vonbuergerrundfunkrat 22.10.2017

Bewegungs-Blog

Informieren! Aktivieren! Bewegen! – Hier bloggen die Mitglieder der taz Bewegung über ihr Engagement.

Mehr über diesen Blog

Der Öffentlich-rechtliche Rundfunk, wie er jetzt ist, ist Mist. Das sind wir Bürger selber schuld: Wir haben den Rundfunkleuten nie geholfen, aus dem Rundfunk was richtig tolles zu machen. Die Rundfunkleute kriegen das alleine offenbar  nicht hin.

Wie lang muß es noch dauern bis wir Bürger erkennen: Wir müssen mitdenken, wir dürfen die Politik nicht den Politikern überlassen, das Recht nicht den Juristen und die Medien nicht den Funktionären. Sie brauchen unsere Hilfe: unsere Erfahrungen und unsere Fragen und Nachfragen. – Mit dem Internet bestünde längst die Möglichkeit, eine Bürgerplattform zu errichten, die groß genug wäre, um eine Stimme zu haben auf dem Markt der Meinungen, und die dabei keinem Handlungsdruck unterläge: die die Imperative des Marktes oder der Meinung nicht bedienen müßte, weder um ihr Gesicht zu wahren, noch um ihr Existenzrecht zu rechtfertigen oder ihre Finanzierung zu sichern; die an Themen dranbleiben und konsequent nachfragen könnte, statt immer wieder mal Bücher oder Beiträge dazu zu veröffentlichen, die im medialen Rauschen so schnell verschwinden, wie sie aufgetaucht sind…

Es ist an uns Bürgern, uns zu fragen: Wir legen jährlich 8 Milliarden zusammen für Rundfunk – wie wollen wir das Geld verwendet wissen? Was für Strukturen, Prozesse und Konzepte können verbürgen, daß Vollblut-Journalisten und Künstler sich im Rundfunk durchsetzen können statt brave Funktionäre, die zwar auf ihre Weise schuften bis zur Erschöpfung, aber offenbar keine Ahnung davon haben, daß sie keine Ahnung haben von den Möglichkeiten des Menschen… – Und es muß doch auch für die Funktionäre befriedigender sein, einer richtig guten Sache gegen die naturwüchsigen Strömungstendenzen des Marktes zum Erfolg zu verhelfen, als alles immer stromlinienförmiger zu feilen…..

Wenn wir den Rundfunk nicht ändern, wird sich unsere Gesellschaft immer tiefer spalten: In Gebildete und bildungsbezogen Unterprivilegierte. – Rundfunk kann bilden, alle Menschen, auch in unserer Zeit, selbst mit Krimis, sie müssen bloß gut genug sein. Es wäre die Aufgabe des Rundfunks, zu erweisen, daß Unterhaltung und Bildung sich nicht ausschließen. Eigentlich ist das eine uralte Weisheit, die die größten Genies unterschreiben würden: Platon, Shakespeare, Goethe, Mozart, Beethoven usw. usw. – Erst das Bildungsbürgertum, das mit seinem Dünkel und seiner Beschränktheit Bildung als Statussymbol mißverstand, hat den Irrtum in Umlauf gebracht, Unterhaltung und Bildung schlössen sich aus. – Für Wissende ist es unfaßbar, was dem Großteil der Bevölkerung durch ARD und ZDF allabendlich vorenthalten wird… – Es reicht nicht, anspruchsvollere Sendungen in Sparten zu verbannen. Alles, was im Hauptprogramm zur Prime-Time läuft, transportiert die Botschaft, daß es das Gute und Geeignete für alle sei. Aber „geeignet“ heißt nicht: unterfordernd, und „gut“ nicht: gefällig. Unterfordernde Gefälligkeiten für 8 Milliarden Euro jährlich, das ist Mist.

Eines ist sicher: Quizshows bilden nicht. Es ist nett, wenn sie mit Bildung spielen. Aber bloß weil Bildung drin vorkommt, bilden sie nicht. Die Intention des ARD-Programmdirektors, mit Quizshows einen Beitrag zur Bildung zu leisten, ist das deutlichste Indiz dafür, daß die Führungsrige von ARD und ZDF keine Ahnung davon hat, was Bildung ist und was bildet. – Das ist schon irre: Die Führung des Öffentlch-Rechtlichen Rundfunks versteht offenbar von wesentlichen Aspekten ihres Auftrags so wenig, daß sie nicht mal auf die Idee kommen könnte, sich den notwendigen Sachverstand ins Haus zu holen (oder, sofern die Sender noch über genügend Sachverstand verfügen, ihn in die Prozesse und Planungen systematisch einzubinden).

