vonTorben Becker 13.09.2018

Bewegungs-Blog

Informieren! Aktivieren! Bewegen! – Hier bloggen die Mitglieder der taz Bewegung über ihr Engagement.

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Potse und Drugstore sollen zum Ende des Jahres aus der Potsdamer Straße 180 in Berlin-Schöneberg ausziehen. Sie gelten als erfolgreiche Langzeitprojekte niedrigschwelliger Gemeinschaftsarbeit. Doch damit scheint bald Schluss zu sein, denn im Haus etablieren sich kühlere Formen der Selbst-Verwaltung.

„Was man hier in der Potse machen kann, passt auf keinen Lebenslauf“, fasst Domi, eine Aktivist*in im Kollektiv des selbstverwalteten Jugendzentrum Drugstore, die vielseitigen Engagementmöglichkeiten zusammen. Potse und insbesondere das Drugstore gelten seit 46 Jahren als Hort unverzichtbarer Jugend- und Subkulturen Berlins. Das schätzen nicht nur internationale Künstler*innen und Bands, sondern auch die Bezirksverwaltung Schöneberg. Diese hat Ende 2017 trotz starker Mieterhöhung weitere Mittel für die Finanzierung des Jugendzentrums bewilligt. Jedoch scheitert eine unbeschwerte Zukunft am aktuellen Hauseigentümer der INTOWN GmbH, die die Räume ab 2019 anders vermietet wissen will.

Konkrete Kündigungsgründe teilte INTOWN auf Anfrage der taz nicht mit. „Dem Hauseigentümer geht es nicht mal ums Geld, der möchte hier schnell sein eigenes Ding machen“, vermutet Domi. Das zeige auch die Ansiedelungen von Firmen, die wie Rent24 über der Potse im 4. und 5. Stock eingemietet sind. Rent24 prägt ein neues Verständnis von Gemeinschaft, Arbeit und Engagement im Haus.

„Digital, unabhängig und frei“ – Mit diesem Motto möchte Rent24 nach eigenen Angaben digitale Nomaden aus aller Welt ins Haus holen. Das Konzept vereint Coworking mit Coliving. Interessierte können sich über eine Mitgliedschaft für einzelne Tage oder mehrere Monate einmieten und ihre Freizeit deckungsgleich an ihre beruflichen Ambitionen anpassen.

„Community wird hier groß geschrieben“, betont Andreas Maechler, PR-Manager bei Rent24, im Gespräch mit der taz als er die im IKEA-Chic vollmöblierten Stockwerke präsentiert. Ein exklusives Konzept, das Mitgliedern anbietet, Erholungs-, Sport-, Gemeinschafts- und natürlich Arbeitsräumen im Idealfall nur bis zur hausinternen Bäckerei und Café im Erdgeschoss verlassen zu müssen.

Entstehen so aber nicht eigenbrötlerische Communities mit wenig Nachbarschaftshaftung? Nein, denn es ginge bei Rent24 eben darum Menschen miteinander zu vernetzen. Events in ihren Räumen seien nach erfolgreicher Anmeldung sogar öffentlich zugänglich, konterte Maechler die Frage ob sich Rent24 in lokalen und sozialen Projekten engagiere.

Das Eventprogramm verrät aber schnell, dass „Kundensegmentierungs“-workshops, das „StartUp-Frühstück“ oder ein „Growth Hacking Bootcamp“ eine sehr ausgewählte Öffentlichkeit anspricht, nämlich die der eignen Mitglieder.

Ein neoliberaleres Klima

Es weht ein neuer Wind im matten Haus an der Potsdamer Straße, der auch für die Besucher*innen und Aktivist*innen der Potse im separierten Treppenaufgang der Potse spürbar ist. Ihr niedrigschwelliges Angebot mit Konzerten, Feierabendtresen und Solipartys wird hin und wieder auch von Rent24-Mitgliedern und Handwerker*innen, die im Auftrag der INTOWN GmbH das Haus modernisieren, in Anspruch genommen, berichtet Domi.

Seither „kam es vermehrt zu sexistischen oder rassistischen Beleidigungen. Manche Gäste von Rent24 kommen über den Notausgang in unser Treppenhaus und drehen auf unseren Veranstaltungen dann frei“, schildert Domi vergangene Situationen. In einer kürzlich erschienen Pressemitteilung beklagen die Aktivist*innen von Potse/Drugstore zudem, dass der Regelbetrieb ihres kulturellen Angebots durch Rent24 eingeschränkt werde. Es gebe vermehrt Beschwerden und in jüngster Vergangenheit eine Anzeige wegen Lärmbelästigung, obwohl in den oberen Stockwerken eigentlich niemand für länger wohnen dürfe, denn es handele sich dabei um Gewerbeflächen, so die ursprüngliche Versicherung des Bezirksamtes gegenüber den Kollektiven der Jugendzentren.

