Ortsbesuch zu Arafats Todestag am 11.11.

von caretta

Zu Arafats Todestag wurde ich von meinem Kumpel Abu Hassan zu einer Vernissage geladen. Nicht etwa in eine der schicken Beiruter Galerien in denen provozierende Fotos von nackten Barbies (als Jungfrau Maria gestylt) gezeigt werden, nein, diesmal ging der Kulturausflug ins Palästinenser-Camp Burj al-Barajneh. Camp, Lager, wie auch immer man diese armselige, abgeschottete Ansammlung von jahrzehntealten Betonrohbauten nennen mag, in denen die Elektrokabel so sehr durcheinanderhängen, das jährlich rund sechs Menschen sterben, weil sie den Kabeln zu nahe kommen.

Die Ausstellungseröffnung fand im Kulturzentrum der PLO statt. Ein weißgetünchter Raum in einem Haus ohne Eingangstür. Drei Mädchen, brav mit Kopftüchern verhüllt, dabei aber in krachengen quietschebunten Shirts und Jeans erklärten die liebevoll-armselige Ausstellung. Es waren Fotos, Ausdrucke von Internet-Fotos und Kinderzeichnungen von Abu Ammar (Arafat), der in den Camps wie ein Heiliger verehrt wird. Mit “Wir kämpfen für Palästina” und “Tod den Zionisten” und allerlei derartiger Parolen hatten die Kids ihre Bilder verziert. Die Jugendarbeit in der PLO, für die Abu Hassan zuständig ist, versucht so, dem palästinensischen Nachwuchs in der Diaspora wenigstens eine Sache mitzugeben, an die sie glauben können. Dass es den EINEN gab, dass jeder junge Palästinenser IHM nachfolgen könne – wenn er denn nur tapfer an den Ausflügen der PLO-Jugendorganisation teilnehmen würde und an die gemeinsame Sache glauben würde.

So gab es denn neben Bildern von Arafat auch einige Fotos, die kleine Palästinenser und Palästinenserinnen (in Fleck-Tarn, mit Kopftuch!) beim Springen über Feuerwände, beim Krauchen durch den Schlamm mit einem gewehrartigen Holzstück und beim Klettern auf Bäume und Häuserruinen zeigten. Abu Hassan lachte nur: “Ja, das sind unsere Pfadfindercamps, früher trainierten wir mit Waffen, heute ist das offiziell verboten…Was sollen wir machen, an irgendwas außer Allah müssen unsere Kids doch glauben können… Schau, es ist so:” fuhr er fort “wenn die jungen Männer hier ausgehen wollen und am schönen, schicken libanesischen Leben teilhaben wollen, so stoßen sie schon an den Discotüren auf ihre Grenzen.” Dort dort stünden die schiitischen und palästinensischen dicken Jungs, die es durch Bodybuilding und Steroidspritzen geschafft hätten, aus dem Elend zumindest für die Zeit ihrer kraftstrotzenden Jugend herauszukommen. Und die dürften keine Palis reinlassen, abgesehen davon, dass diese keine 20 Dollar für den Eintritt hätten und Männer meist Mädchen dabei haben müssen, um überhaupt reinzukommen. Palästinensische Mädchen würden aber der Familienehre zugute gehütet und dürften niemals wie die Christinnen, auch nicht in Begleitung ihrer Cousins oder Brüder, in Discos gehen. Selbstbestimmung für Frauen – vollkommen undenkbar!

“Mit der PLO-Jugendorganisation geben wir ihnen wenigstens das Gefühl – und den besonders guten auch die Chance – an sich und ihrem Gefühl für Palästina so zu arbeiten, dass einer von ihnen vielleicht der nächste Arafat werden könnte.” Mit 18, 20 machten die Jungs dann sowieso was sie wollten, soweit sie es in ihren begrenzten finanziellen Rahmen könnten, und die Mädchen heirateten meist eh den nächstbesten, um aus den beengten Zuständen in ihrem Elternhaus rauszukommen und sich mit den schnell kommenden Kindern eine eigene Realität im Hause des Mannes zu schaffen.

“Tja, that’s life im Camp, 60 Jahre nach unserer Nationalen Katastrophe, der Gründung Israels, und vier Jahre nach Abu Ammars Tod!” “Aber”, fügte Abu Hassan noch geheimnisvoll hinzu, “bald wird die Welt wieder von uns hören.” Denn nicht nur in dem als radikal und gefährlich bekannten Camp Ain el-Helwa hätten sich Krieger der Fatah al-Islam, der “Al-Qaida im Nahen Osten” verschanzt, auch “bei uns in Bourj” stünde etwas an, das es “noch vor den Wahlen im Frühling krachen lassen wird und die Palästinensische Sache wieder auf die Welt-Agenda bringen wird”.

Wir sind gespannt – ich halte Sie auf dem Laufenden!


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