Oder sie haben keinen Schneid, die Herausforderung anzunehmen, Vernunft, Bildung und Wissen wirksam in Unterhaltung einzubringen. – Aber wir haben die Funktionäre mit unserem Geld gut genug abgesichert, um von ihnen solchen Schneid erwarten zu können! Wir können von ihnen erwarten, unbequem zu sein, statt gefällig, wir können von ihnen erwarten, sich mit Politikern und Zuschauern auch mal zu fetzen über eine Reihe von Produktionen, die mit künstlerischer oder informationsästhetischer Intelligenz versuchen, Möglichkeiten zu finden, Quote mit Qualität zu verbinden, und dabei das Recht haben, systematisch zu experimentieren und auch mehrfach hintereinander nicht erfolgreich zu sein. Es hat bisher weder so eine Reihe noch so einen Funktionär gegeben. Das sollte uns stutzig machen. Denn genau das: die Entwicklung von Attraktoren, die sich kein privater Sender leisten könnte, genau das wäre der Sache nach eigentlich zu erwarten gewesen. – Wie schrieb Kirchhof in seinem Gutachten zum Rundfunkbeitrag: Die Bürger sollen eine Abgabe nicht lieben sondern einsehen, daß sie notwendig ist. Das Gleiche was der Rundfunk für seine Finanzierung in Anspruch nimmt, könnte er auch für Sendungen in Anspruch nehmen.. (Aber ich wette, es wurde nie ein Konzept dieser „Notwendigkeit“ ausgearbeitet: Eine mit Wissenschaftlern und Künstlern entwickelte reflektierte „Experimentalanordnung“ zur Attraktorenentwicklung auf Grundlage einer wissenschaftlichen und ästhetischen Auswertung der bisherigen Erfahrungen. Damit könnte dem Unmut von Zuschauern begegnet werden: „Okay, es hat noch nicht geklappt, aber wir sind dabei, für Euch etwas richtig Tolles zu entwickeln und wir machen es uns damit nicht einfach, Ihr werdet schon sehen….“). Ohne Versuch und Irrtum gibt es keine Evolution, nur Degeneration. Der Rundfunk als Ganzes wird dann irgendwann mal der Irrtum sein…

 

Winfried Lintzen, www.goethesfaust.com – Aktueller Beitrag: Das Fernsehspiel „Das Verschwinden“ als Symptom

 

Nachweise:

Die Komplexität der Sache ist meiner Widerspruchsschrift zu entnehmen.

Mehrfach habe ich in Rundfunkurteilen des Bundesverfassungsgerichts den Hinweis gefunden, daß das Recht nicht alles leisten kann und daß die Bürger sich auch mal selbst für ihre Belange einsetzen und nicht erwarten sollen, daß alles für sie getan wird…. Leider habe ich mir die Stellen nicht rausgestrichen… – Eine Möglichkeit, wie wir uns kümmern könnten habe ich in meinem „Aufruf“ angedacht. – Allgemeine Ideen zur „Demokratie“ finden Sie in meinem Essay: „Der Unwille zur Macht„. 

Die Quizshow-Bildung wird von ARD-Programmdirektor Herres in diesem Interview vertreten:
https://www.medienkorrespondenz.de/leitartikel/artikel/fernsehen-im-gespraechnbsphalten.html

Besichtigen läßt sich die Ahnungslosigkeit bezüglich Bildung auch im Gespräch von M.Reich-Ranicki mit Gottschalk: https://www.youtube.com/watch?v=iiEUNeEnJwU

Was Bildung ist, hat der Philosoph Bieri erhellend erklärt:
https://www.hwr-berlin.de/fileadmin/downloads_internet/publikationen/Birie_Gebildet_sein.pdf

Die Behauptung von den ahnungslosen Rundfunkfunktionären habe ich ausgeführt in meiner These von den „kumulativen Effekten selektiver Deprofessionalisierung“ in meiner Widerspruchsschrift.

[Die Meinung des Autors entspricht nicht notwendigerweise die der Redaktion]

[Die Meinung der/s Autor*in entspricht nicht notwendigerweise der der Redaktion]

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/bewegung/2017/10/22/engagieren-statt-klagen/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Herzlichen Dank für den treffenden Kommentar. Wenn die Chefs über Jahre aus dem eigenen „Haus“ kommen, nimmt die Betriebsblindheit leider Überhand. Da die heutigen Politiker noch länger in ihren Ämtern verbleiben potenziert sich bei den eigentlichen Aufsehern der Wille voll auf Programm „Volksverdummung“ – sie nennen das Quote – zu setzen. Quote geht leider vollkommen am Auftrag der Sender vorbei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.