Gebt das Hanf frei: Gift oder grüner Zukunftsträger?

Zur Hanfparade zogen süße Rauchschwaden durch die Stadt. Deutschland braucht eine fortschrittliche Drogenpolitik – mit welchem Aufwand und zu welchem Preis?

In der 33. Ausgabe der FAZ Woche klagte Joachim Müller-Jung in seinem Beitrag „Das Grüne Gift“ über eine sich verbreitende Bagatellisierung des Konsums von Cannabis. Sein Ausgangspunkt: Kiffen führe zu „psychischer Entleerung“. Das könne man am Schicksal Amy Whinehouse beobachten. Ihr jugendlicher Cannabiskonsum hätte sie über „selbstverstümmelde Exzesse“ in den Tod geführt. („Mit 27 holte das Küken der Teufel“) Derlei Fälle belegten, dass es für eine Legalisierung von Cannabis keinerlei Anlass gebe. Kiffen mache dumm, abhängig und führe als Einstiegsdroge, dem ersten „psychischen Weichspüler für viele“, direkt an den sozialen und physischen Abgrund. Ist das so oder die Debatte um eine Hanflegalisierung weitaus vielseitiger?

Gegenteiliges hörte und sah man auf der 21. Hanfparade am 12. August in Berlin. Laut, vielseitig und begleitet von süßlichen Marjiuanaschwaden der Legalisierung setzten sich um 14 Uhr vom Hauptbahnhof rund 2.000 Menschen in Bewegung, um unter dem lakonischen Motto „Breiter kommen wir weiter“ für eine fortschrittliche Drogenpolitik zu demonstrieren. Trotz Regen wuchs die Demonstration nach Angaben der Polizei bis zu ihrem Ziel am Alexanderplatz auf rund 4.000 Teilnehmer*innen.

Was muss sich ändern?

Die Gesetze müssten geändert werden, das hörte man an allen Ecken und Enden der Demonstration. Folglich müsste dem Staat die Kontrollfunktion einer liberalen Dorgenpolitik zukommen und die Erträge auf nachhaltige Bildungs- und Aufklärungsangebote umgelegt werden. Derzeit mangele es an beidem, fassten zwei Vertreter des Fußballclubs THC Franziskaner die gegenwärtige Situation zusammen. Sämtliche Befragten legten aber nicht allzu viele Hoffnungen in die gegenwärtige und zukünftige Bundesregierung. Steffen Geyer (38), drogenpolitischer Aktivist, wirft den großen Parteien vor, dass sie den Trend der Zeit verschlafen haben. Eine Kriminalisierung von Drogenkonsum sei nicht zielführend. Jugendschutz und Qualitätskontrolle dürfe nicht der Mafia überlassen werden, denn die Nachfrage ist da – unabhängig der juristischen Grundlagen.

Wohlfeile Pathologisierungen und Kriminalisierungen der Substanzen führen zu nichts – auch nicht wenn Drogenkonsum bekannten Künstler*innen und nicht nur denen zum Verhängnis wird. Eher bedürfe es einer gemeinsamen Drogen- und Konsumkultur, so Geyer. Das eröffnet den Diskurs darüber, wie wir als offene Gesellschaft mit Rausch und therapeutischen Aspekten verschiedener Substanzen umgehen möchten.

B(e)reit für die Legalisierung

Uneinigkeit herrschte bei der Demo jedoch über die Grenzen der Legalisierung. Solle es bei Cannabis bleiben oder auf andere Substanzen ausgedehnt werden. Beate (52) möchte das nicht, erstmal müssten die Vor- und Nachteile der Hanflegalisierung überblickt werden – nicht nur als therapeutisches Rauschmittel, sondern auch als Nutzpflanze. Es gibt Hanfpapier, Hanfkleidung, Hanfseile, Hanfhäuser u. v. m. Hanf als alternatives Produktionsmittel könne ausgeschöpfte Wälder als neue Ressource entlasten und zu einer nachhaltigen Klimapolitik beitragen.

Die Legalisierung von Cannabis wird kommen“, fasste Steffen Geyer zusammen, es sei nur eine Frage der Zeit, denn das zivigesellschaftliche Engagement wachse an 365 Tagen im Jahr. Jedoch verstehen die Demonstrationsteilnehmer*innen die Legalisierung nicht wie Müller-Jung als apokalyptische Rauschkulisse, sondern als langen Bildungsprozess hinzu einem nachhaltigen und mündigem Umgang mit Drogen. Ob man nun aber dafür „breit“ oder breit aufgestellt sein muss, schien bei vielen Teilnehmer*innen auf der Hanfparade nicht eindeutig – wahrscheinlich am besten beides.

TORBEN BECKER

Foto: dpa

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