Sicherheit und Belästigung

Andreas Maechler sieht das anders. Zu anderen Mietparteien im Haus habe Rent24 keinen Kontakt und wolle sich über sie auch nicht äußern. Auf eine Nachfrage zum Verhältnis zum Sicherheitsdienst verweist Andreas Maechler auf den Hauseigentümer. „Rent24 hat keinen Sicherheitsdienst.“ Doch auch in diesem Punkt bleibt eine Stellungnahme der INTOWN GmbH aus.

Männliche Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes gaben sich in der Vergangenheit am Hauseingang der Potse als Türsteher, dabei kam es ihrerseits zu rassistischen und sexistischen Beleidigungen. „Mit Affen rede ich nicht“, zitierte Domi eine Beschwerde eines Gastes, der am Zugang zur Potse gehindert wurde.

Angesichts der Übergriffe von neuen Gästen oder Sicherheitsdiensten sahen sich die Aktivist*innen gezwungen, allein in den letzten vier Monaten Verweise und fünf Hausverbote auszusprechen. „Irgendwie ist die Luft raus, denn wir wollen hier Selbstverwaltung und Hilfe zur Selbsthilfe machen, aber eigentlich helfen wir uns nur selbst“ – zeichnet Domi ein ermüdendes Resümee. Man sei vorwiegend mit „Orga, Orga, Orga“ beschäftigt. Die Auseinandersetzungen mit INTOWN, neuen Nachbar*innen oder einem unliebsamen Sicherheitsdienst kämen erschwerend dazu.

Nun stehen sich noch vor dem Auszug zwei Gemeinschaftsentwürfe unversöhnlich gegenüber: Das lebenslaufbeflissene Startup-Prekariat macht gewachsenen Konzepten sozialer Gemeinschaftsarbeit den Raum streitig. Derweil kümmert sich das Bezirksamt um zukünftige Alternativräume für die Jugendzentren, die in gewohnter Form im Kiez jedoch nicht zu finden sind – zukünftige Nachbarschaft auch hier ungewiss.

von TORBEN BECKER, taz Bewegung

FOTO: wikimedia/CC BY-SA 4.0

Aktueller Termin Potse/Drugstore: Seit 1972 engagieren sich Aktivist*innen im Drugstore und in der Potse. Ihr niedrigschwelliges Angebot hat Jugend- und Subkulturen nicht nur in Berlin, sondern auch international geprägt. Vom 13.-15.9. 2018 können man die Potse und das Drugstore mit ihrem altbekannten Charme während des Potse Drugstore Festivals 2018 feiern.

Nachtrag: Nach Lärmbeschwerden beendet die Polizei das Potse-Drugstore-Festival. VertreterInnen der Jugendzentren sprechen von „massiver Gewalt“.

[Die Meinung der/s Autor*in entspricht nicht notwendigerweise der der Redaktion]

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https://blogs.taz.de/bewegung/2018/09/13/der-kampf-um-neue-communities-und-alte-gemeinschaften/

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kommentare

  • […] „Der Kampf um neue Communities und alte Gemeinschaften“ von Torben Becker am 13. September 2018 … – also vor dem Polizeieinsatz – zu den Kündigungsplänen des Gebäude-Eigentümers unter anderem: „„Was man hier in der Potse machen kann, passt auf keinen Lebenslauf“, fasst Domi, eine Aktivist*in im Kollektiv des selbstverwalteten Jugendzentrum Drugstore, die vielseitigen Engagementmöglichkeiten zusammen. Potse und insbesondere das Drugstore gelten seit 46 Jahren als Hort unverzichtbarer Jugend- und Subkulturen Berlins. Das schätzen nicht nur internationale Künstler*innen und Bands, sondern auch die Bezirksverwaltung Schöneberg. Diese hat Ende 2017 trotz starker Mieterhöhung weitere Mittel für die Finanzierung des Jugendzentrums bewilligt. Jedoch scheitert eine unbeschwerte Zukunft am aktuellen Hauseigentümer der INTOWN GmbH, die die Räume ab 2019 anders vermietet wissen will. Konkrete Kündigungsgründe teilte INTOWN auf Anfrage der taz nicht mit. „Dem Hauseigentümer geht es nicht mal ums Geld, der möchte hier schnell sein eigenes Ding machen“, vermutet Domi. Das zeige auch die Ansiedelungen von Firmen, die wie Rent24 über der Potse im 4. und 5. Stock eingemietet sind…“ […]

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