wenn man mit diesen Energien spielt. Erlaubt man dem Volk, sich in Arenen zu versammeln, könnte das leicht politisch brisant werden. Erst als klar war, dass diese Formen der sportlichen Massenversammlung nicht in Revolutionen umschlagen, hat man überall diese neuen Gehege der Massenkultur hingestellt. Die Antike hatte ja hier einen vollkommenen Archetypus hinterlassen – die Arena mit ihren steigenden Stufen. Selbst wenn man die modernsten Stadien ansieht, wie die Allianz Arena in München, erkennt man sofort: Das ist noch immer das Kolosseum.

In den modernen Arenen mit ihren Lounges und Business-Bereichen verdrängen die Sponsoren und VIPs die klassischen Fans.

Sloterdijk: Diese Transformation folgt einem Grundtrend des entwickelten Kapitalismus: der Verwandlung der Arbeiter in Spieler, in Börsianer. Für diese ist typisch, dass sie bereit sind, die Verbindung zwischen Leistung und Bezahlung zu durchtrennen. Was Lohn ist, wissen wir ungefähr, weil er mit einer Leistung zu tun hat. Heute aber genügt Lohn nicht mehr, man will die Überbelohnung. Das Verlangen nach Überbelohnung ist die aktuelle Form der Gewinnerwartung. Diese Gesellschaft trifft sich natürlich auch in den Stadien. Da ist man unter sich. Die Leute auf dem Rasen sind mit denen in der Lounge ein Herz und eine Seele. Alle wissen, dass es nur noch um Überbelohnung geht. Wie gefährlich das ist, beginnen wir erst allmählich zu verstehen, denn wir bekommen die demoralisierenden Folgen des Systems nur nach und nach zu Gesicht. Im Übrigen ist auch das postmoderne Stadion eine harte Wahrheitsmaschine. Anders als im modernen Theater, wo von Anfang an nur Verlierer auftreten, die über ihre Probleme reden und sich dabei immer weiter verknoten, geht es in der modernen Arena immer nur um die Lust an der Urunterscheidung: Sieg oder Niederlage.

Fußball ist auch ein extremes Beispiel für Globalisierung. In einigen deutschen Bundesligavereinen spielt kaum noch ein Deutscher, im Finale der Champions League waren für Arsenal London zwei Engländer auf dem Platz, für Barcelona drei Spanier.

Sloterdijk: Was wir in diesem Finale gesehen haben, war das Spiel von zwei Weltauswahlen, die lokale Clubs simulieren. Das heißt aber auch, dass der Fußballclub und seine Stadt sich genauso in Standorte verwandeln wie die Städte als solche sich in Standorte verwandeln. In der Ära der Globalisierung, also seit 1492, verwandelt sich Heimat in Standort.

Wenn die Champions League ein Wettbewerb der Standorte ist, was ist dann die Weltmeisterschaft?

Sloterdijk: Eigentlich ein restauratives Unternehmen. In einer Situation, in der die Nationen im Postnationalisierungstrend schwimmen, stellen sich dann dem Turnier zuliebe die Nationen wieder als Nationen auf. Das ist ein bisschen merkwürdig.

Warum?

Sloterdijk: Nationalmannschaften haben außerhalb des Turniers fast keine Realität. Im Turnier stellen sie so etwas wie Nationalsimulatoren dar, die eine Population daran erinnern, dass sie sich, wenn sie will, auch national identifizieren kann.

Das funktioniert?

Sloterdijk: Überaus gut, weil die Partizipationsgefühle der Menschen sonst chronisch unterbeschäftigt sind. Wir leben nicht in einer Welt, die Partizipationsbedürfnisse anspricht. Im Gegenteil: Man gehört eigentlich immer sich selbst, bestenfalls der eigenen Zukunft. Obendrein hat man ein paar Beziehungen oder ist, wie man so schön sagt, vernetzt. Aber Menschen, die vernetzt sind, sind ja sowieso in einer postnationalen Situation. Im Allgemeinen will man die Besessenheit durch die Gemeinschaft nicht mehr. Die Zivilisationsdrift geht dahin, die Gemeinschaften aufzulösen, und zwar aus einem guten Grund: Weil selbstbewusste Individuen die permanente Belästigung durch Zugehörigkeitsgruppen zunehmend schlechter ertragen. Wir wollen weder Repräsentanten des eigenen Stammes sein noch die eigene Nation im Ausland darstellen müssen. Trotzdem gibt es Situationen, in denen man sich für ein paar Stunden wieder national identifiziert.

Wenn sich in der Nationalmannschaft das Nationale zeigt, wäre es dann nicht logisch, in den Einwandererfragebogen beispielsweise die Frage reinzuschreiben: Wer hat 1974 für Deutschland im Endspiel gespielt? Als Beweis dafür, wie sehr sich jemand für dieses Land interessiert?

