Waltzing, not understanding
von carettaPamela Anderson hostet heute eine Party in Beirut, das Schicki-Großereignis, bei dem die V-V.I.P-Tickets, mit denen man ihr ganz nahe sein darf, nur 200 $ kosten.
Vorgestern wurde „Taxi Banat“, „Mädchen Taxi“ eingeführt, eine rosafarbene Taxiflotte, bei der nur Frauen am Steuer sitzen und in der nur Frauen transportiert werden. Wobei „Banat“ neben „Mädchen“ auch alle anderen unverheirateten Frauen, egal welchen Alters, bezeichnet. Als Kundenkreis will man sich an die konservativeren Damen aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten wenden, dabei nehmen diese ihre Schleier oft schon im Flugzeug nach Libanon ab und glänzen im frühlingshaften Beirut durch knallenge teure Designerkleidung und unglaublich hohe Schuhe, also eher nicht zurückhaltend.
Ein Bekannter hat gerade umgeschult und ist nun nicht mehr nur Skipper auf Miet-Yachten, sondern bietet auch „Romantic Services“ für ältere, wohlsituierte Damen aus eben diesen Arabischen Ländern an. Als Skipper hatte er die Liebesdienste noch kostenlos geleistet, da nun einige seiner Kumpels diesen Job erfolgreich gegen gutes Geld machen und seine Potenz es auch hergibt, ist er schnell gut ins Geschäft gekommen. Ich sehe ihn kaum noch, denn die Beiruter Besuchssaison hat, mit dem Abziehen der dicken Gewitterwolken Anfang März, bereits begonnen.
Der hier verbotene israelische Film „Waltz with Bashir“, der in der Zeit der israelischen Invasion im Libanon spielt, ist hier seit langem der Renner unter den raubkopierten DVDs, die man an jeder Ecke kaufen kann. Er wurde neulich in der Art Lounge, einer alternativen Galerie, gezeigt. Im Rahmen eines Festivals, um das offizielle Verbot zu umgehen, sahen dort rund 100 Beirutis den Film, der zwar eine Teilschuld der Israelis am Massaker vom Sabra und Schatila eingesteht, dann aber doch viele Fragen zum Umgang mit diesem kriegerischen Teilabschnitt der israelisch-libanesischen Geschichte offen lässt. Nach dem Screening herrschte zunächst landesuntypische Stille im Saal. Ein paar Mädchen, alle zu jung, um den Krieg miterlebt zu haben, waren verstört und hatten Tränen in den Augen. Nadja, eine 24-jährige Libanesin, deren Eltern im Bürgerkrieg flüchteten und die bis 2001 in Namibia lebte, kommentierte trocken, dass sie offiziell Christin, aber komplett unpolitisch sei, wie so viele ihrer Freunde. Und dass kein alter Christ, der damals Angehöriger einer der mit den Israelis verbündeten Miliz war, jemals etwas zugeben oder gar reflektieren würde. Der Hass sei schließlich immer noch groß, besonders der der Christen gegen viele Sorten Nicht-Christen. Wir sprachen mit dem deutschen Leiter des Orient Institutes ein wenig über Erinnerungskultur und darüber, dass es noch lange brauchen würde, bis die junge Generation Fragen stellen würde – und dass dazu zuvor eine längere Periode des Friedens notwendig sei.
Auch die anderen, international aufgewachsenen Libanesen die ich sprach, konnten mit dem Film wenig anfangen, da er ja eindeutig nicht im Sinne der Völkerverständigung erstellt worden sei. Sondern, nach ihrer Sicht, um eventuelle Schuldgefühle der damaligen israelischen Soldatengeneration aufzugreifen und psychologisch – wie schon längst offiziell geschehen – zu amnestieren. Waren ja schließlich die Libanesen selbst, die die tausenden Palästinenser ermordet haben, und die zuständigen israelischen Kräfte hatten (laut „Waltz with Bashir“), als sie bemerkten, dass ein Massaker stattfindet, schließlich an den damaligen Verteidigungsminister Ariel Scharon berichtet, der die Vorkommnisse aber nur zur Kenntnis genommen habe.
Ziad Nawfal, der Veranstalter, meinte, dass er den Film zeigen wollte, weil die Neugier im Lande auf den Film so groß gewesen sein und er ein Bestseller in den Piraten-Videotheken sei. Nicht, weil er ihn so gut gefunden hätte, obwohl die animierte Darstellung ja schon interessant sei.
Palästinenser, also Überlebende und Nachkommen des Massakers aus den immer noch ärmlichen Flüchtlingslagern, die gerade mit deutschen Geldern neue Abwasserleitungen bekommen haben, waren nicht unter den Zuschauern. Allein das Taxi zum Veranstaltungsort wäre für ihr Familien-Monatsbudget tödlich gewesen.
Kommentar schreiben
Caretta, Deine Berichte sind genial ! – Bin oft im Libanon u. mit Libanesen leiert -die Berichte schildern die Situationen . die ich teilweise auch so miterlebte sehr treffend. Ich kenne das Team, das Baltz mit Bashir gemacht hat, der Film beschreibt die Situation, die ich als Deutsche selber damals erlebt habe sehr einseitig. Er ist aber originell und künstlerisch interessant. Können wir uns in Beirut einmal kennenlernen Caretta ? -Carin