vonmaximiliankoehler 19.11.2018

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Der Himmel über den Hermannplatz in Neukölln ist wolkenverhangen, als sich am Sonntag, den 4. November 2018, mehr als dreihundert Menschen versammeln. Eine Frau verkündet auf portugiesisch, dass sie schon einmal eine Militärdiktatur mitgemacht hat und nicht aufhören wird, dagegen zu kämpfen. Die Demonstrierenden stimmen ihr in Sprechchören zu. Viele Menschen mit unterschiedlichsten Lebensbiographien treten an diesem Tag vor die Transparente und unterstreichen, warum es wichtig sei für die Brasilianische Demokratie zu kämpfen. Einer, der die Transparente hochhält, ist Lucas. Er ist einer der DemoorganisatorInnen.

Die Kundgebung war die erste offiziell angemeldete Demonstration nach den Präsidentschaftswahlen in Brasilien. Noch bilden die OrganisatorInnen ein loses Kollektiv, das sich spontan über Facebook organisiert hat und aus etwa vierzig BrasilianerInnen besteht, die in Berlin leben. „Es fängt erst gerade an. Deshalb sind wir zufrieden, dass trotz der knappen Zeit mehr als dreihundert DemonstrantInnen sowie ortsansässsige Parteien und andere Bewegungen kamen“, sagt Lucas.

Man könnte fragen,  ob es etwas bringt, wenn dreihundert BrasilianerInnen in Berlin für die Demokratie in dem weit entfernten Brasilien demonstrieren. Lucas resümiert: „Was können wir von hier machen? Es ist sehr schwer für mich die jüngsten Ereignisse von außen anzusehen.“ Er redet dabei ruhig  und mit gewählten Worten. In seiner Stimme liegt jedoch keine Resignation. Weder Frustration noch Verzweiflung. Sie klingt vielmehr nach einer kühlen Feststellung, nach einer Prämisse. Die besondere Aufgabe sieht er darin die internationale Aufmerksamkeit darauf zu richten, wie sich die zukünftige Regierung unter Bolsonaro entwickelt.

Demonstrierende zeigen Fotos von Trans- und Homosexuellen, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität während der Wahlen ermordet wurden.

Ende Oktober wählten die BrasilianerInnen Jair Bolsonaro von der Partido Social Liberal (PSL) mit 55.1 % zu ihrem neuen Präsidenten. Während er und seine Partei für die eine Hälfte Brasiliens die Rettung ihrer Nation symbolisiert, sehen viele andere genau das Gegenteil in ihm. Sie stellen sich die Frage: Wie kann man jemanden die Zukunft von mehr als 200 Millionen Menschen anvertrauen, der öffentlich einer Parlamentarierin entgegnet, dass er sie nicht vergewaltigen würde, da sie zu hässlich sei?

Zentrales Wahlkampfthema Bolsonaros war die Bekämpfung der ausufernden Gewalt. Mit 64,357 Morden im Jahr 2017 zählt Brasilien zu den gefährlichsten Ländern der Welt. Bolsonaro griff die daraus resultierenden Ängste und Frustrationen auf, indem er sich mehrmals für eine Militärisierung des Staates aussprach und der Zivilbevölkerung den Zugang zu Schusswaffen erleichtern möchte. Hinzu kam, dass etliche skandalöse Korruptionsvorwürfe der ehemals populären Arbeiterpartei Partido dos Trabalhadores (PT) viele Wähler haben abwandern lassen.

Ein weiterer entscheidender Faktor spielte die durch beauftragte Firmen wie Quickmobile, Yacows, Croc Services oder SMS Market betriebene Verbreitung von Fake News via WhatsApp, wie die Journalistin Patrícia Campos Mello in Folha de São Paulo aufdeckte. Amtseintritt für Bolsonaro ist der 01. Januar 2019. Ob und inwiefern der zukünftige Präsident dann tatsächlich eine neue Militärdiktatur einläuten wird und kann, wird sich zeigen. Was sich jedoch bereits realisiert, ist die Entfachung und Legitimation der Gewaltbereitschaft gegenüber politisch Andersdenkenden, LBGTQ-Mitgliedern und der afrobrasilianischen Bevölkerung.

Angeheizte Stimmungen des zukünftigen Präsidenten

„Ich habe einige Bekannte, die angegriffen wurden, nur weil sie ein rotes T-Shirt trugen und deswegen mit der linken Arbeiterpartei (PT) und dem Kommunismus assoziiert wurden “, sagt Lucas. In der Wahlnacht der ersten Runde wurde der Capoeira-Meister Moa do Katendê erstochen, nachdem er Bolsonaro kritisierte. Die Zeitung El País berichtete von Betroffenen, die Angst haben, dass die neue Regierung LGBTQ-Mitglieder kriminalisiert oder als BürgerInnen „ficha-suja“ (minderwertiger Bürgerstatus) kategorisiert.

