vonvaleriadobralskaya 26.09.2018

Bewegungs-Blog

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Am 6. September 2018 brachten die Gedenkstätte Berlin-Höhenschönhausen und die Frauenrechtsorganisation „Women Now For Development“ ehemalige politische Gefangene und deren Angehörige aus Syrien und der DDR im Rahmen einer Veranstaltung zusammen. Bei einer Führung durch die Gedenkstätte mit anschließender Podiumsdiskussion sollten die Betroffenen Erfahrungen austauschen und öffentlich von ihren Erlebnissen als Gefangene oder Angehörige sprechen.

Gegen 19 Uhr ist der Veranstaltungsraum in einer umgebauten Garage der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt gut gefüllt, im Publikum sitzen viele Syrer. Das Podium besetzen Monika Schneider, Peter Bradler, Fadwa Mahmoud und Asmaa Al Farraj. Sie alle haben Haft in einem repressiven politischen Regime erlebt – als Gefangene oder Angehörige, Fadwa Mahmoud und Asmaa Al Farraj sogar in beiden Rollen. Seit mehreren Jahren kämpfen sie für die Freilassung und Informationen über ihre in Haft verschollenen Familienmitglieder. Sie wissen nichts über deren Aufenthaltsort oder den Gesundheitszustand, nicht mal, ob ihre Liebsten überhaupt noch am Leben sind.

Aus ihrem Leid heraus gründeten Fadwa Mahmoud und Asmaa Al Farraj zusammen mit anderen syrischen Familien die frauengeführte Initiative „Families for Freedom“, welche Freiheit für die politischen Gefangenen in Syrien verlangt und sich gegen willkürliche Inhaftierungen und das Verschwindenlassen von Menschen einsetzt. Sie wollen ihre Forderungen erreichen, indem sie die internationale Öffentlichkeit mobilisieren, um somit Druck auf die syrische Regierung auszuüben. Dazu kommen sie mehrmals im Jahr in europäischen Städten zusammen und veranstalten Mahnwachen, Sit-Ins und Kundgebungen.

Syriens verschwundene Menschen

Am 20. September 2012 wartete Fadwa Mahmoud am Flughafen von Damascus auf die Rückkehr ihres Sohnes und ihres Ehemannes von einer Syrien-Konferenz in China, doch die beiden haben die Ankunftshalle nie betreten. Seither fehlt von ihnen jede Spur. „Als ob sie einfach aus dem Leben verschwunden wären“, sagt Fadwa Mahmoud mit Tränen in den Augen.

Kein Einzelfall – die Aktivistinnen von Families for Freedom sprechen von einem „System des Verschwindenlassens“. Das Syrian Network for Human Rights schätzt die Anzahl der Verschwundenen auf rund 200.000. Diese Praxis wird vom syrischen Sicherheitsapparat systematisch eingesetzt, um RegierungskritikerInnen auszumerzen. Es ist wirksam, weil es an zwei Stellen gleichzeitig ansetzt: Einerseits werden AktivistInnen aus dem Spiel gezogen, andererseits werden ihre Familien erpressbar, weil sie Angst haben, durch das Fortsetzten ihres Engagement den Angehörigen in Haft zu schaden.

Fadwa Mahmoud war unter Hafiz al-Assad selbst inhaftiert, weil sie einer kommunistischen Untergrundbewegung angehörte: „In einer Zelle, in der in Hohenschönhausen zwei Gefangene untergebracht waren, saßen wir in Syrien zu 20. Duschen, wie es sie hier gab, waren unvorstellbar.“ Asmaa Al Faraj, deren Haft sechs Jahre zurück liegt, kommt auf gängige Foltermethoden zu sprechen: „Ein junger Mann wurde über mehrere Tage vor meinen Augen gefoltert, um mich zu Aussagen zu bewegen. Väter sind während der Verhöre mit der Vergewaltigung ihrer Töchter erpresst worden.“

Anfang August aktualisierte die syrische Regierung das Zivilregister. So erfuhren hunderte Familien vom Tod ihrer verschollener Angehörigen. „Meist ist keine Todesursache verzeichnet“, so Fadwa Mahmoud, „und ist es ‚Herzinfarkt‘, so ist davon auszugehen, dass es bloß ein Deckwort für Foltertod ist.“ Sie selbst habe keinen Mut gehabt, in den aktualisierten Registern nach ihrem Mann und Sohn zu suchen.

