Auf Kosten der anderen
von carettaDer Beauty-Salon ums Eck ersetzt hier die Eckkneipe und ist die Austauschbörse für Neuigkeiten. Da es nur circa zwei Euro kostet, sich die Nägel lackieren zu lassen, kommen viele der Madames fast täglich, um sich die Finger passend zum Kleid bemalen zu lassen. Sonst haben sie ja auch nicht allzuviel zu tun, den Haushalt erledigen die philippinischen oder äthiopischen, natürlich christlichen, Hausangestellten.
Human Rights Watch hat unlängst eine Studie über die oftmals unwürdigen Zustände veröffentlicht, in denen die “Maids” im Libanon und auch in Jordanien gehalten werden. Nachdem die Herrschaften sich für rund 2000 Dollar ein Mädchen aus dem Katalog ausgesucht haben, kommt es in den Libanon und muss für 100 – 125 Dollar pro Monat den Haushalt erledigen, und wenn die Madames im Beauty Salon sitzen, kommen manchmal die Kinder auf dem Weg von der Schule vorbei, um die Maman zu küssen. Das Hausmädchen, oft nicht kräftiger als ein zehnjähriger Junge, schleppt derweil unter sichtbarer Anstrengung die Schulranzen der Kids heim. Besonders befremdlich für europäische Augen ist, dass all diese armen jungen Frauen in rosafarbene oder hellblaue Hausarbeitsanzüge gesteckt werden, mit einem niedlichen Schürzchen vornedran.
Sonntags sieht man sie auf den Straßen hier im Christenviertel miteinander plaudern, und es gibt sogar einen Telefonshop, der damit wirbt, dass Anrufe in die Herkunftsländer besonders billig seien. Diesen Maids geht es noch gut, sie dürfen die Häuser ihrer Herrschaften verlassen, laut der Studie von Human Rights Watch dürfen das nämlich rund 30% der Gastarbeiterinnen nicht. Ihre Herrschaften geben an, die Arbeiterinnen “könnten ja auf der Straße jemanden kennenlernen, ihn mitnehmen, dann würde das Haus ausgeraubt” als Grund dafür an, dass sie sich Leibeigene halten.
Oft werden auch die niedrigen Gehälter nicht ausgezahlt, es wird zu wenig Nahrung zugeteilt, die Maids müssen auf dem Fußboden im Wäscheraum schlafen. Aber die moderne libanesische Architektur sieht mittlerweile auch eigene Räume für sie vor, es sind Räume, die gerade zwei oder drei Quadratmeter klein sind, oft mit abgehangener Decke, damit die Herrschaften Stauraum über der kleinen Zelle nutzen können. Allerlei schlimme, Menschen verachtende Gemeinheiten, derer sich die Frauen, denen die Pässe bei Ankuft im Libanon weggenommen werden, nicht zu wehren wissen. Daher probiert durchschnittlich eine pro Woche, zu fliehen – in den Statistiken tauchen sie dann als Selbstmörderinnen auf, da die häufigste Todesursache “Springen von hohen Gebäuden” lautet. Einige Überlebende wurden befragt, warum sie denn versuchten, zu entkommen bzw. sich das Leben zu nehmen, und viele Erklärten, dass sie entweder (auch sexueller) Gewalt entkommen wollten oder mehrere Tage lang ohne oder mit zu wenig Nahrung und Wasser eingesperrt waren, als die Herrschaften verreist oder auf Ausflügen waren. Schafft eine Frau es, zu entkommen, muss sie ihrer Vermittlungsagentur noch erklären, wie sie denn gedenke, die Vermittlungsgebühr, die sie ihrerseits zahlen muss, aufzubringen. Die Libanesen, vor allem die Frauen im Beauty Salon, scheinen ein so nettes Völkchen zu sein. Aber wenn ich solche Sachen lese und schreibe, denke ich immer nur: “Irgendwer muss ja hier den Krieg geführt haben – und Krieg verroht, das ist ja klar.”

Kommentar schreiben