Eine der Demonstrierenden erinnert an die ehemalige Stadtverordnete Marielle Franco, die am 14. März 2018 ermordet wurde. Sie setzte sich für die Rechte der LGBTQ-Community und der Favelabevölkerung ein.

Der Widerstand in Brasilien ist  gefährlich und ähnelt den Zuständen der ehemaligen Militärdiktatur.  Landesweit wurden antifaschistische Flaggen der Fakultäten gewaltsam von der Polizei entfernt. Die Kolumnistin Ruth Manus wurde von der Tageszeitung Estadão entlassen, nachdem sie Kritik gegenüber Bolsanaro äußerte. Eine Abgeordnete des Bundesstaates Santa Catarina forderte, dass man ProfessorInnen, die öffentlich Bolsonaro kritisieren („professores doutrinadores“), filmen und melden sollte. Viele BürgerInnen Brasiliens sind deshalb besorgt, was die öffentliche Meinung ihres Landes angeht.

Keine oder Keiner lässt die Hand der oder des anderen los

Lucas war Mitglied einer studentischen Bewegung der Universidade de São Paulo, die eine der wichtigsten Pfeiler des derzeitigen politischen Widerstands in Brasilien darstellt. Als die Studenten 2013 das Rektorat besetzten, schlief er 40 Tage in seiner Fakultät, ging von da aus zur Arbeit und danach zu seinen Kursen, da die ProfessorInnen in diesem Jahr nicht streikten. Der aktuelle Widerstand gegen die sich formierende Regierung und ihre Politik mobilisiert viele Menschen in Brasilien, auf die Straße zu gehen. Während der Wahlen versammelte die Bewegung #EleNão, dem Nachrichtendienst G1 zur Folge, etwa 100.000 Personen auf dem Platz Largo da Batata in São Paulo und Hunderttausende in 114 anderen Städten in Brasilien. Eine Woche nach den Wahlen gingen 50.000 Menschen Hand in Hand zusammen auf die Avenida Paulista im Zentrum von São Paulo um ihren solidarischen Widerstand zu demonstrieren.

„Wir wissen, dass es schwer ist, aber es ist nicht unmöglich. Wir müssen die Angst in Mut umkehren. Wir dürfen die Angst nicht unser Leben bestimmen lassen, ansonsten bleiben wir eingeschlossen in unseren Zimmern, während Bolsonaro alles mögliche an Absurditäten veranstaltet“, stellt Lucas klar. Man könnte meinen, dass sage jemand, der mit dem Rücken zur Wand steht. Dabei sitzt er in einem alten Neuköllner Café in dem mehr als 10.000 km entfernten Berlin. „Zwar macht es einen Unterschied, ob man Widerstand mit theoretisch lebensbedrohlichen Konsequenzen in Brasilien leistet oder in Deutschland, jedoch sollte die Verteidigung der Demokratie nicht die verschiedenen Umstände derjenigen ausbeuten, die an ihr interessiert sind“, erklärt er.

Neben dem erklärten Ziel die brasilianische Demokratie zu verteidigen ist es vor allem eine Bewegung von BrasilianerInnen für BrasilianerInnen, die nicht in Brasilien sind. Es geht hierbei um Solidarität mit den Verwandten, Bekannten und Gleichgesinnten und es geht darum, der Angst, der Frustration oder der Wut Luft zu machen und den Ungehörten ein Mikrofon bereitzustellen.  Besonders deutlich wird das, als sich zum Ende der Kundgebung eine Frau das Mikrofon nimmt: „Hi Leute, ich bin eine Trans“, sagt sie, erzählt ihre Geschichte und endet dann später, „…egal, wo ich hingegangen bin, habe ich Gewalt erlebt. Ich bin hierher geflohen, aber es war  verdammt schwer Leute zu finden, die mir wirklich helfen wollten. Nun möchte ich jemand sein, der anderen hilft.“ Viele von den Protestierenden kamen nach Berlin, weil sie in Deutschland eine bessere und sichere Zukunft für sich selbst sahen. Gerade in letzter Zeit richtet sich ihr Blick aber wieder in die zurückgelassene Herkunft.

„Es ist wichtig, dass wir uns helfen, uns zu hören, uns umarmen, falls nötig. Es gibt einen Satz, den man zur Zeit überall in Brasilien hört und der lautet: Keine oder keiner lässt die Hand der oder des anderen los („Ningém solta a mão de ninguém“). Dieser Satz beschreibt unsere Gefühle treffend. Egal ob in oder außerhalb von Brasilien“, bekräftigt Lucas. Er selbst schließt in einem halben Jahr seinen Master in Berlin ab. Wann er zurück nach Brasilien kehrt, weiß er noch nicht genau, aber er wird gehen, dessen ist er sich sicher. Ebenfalls ist er sich sicher, dass ihn dann ein verändertes Land erwarten wird.

von MAXIMILIAN KÖHLER

 

 

[Die Meinung der/s Autor*in entspricht nicht notwendigerweise der der Redaktion]

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