Beirut betet für Frauen Papua-Neuguineas
von carettaEndlich geht geht es wieder los mit den sommerlichen Temperaturen hier im Libanon, und langsam kommt die kurze Zeit des Jahres, in der man tatsächlich morgens Skifahren und nachmittags im Mittelmeer baden kann.
Das kulturelle Leben kommt auch wieder ein wenig in Schwung: gestern Nacht bis gestern mittag lief die erste S/M-Party des Landes, aber da ging es eher um Lack- und Leder-Styling denn um tatsächliche Aktionen á la Berliner Kitkat Club (öffentlicher Mehrfachsex etc.).
Im Skiresort Faraya wurde dann heute ab 12 h mittags Familienväter-Programm geboten, eine Dessous-Modenschau eines lokalen Untwäschefabrikanten im Schnee, genau das, was man in den Bergen bei Sonnenschein braucht, wenn man’s denn braucht…
Unbeirrt all dessen trieb es mich am heutigen Weltgebetstag der Frauen in die Deutsche Protestantische Gemeinde zu Beirut, nicht unbedingt, weil ich mich an diesem Event beteiligen wollte, sondern weil ein befreundeter deutscher Student mich nach einem Job gefragt hatte. Ich erinnerte mich, dass in der Deutschen Gemeinde immer ein Zettel mit einem gering bezahlten Angebot eines Call-Centers hing, das deutsche Muttersprachler suchte, aber diesem Call Center geht es grad aus bekannten wirtschaftlichen Gründen nicht gut, und so gab es keinen Job für den netten Kumpel.
Nun wollten wir aber natürlich auch dem Gottestdienst beiwohnen, und so lieb und warmherzig-christlich das Geschehen in der kleinen, bescheidenen Kirche war, so absurd war auch alles irgendwie im gesamtlibanesischen Zusammenhang. Am Sonntag haben einige der meist sehr schlecht bezahlten (und schlecht behandelten, sie Blog weiter unten) Hausmädchen aus noch kaputteren Ländern als diesem hier frei, und in manchen Ecken Beiruts wähnt man sich kurz auf den Philippinen oder in auf Sri Lanka.
Dazu sind einige reiche Libanesen zum Sport unterwegs, auch amüsant, wie sich die arabischen Männer, die sonst ums Verrecken keine kurzen Hosen tragen würden, in ihrer US-Basketballkleidung in die dicken Mercedesse setzen, um allen die es sehen wollen, zu zeigen: “Ich bin modern und geh’ trainieren, und zwar in teurem modernen Sportzeug!” (alle Sportstudios hier haben natürlich Umkeiden und Duschen, es besteht kein Grund, in glänzender Sportkleidung mit riesigen Sonnenbrillen durch die Innenstadt zu laufen). Sei’s drum. Jeder nach seiner Facon, wie der Protestant so gerne sagt.
Die Lithurgie zum Weltgebetstag der Frauen wurde ja in diesem Jahr für alle am Frauenweltgebetstag teilnehmenden Gemeinden von Frauen auf Papua-Neuguinea ausgearbeitet, und auch wir in Beirut hielten uns daran. Zunächst bekamen Gemeindemitglieder und Besucher große, runde bunte Pappkreise mit von den Kindern der Gemeinde ausgemalten Paradiesvögeln um den Hals gehängt. Der Altar war mit tropischen Pflanzen, von denen manche auch hier wachsen, geschmückt. Danach sollten alle Anwesenden sich auf einer der 800 Sprachen Papuas begrüßen. Dann kamen die deutsch-libanesischen Kinder, als papuanische Paradiesvögel verkleidet, in die Kirche und flatterten ein wenig mit den Bändern an ihren Armen herum. Wir sangen Lieder auf einer der Sprachen Papuas, und es wurde für die unterdrückten Frauen Papuas (auf deutsch) gebetet.
Glücklicherweise, damit auch der Libanon weiter im demokratischen Sinne angesichts der im Juli anstehenden Wahlen vorankommt, beteten wir dann noch für
- die Menschen in führenden und verantwortlichen Positionen, die den Libanon regieren,
- für die Versorgung der Bedürftigen mit den notwendigsten Gütern im politischen Durcheinander,
- für die leidende ländliche Bevölkerung
- für die Verantwortlichen auf regionaler und lokaler Ebene, auch für die Clanführer und dörflichen Leiter.
Na, mit diesen Wünschen steht ja der demokratischen Neuorganisation des Libanons nichts mehr entgegen, blöd nur, dass die meisten lokalen Christen vom Protestantismus und der “verfälschten Bibel” nichts halten.
Wir haben trotzdem unser Bestes getan, und als zwischendurch der Gebetsruf eines Muezzins zu uns in die Kirche schallte, wussten wir: wir sind nicht allein in unserer Hoffnung.
Beim anschließenden Come-Together, das die Frauen der Gemeinde ganz liebevoll mit internationalen Spezialitäten mit Schwerpunkt auf Papua-Neuguinea kulinarisch gestalteten, stellte sich dann auch die neue deutsche Botschafterin kurz vor. Sie, bemerkenswerterweise ohne Body-Guards unterwegs, erklärte bei der Vorstellung aber dummerweise, dass sie, obwohl herzlich willkommen, leider nicht jeden Sonntag kommen könne, da sie katholisch sei und sonntags gerne die Messe besuchen würde. Dass viele deutsche Frauen, langjährige Gemeindemitglieder, ausriefen, “Ich bin auch katholisch! Kommen sie trotzdem!” schien sie spontan nicht umstimmen zu können.
Trotzdem sangen wir noch einige Male gemeinsam: “Wo die Liebe wohnt und Güte, wo die Liebe wohnt, da ist unser Gott”, aber, also, wenn man sich mal ehrlich im sozialen System des Landes umschaut, und dann noch die Animositäten zwischen den Konfessionen betrachtet, möchte man sagen, dass hier nicht so viel Liebe wohnt, man könnte sagen: Gott schon lange nicht mehr im Libanon vorbeigekommen ist. Vielleicht hat er ja gerade in Papua-Neuguinea zu viel zu tun.
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hey caretta du musst viel öfter schreiben,
danke fuer den lustigen weltgebetstagbericht,
können die doch nicht so richtig ernst meinen, oder?
ich war auch schon oft, im letzten jahr zweimal in beirut, beruflich, aber was,
darf ich nicht sagen – du beschreibst es
wenigstens nicht so verklärt “zedernstaat…duftet…blühend..” sondern so,
wie es noch immer da ist.kaputt, krank, verlogen, korrupt, oberflächlich.
wann ziehst du denn mal über die “intellektuellen”-szene im libanon her?
die linke hab ich ja gefressen…ts tss