vonDonata Künßberg 28.02.2018

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Informieren! Aktivieren! Bewegen! – Hier bloggen die Mitglieder der taz Bewegung über ihr Engagement. | © Jerry Kiesewetter / Unsplash

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INTERVIEW: DÉSIRÉE FISCHBACH

Bei der Frage, ob Sport politisch sein solle, gehen die Meinungen stark auseinander. Vereine wie SV Babelsberg 03 und St. Pauli machen es vor; am Rande des sportlichen Geschehens hört man immer wieder von politischen Aktionen rund um den Verein. Der Rote Stern Leipzig, ein selbstbestimmtes und antifaschistisches Sportprojekt, geht konsequent einen Schritt weiter. Im Interview erzählt Daniel, der zur RA!F, einer Fangruppe aus Connewitz gehört, was den Verein so besonders macht:

Gib uns bitte mal ein paar Grundinformationen zum Verein. Seit wann gibt es ihn, wie viele Mitglieder hat er und in welcher Liga spielt der Rote Stern?
Daniel:
Seit 1999 gibt es den Roten Stern Leipzig. Zurzeit spielt der Stern in der Landesklasse Nord. Angefangen hat das Ganze mit Fußball. Inzwischen gibt es Radsport, Tischtennis, Tennis, Rollerderby, Darts, Handball, Basketball. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen. Alle Bereiche samt passiven Mitgliedern umfassen über 1.200 Leute.

Woher kommt der Name? Welcher Bezug besteht zur Antifa und Leipzig Connewitz?
Daniel:
Es ist ein antifaschistisches Sportprojekt. Der Name und der Bezug zur Antifa erklären sich damit von selbst. Der Rote Stern ist kein „normaler“ Verein mit ein paar antifaschistischen Fans, sondern jede*r, egal ob Spieler*in oder Fan, ob Baugruppe oder die Menschen am Imbiss, jede*r teilt die Auffassung, dass Fußball auch anders sein kann. Sportliche Rivalität ja, sinnlose Gewalt nein. Klar wird auch gemeckert, aber diskriminierendes Verhalten wird nicht toleriert.

Wie steht der Verein zu Rassismus und wie wird Antifaschismus konkret ausgelebt?
Daniel:
Bei uns haben Rassisten natürlich nichts verloren. Wenn es darum geht, gegen Mannschaften zu spielen, die Nazis auf den Platz schicken, dann wird es allerdings knifflig. Erst letztens hatten wir ein Gespräch mit der Ersten Mannschaft vom RSL, in dem es um das bevorstehende Spiel gegen Borna ging. Bei Borna spielen zwei Leute mit, die an dem Angriff auf Connewitz am 11. Januar 2016 beteiligt waren.
Auf der einen Seite haben wir Spieler*innen und Fans, die der Auffassung sind, gegen solche Leute spielt man nicht. Auf der anderen Seite gibt es das berechtigte Bedenken, dass sich dann praktisch jeder Verein ein, zwei Nazis in die Mannschaft holt. Da können wir gleich zu Hause bleiben. Wir haben uns darüber ausgetauscht, was wir als Fans davon halten, wenn die Mannschaft trotzdem antritt. Wir haben die Mannschaft gefragt, ob es für sie ok wäre, wenn wir draußen bleiben, um ein Zeichen zu setzen und Borna nicht noch unnötig Geld in den Rachen zu werfen. Oder ist es vielleicht angebracht, jetzt erst recht die Mannschaft zu unterstützen, sie nicht allein zu lassen und ein deutliches Zeichen im Stadion zu setzen. Ähnliche Diskussionen haben wir auch, wenn es darum geht, dass wir wieder einmal unsere Transparente nicht mit reinnehmen dürfen.
Einen 0815-Plan gibt es da nicht. Wir müssen immer situationsbedingt reagieren. Wir sind halt, wie das Leben auch, voller Widersprüche. Auf der einen Seite haben wir schon recht radikale Vorstellungen. Auf der anderen Seite muss man manchmal nach den Regeln spielen, um wenigstens im Kleinen etwas ändern zu können.
Zum Beispiel wenn es um Gleichberechtigung der Geschlechter geht. Beim Fußball gibt es nun mal keine gemischten Teams. Damit müssen wir uns abfinden. Also gehen wir halt zur Herrenmannschaft bzw. zu den RS-Ladys und machen dort beispielsweise durch Transparente auf Sexismus aufmerksam.

Gibt es Verbindungen zum SV Babelsberg 03 oder St. Pauli?
Daniel:
Ja. Pauli hat uns mit (mindestens) zwei Choreografien zur Teichstraßenkampagne unterstützt. Babelsberg hat eine Geldstrafe für uns bezahlt, nachdem wir wegen des Tragens von „Nazis raus aus den Stadien“-T-Shirts und dem Zeigen eines Transparentes mit antifaschistischem Inhalt, verurteilt wurden. Freundschaftliche Verbindungen gibt es auch zu den Fans von Tennis Borussia Berlin, dem Wiener Sportclub, den Clapton Ultras London und zu diversen „Roten Sternen“ in Deutschland.

Wie ist das Verhältnis zu den anderen Vereinen in Leipzig, Ostdeutschland und in der Liga?
Daniel:
Durchwachsen. Es gibt Vereine, denen ist es scheinbar egal, dass wir sind, wie wir sind. Es könnte auch jeder andere Verein kommen. Sie freuen sich vielleicht, dass wir recht viele sind und so etwas mehr Geld in deren Kassen wandert. Dann gibt es Vereine, die uns wohl gesonnen sind.
Das merkt man schon daran, wie man empfangen wird. Keine nervigen Auflagen und vielleicht noch etwas Vegetarisches zu Essen. Das hat mir z.B. beim SV Naunhof sehr gefallen. Auf der anderen Seite gibt es auch Vereine, mit denen es seit Jahren Ärger gibt. Borna und Schildau – um nur zwei zu nennen.

Was wünscht du dir für die Zukunft des Vereins?
Daniel: Dass er weiter wächst. Hier tut sich gerade sehr viel. Stichwort Teichstraße. Natürlich sportliche Erfolge. Und, dass er weiter den Finger in die Wunde legt.

Die RA!F feierte am 10. Februar ihren ersten Geburtstag. Wir gratulieren zum 1- jährigen!

[Die Meinung der/s Autor*in entspricht nicht notwendigerweise der der Redaktion]

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https://blogs.taz.de/bewegung/2018/02/28/politisch-fit-in-leipzig/

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kommentare

  • Bin selbst im November nach Leipzig gezogen und habe mir ab und zu mal ein Spiel des RB Leipzig angeschaut. Es ist teilweise krass welche Gruppen sich dort bilden. In einer Doku habe ich erfahren, dass es zu fast jedem Verein gewaltbereite Hooligans gibt die nur darauf aus sind sich dort zu prügeln. Die trainieren dafür wöchentlich wie man die gegnerischen Fans richtig verprügelt. Das hat für mich einfach nichts mehr mit Sport zu tun. Was am Rand des Spiels passiert ist meiner Meinung nach sehr wichtig und ich finde es gut was die „Roten Sterne“ dort machen! Toller Artikel und weiter so!

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