Sloterdijk: Warum nicht? Andererseits müsste es auch die Möglichkeit geben, durch die gegenteilige Antwort zu beweisen, dass man hierhergehört. Die schlechten Deutschen waren ja bisher die guten Deutschen – das sollte man auch Ausländern erlauben. Wer einwandern will, soll die Freiheit haben zu sagen: “Ich bin ein schlechter Patriot, deswegen passe ich hierher. Diese Mischpoke, Beckenbauer und Co., kann mir gestohlen bleiben. Ich finde den Sport idiotisch, und es ist besser, wir verlieren. Folglich habe ich ein Recht, ein Mitglied dieser Nation zu werden.”

Aber das Wunder von Bern sollte der Einwanderer kennen?

Sloterdijk: Man könnte etwa die Frage stellen: “Was ödet Sie am meisten an?” Wenn einer das Wunder von Bern ankreuzt, ist er ein Fall für die Fremdenpolizei. Wer das Wunder von Bern in Frage stellt, steht vermutlich einer terroristischen Vereinigung nahe.

Wie erklären Sie sich die hysterische Verklärung, die der WM-Titel von 1954 hierzulande ausgelöst hat?

Sloterdijk: Das hat vor allem mit der Intellektualisierung des Fußballs zu tun. Seit es die Massenkulturforschung gibt, wird die Popularkultur insgesamt verklärt. Diese Forschung ist ein Zufluchtsort derjenigen gewesen und geblieben, die den Neomarxismus überlebt haben und nach seinem Dahinscheiden neue Arbeitsfelder gesucht haben. Beim Thema Fußball konnte man irgendwie dem Interesse für das Proletariat treu bleiben. Man musste nur höherwertige Interpretationen für triviale Ereignisse formulieren.

Wie erinnern Sie 1954?

Sloterdijk: Ich habe die kritischen Tage als Kind in München miterlebt. Meine Mutter, die mit Fußball absolut nichts am Hut hatte, nahm mich eines Tages an der Hand und ging mit mir eilig auf die Prinzregentenstraße, wo sich die deutsche Mannschaft nach dem Sieg in Bern zeigte. Auf diese Weise habe ich Fritz Walter mit dem Pokal gesehen. Als meine Mutter mich zum Aufbruch drängte, habe ich gespürt, dass da bei ihr irgendwas nicht in Ordnung war. Für sie war das vielleicht eine Anknüpfung an ihre Zeit beim Bund Deutscher Mädel, wo man von Staats wegen Stolzgefühle zu entwickeln hatte. Ansonsten war sie der unpolitischste Mensch, der mir in meinem Leben begegnet ist. Ich selbst habe natürlich überhaupt nichts verstanden. Ich merkte nur, dass sich die Erwachsenen alle sehr merkwürdig benahmen und begeistert taten aus einem Grund, der mir völlig undurchsichtig blieb.

Haben Sie vom WM-Titel 1974 mehr mitbekommen?

Sloterdijk: Damals galt: “Was kümmert mich der Vietnam-Krieg, wenn ich Orgasmusschwierigkeiten habe.” Das konnte man in Bezug auf so gut wie alles sagen, auch in Bezug auf Fußballdramen.

Ein richtiger Fan wird aus Ihnen wohl nicht mehr.

Sloterdijk: Ich fürchte, nein. Das Einzige, was mich beim Fußball wirklich zutiefst beeindruckt, das ist diese Fähigkeit der jungen Spieler, hinzufallen und wieder aufzustehen. Das finde ich begeisternd.

Sie wollen harte Fouls sehen?

Sloterdijk: Nein, ich will nur sehen, wie Männer wieder aufstehen. Ich finde das ein Manifest der Antigravitation. Wenn man älter und schwerer wird, dann weiß man ja, wie es sonst zugeht. Ich falle gelegentlich vom Fahrrad, und die Mühe, wieder auf die Beine zu kommen, ist eine grauenvolle Beleidigung. Deshalb habe ich großen Respekt vor diesem raschen Aufstehen bei hingefallenen Spielern. Das sind Momente, wo ich innerlich total beteiligt bin. Das Hinfallen gehört zur Sache, aber erst das Wiederaufstehen macht sie großartig. Ich beklage darum auch die neue Zwangsverarztung auf dem Feld: Ein angeschlagener Spieler, der noch laufen könnte, muss sich auf einer Bahre wegtragen lassen. Schauderhaft.

Das passt nicht zum Jäger, oder?

Sloterdijk: Früher sind die Spieler heroisch selbst an den Rand gehumpelt. Jetzt werden sie obligatorisch abgeschleppt, das halte ich für eine Verirrung.

Herr Sloterdijk, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(Siehe auch taz-Interview mit Architekt Volkwin Marg über Julia Timoschenko, Sportboykotts und kleptomanische Piraten.)

Reiseempfehlung: tazreisen in die Zivilgesellschaften.

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