Massagen für die Massen

von Martin Kaul

Liebe Retrobewegung, verehrter Verweigererkomplott,

wenn das stimmt, was heute im Tagesspiegel steht, dann gehört Deine behäbige Blockade aber schnellstens behoben. Angeblich lag bei der Sitzung des Akademischen Senats der vorzeigbaren Berliner Humboldt-Universität ein Grundsatzpapier zum Bologna-Prozess vor, das schnelle Verbesserungen an den scheiternden Studiengängen vorschlagen wollte. So schreibt der Tagesspiegel:

In dem fünfseitigen Grundsatzpapier, das der Philosoph Volker Gerhardt erarbeitete, werden die Unimitglieder aufgefordert, die „Spielräume im Bologna-Prozess“ zu nutzen. So sollten die Fächer mehr Angebote im Studium generale einplanen, den Studierenden sollte mehr Zeit für die Vorbereitung und Vertiefung des Stoffes gelassen werden. Die Anwesenheitspflicht könne grundsätzlich entfallen. Die HU solle sich bei der Politik auch dafür einsetzen, dass Studierende auf einen achtsemestrigen Bachelor einen viersemestrigen Master setzen können. Bisher ist grundsätzlich eine Regelstudienzeit von zehn Semestern vorgesehen. Die HU solle mit dem Papier einen maßgeblichen Impuls für die im April stattfindende Bologna-Konferenz von Bund und Ländern geben, sagte Gerhardt.

Grund dafür gäbe es genug. Die Bologna-Reformen drohen zu scheitern. Seit zehn Jahren wächst das Chaos. Seit einem Jahr mobilisieren die Studierenden immer wieder erfolgreich zu Aktionen. Und jede der oben genannten Forderungen gehört mittlerweile zur Selbstverständlichkeit der dringend benötigten Verbesserungen an den Unis. Kurz: Das alles muss nicht heute oder morgen kommen. Sondern gestern.

Was tut nun die HU? Sie tut, was bislang alle taten: Sie vertagt sich mal wieder. Und wer macht mit? Die Studierenden.

Während die Vorschläge von Professoren und einigen Studierenden im Publikum gelobt wurden, lehnten die Studentenvertreter im AS sie ab – hauptsächlich, weil das Papier vorher mit den Gremiumsmitgliedern nicht abgesprochen gewesen sei.

Super Idee! Und wenn Hugo Chavez mit marschkräftigen Revolutionsgarden das kapitalistische Schweinesystem in Deutschland bekämpfen würde, dann verweigern sich die StudierendenvertreterInnen auch? Weil es nicht abgesprochen gewesen war?

Okay. Nen kleinen Unterschied zwischen Gerhardt und Chavez lass ich zu. Alle anderen Verkrampfungen nicht.

Ganz locker also,

die Hochschulabteilung für Massenmassagen


4 Kommentare zu "Massagen für die Massen"

  1. Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal …. recherchieren? Der AS der Humboldt Universität fasst zum Thema Bologna, Studienreform etc. seit der studentischen Umfrage (studierbarkeit.de – im Mai 2007 veröffentlicht) einen folgenlosen Beschluss nach dem anderen. So macht die HU ab und an mal positive Schlagzeilen, aber tatsächlich repariert oder korrigiert oder sonst sinnvoll fortgeschrieben wird der Bologna-Prozess an der HU eher nicht.
    Die Vermutung ist schon berechtigt, dass da ein “maßgebliche[r] Impuls für die im April stattfindende Bologna-Konferenz von Bund und Ländern” gegeben werden soll, bei dem die HU einmal mehr damit durchkommt, positive Schlagzeilen zu machen, ohne dass de facto irgendwas dahinter ist. Hoffentlich ist es anders, aber die Erfahrung legt genau das nahe und so macht die Vertagung Sinn.

    Es wäre ganz nett, wenn die TAZ zu den Blättern gehörte, die einfach mal etwas genauer hinsehen. Aber Ihr habt ja diese Anti-HU-Studierendenvertretung-Mission am Start, die ist sicher wichtiger.

  2. Vielen Dank für Ihre messerscharfe Analyse der Situation im Akademischen Senat der HU. Besonders interessant ist, dass Sie ja nicht mal selbst anwesend waren, sondern sich auf ein paar Zeilen im Tagesspiegel stützen.

    Das sogenannte “Grundsatzpapier” sollte überfallartig und daher ohne große Diskussion durch den AS gedrückt werden. In dem fünfseitigen Papier geht die HU “äußerst kritisch” mit sich selbst ins Gericht. Da heißt es “Bologna ist ein Erfolg”, “Die Abbruchzahlen sind gesunken”, “Die Lehre wurde verbessert” usw. auf ganzen 8 Zeilen (nicht Seiten, ZEILEN!) werden konkrete Verbesserungsvorschläge gemacht. Auf einer weiteren halben Seite werden diffuse Verbesserungsvorschläge gemacht, die auch ganz schnell ins Gegenteil – nämlich Elitewahnsinn – umschlagen können.

    Auf der anderen Seite wurden und werden die Vorschläge der Studierenden abgelehnt, die teilweise genau das fordern, was das Papier als Problem anspricht. Dieses Papier ist einzig dazu da, die HU in ein gutes Licht zu rücken. Dort wird Bologna nach vorne gebracht usw. Das Gegenteil ist der Fall und deshalb konnte und kann man dem Papier in der Form nicht zustimmen und da haben die Studentischen Vertreter richtig gehandelt

    Wie würde es eigentlich ihnen in der Taz gefallen, wenn der Genossenschaftsversammlung ein erst seit 3 Tagen bekanntes Papier vorgelegt wird, das den Rahmen für Grundsatzfragen in Arbeitssachen regelt (wo aber vieles unklar ist) und sie genau eine Stunde Zeit haben, zu diskutieren und Änderungsanträge einzubringen. Das will ich auf einer Genossenschaftsversammlung der Taz mal erleben. Horido, da wäre was los.

  3. Och, liebeR anonym, von einer “Anti-HU-Studierendenvertretung-Mission” würde ich eher nicht sprechen. Das wäre wohl zu viel der Ehre. Von einer “messerscharfen Analyse”, liebeR Sebastion Segat, nun aber auch nicht. Das wäre ja noch viel mehr zu viel der Ehre.

    Die Studierbarkeitsbefragung an der HU ist mir allerdings tatsächlich bestens bekannt. Ich hatte seinerzeit darüber berichtet. See this: http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2007/05/15/a0070. Deshalb weiß ich doch gut, dass alles nicht so schön ist an der HU. Aber dass Ihr immer gleich beleidigt seid, wenn man mal spitz nachfragt. Och nöö. Diese Hofberichtbebloggung gibts natürlich. Aber woanders.

  4. Keiner will Hofberichte und hier ist auch keiner beleidigt. Aber rumbloggen, wie blöde die Studiendenvertreter (ich bin keiner) doch sind, ohne es so richtig zu kapieren, das muss echt nicht sein und lässt sich ganz simpel vermeiden.

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