Der „Bus der Freiheit“ in Berlin

Um die Öffentlichkeit für diese Zustände zu sensibilisieren, hat Families for Freedom zu einer Kundgebung aufgerufen, die am 8. September 2018 am Pariser Platz in Berlin stattfand. Für die etwa 60 Versammelten war es ein emotionaler Moment, als der „Bus der Freiheit“, ein roter Doppeldecker, vor das Brandenburger Tor fuhr. Der Bus trug die Forderung „Set them free“ in arabischer und englischer Sprache und war bestückt mit hunderten gerahmten Bildern von Inhaftierten: Männer mit und ohne Bart, Frauen mit und ohne Kopftuch, vor einem Bücherregal oder einer vor einer Spielkonsole. Man sah einen Universitätsprofessor, der eine Vorlesung hält, ein Pärchen, das sich umarmt und glücklich in die Kamera lacht, einen Burschen mit intensiv gegelten Haaren, der sich mit einer Digitalkamera im Spiegel fotografiert, ein blauäugiges Mädchen mit Zöpfen, vielleicht 4 Jahre alt – ein Querschnitt durch die syrische Vorkriegsgesellschaft.

Als der Bus hielt, kämpften einige der Versammelten mit den Tränen. Die Aktivistinnen von Families for Freedom hatten bewusst einen mit Fotos behängten Bus als Symbol ihres Protestes ausgewählt: Busse wurden von syrischen Sicherheitskräften zum Abtransport von friedlichen Demonstranten eingesetzt. Mit den Portraits wurden die Verschwundenen wieder sichtbar gemacht.

„Wir sind heute hier, um die Bilder der Verschwundenen hochzuhalten. Wenn wir alle Bilder der Verschwundenen hochhalten würden, würde dieser Platz nicht ausreichen. Wir sind heute hier, als Repräsentantinnen aller syrischer Familien, die jemanden verloren haben. Wir verlangen die Freilassung der Gefangenen aller Fraktionen, obgleich die Gefangenen des Regimes die Mehrheit darstellen. Es kann keinen Frieden in Syrien geben, bevor die Familien nicht wieder aufgebaut sind. Deshalb verlangen wir Freiheit für die Gefangenen und Freiheit und Gerechtigkeit für das syrische Volk!“ – sagt die Mitbegründerin von Families for Freedom Fadwa Mahmoud in ihrer Ansprache.

Rojin und Taufik sind mit ihrem kleinen Sohn hier. Während der Kleine auf den Schultern seines Vaters sitzt, hält Rojin das Portrait ihres Bruders, Mohammed Djuma Derki. „Mein Bruder wurde 2012 verhaftet. Er war kein Aktivist, schmierte keine Parolen an die Wände und hat nie eine Waffe gehalten. In seiner Heimatstadt Damaskus sammelte er Milch für die Kinder der Geflüchteten aus Homs. Das war strengstens verboten gewesen, da das Regime die Bewohner von Homs strafen wollte, weil sie gegen Assad waren.“ Rojins Familie hat in den aktualisierten Registern nach ihm gesucht und nichts gefunden, deshalb geben sie die Hoffnung nicht auf, ihn lebend zu sehen.

In diesem Augenblick machen Touristen Fotos vor dem Brandenburger Tor und sind kein bisschen von dem roten „Bus der Freiheit“ irritiert. „Can you get a photograph without the bus blocking the view on the Brandenburger Tor?” fragt eine junge Engländerin ihren Begleiter und stellt sich für ein Foto auf. Zu hoffen bleibt, dass die internationale Gemeinschaft mehr Gehör für den Hilfeschrei der Syrerinnen hat als internationale Touristen.

von VALERIA DOBRALSKAYA

[Die Meinung der/s Autor*in entspricht nicht notwendigerweise der der Redaktion]

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