vondesireefischbach 04.07.2018

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Vernagelt und durch eine Security Firma gesichert, bröckelt die ehemals denkmalgeschützte Villa Hirschgarten am Müggelseedamm in Köpenick 2018 vor sich hin. Auch der ehedem denkmalgeschützte umliegende Garten wächst heute wild.

Die Natur holt sich zurück, was einst ihrs war. Aber sie ist nicht die rechtliche Eigentümerin.

Laut Berliner Zeitung wurde die Villa 2005 an einen privaten Investor verkauft. Vermutlich ein Anleger aus dem Ausland, da die Zinsen und Preise zu Zeiten der Versteigerung vor allem für Investoren im Ausland besonders attraktiv waren. Der Hausherr scheint auf jeden Fall nicht da zu sein, denn Privatnutzung sieht anders aus.

Der Berliner Liegenschaftsfonds verkaufte die Villa via Bieterverfahren. Seit seiner Gründung im Jahr 2001 wurden bis 2006 knapp eine Milliarde Euro an die Landeskasse überwiesen.

Mit dem Erwerb der Villa waren keine Auflagen, wie etwa Denkmalschutz, verbunden. So ist der heutige Verfall der Villenanlage erst möglich geworden. Das beste Gebot zählte und der damalige Finanzsenator Thilo Sarrazin freute sich über den kurzfristigen Geldsegen.

Der Käufer kann heute nach 13 Jahren triumphieren, denn er besitzt ein großes Grundstück in bester Wohn- und Wasserlage, das heute ein Vielfaches mehr wert ist als der damalige Verkehrswert, der als Basis für den Verkauf genommen wurde.

Dabei sollte das geschichtsträchtige und wunderschöne Objekt samt Gartenanlage dringend erhalten bleiben. Für den Erhalt des Gartens schrieb etwa Jana Hoschka 2003 ein „Denkmalpflegerisches Nutzungs- und Wiederherstellungskonzept einschließlich Gestaltung einer Uferpromenade für einen Villengarten in Berlin-Köpenick“. Leider erfolglos. Der Garten wurde noch bis zum Verkauf 2005 von der Stadt gepflegt. Seitdem ist offensichtlich nichts mehr geschehen. Wenn man heute vom Müggelseedamm aus durch den Zaun hindurch blickt, sieht man einen verlassenen und vergessenen Ort.

Ein Entwurf, wie der von Jana Hoschka käme in jedem Fall dem zu Gute, was die Anlage einst war. Sie befindet sich in der ehemaligen Villenkolonie „Hirschgarten“ die der Bankier Friedrich Wilhelm Albert Hirte im Juni 1870 gründete.

Die Villa Hirschgarten wurde 1874 als repräsentative Villa im Stil der klassizistischen Schinkel-Schule fertiggestellt. Bauherr war der Bankier Carl Methier. Die Anlage am Müggelseedamm wurde in der DDR als Kinderferienobjekt der ehemaligen Berliner Verkehrsbetriebe genutzt. Der Zaun trägt heute noch den Schriftzug der BVB.

Das Objekt am Müggelseedamm zeigt nicht nur bestens die Geschichte Berlins, mit ihrer Gründerzeit und dem Berlin-typischen Bezug zu Schinkel, den Kriegen und die Teilung Berlins in Ost- und Westberlin.  Die Geschichte des Objekts verdeutlicht auch exemplarisch, wie die Politik den Ausverkauf der Stadt gebilligt und die Gentrifizierung fleißig lanciert hat.

Die Villa Hirschgarten ist dabei nur ein Beispiel von Hunderten. Der Tränenpalast, das Standesamt Tiergarten und das Metropol-Theater an der Friedrichstraße gehören unter vielen anderen zu den Immobilien, die zur selben Zeit veräußert wurden. Der Gentrifizierung Berlins war Tür und Tor geöffnet. Die Folgen sind bereits heute deutlich spürbar. Das Voranschreiten scheint unaufhaltsam.

von DESIREE FISCHBACH, taz Digitale Transformation

Foto: A.-K. D.~commonswiki unter CC BY-SA 3.0, Wikimedia

[Die Meinung der/s Autor*in entspricht nicht notwendigerweise der der Redaktion]

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