“Friede sei mit Dir” – Eine Kunstbetrachtung.

Unter den zahlreichen emails und Briefen, die wir im Zusammenhang mit dem Kunstwerk an der taz-Wand erhalten, befand sich heute ein aktuelles Interview mit dem Künstler Peter Lenk – „Pimmel über Berlin bleibt!“ und eine schon etwas ältere Erinnerung an den großen Selbstbetrug des Kai Diekmann. – sowie auch die folgende Betrachtung eines „emeritierten Kunstkritikers“, der unter dem  Pseudonym „Prof. Dr. t.h.c. Bazon Broeckers“ schreibt:

“Friede sei mit Dir” – Eine Kunstbetrachtung

Friede war 1965 Kindermädchen im Hause Springer, bevor sie die Geliebte, Lebensgefährtin und 1978 fünfte und letzte Ehefrau des Verlegers Springer wurde. Nach sieben Jahren Ehe erbte sie dessen Anteile des Verlagsimperiums, zahlte Kinder und Enkel aus früheren Ehen sowie weitere Anteilseigner aus und verfügt heute über die Aktienmehrheit des Springer-Konzerns. Friede nennt ein Privatvermögen von 3,2 Milliarden $ (Forbes-Magazin 10/07) ihr eigen, ist Trägerin zahlreicher hoher Auszeichnungen und gehört der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche an. Sie ist Mitglied der CDU und eine Freundin Angela Merkels.

Friede nimmt in dem monumentalen Relief Peter Lenks die Zentralposition ein, der Punkt auf den die gesamte Dynamik hinzielt: die sich aus den Tiefen mächtig empor wuchtende Cobra, die allein von der Beschwörung der Göttin, Friedes Flöte, gezähmt werden kann. Das über ihre schwebende Engelchen Axel Cäsar… selbst wenn am Axel-Cäsar-Altar im obersten Stock der Springer-Zentrale bis heute täglich alle aktuellen Ausgaben dargebracht werden – so ein Engelchen kann es nicht mehr richten. Das kann nur eine mächtige, züchtige, christliche, steinreiche Frau: Friede.

Friede dirigiert den großen Hampelmann, der den unteren Teil des Reliefs dominiert und aus dessen Unterleib die Cobra wächst, die man drei Etagen lang ohne Zweifel für nichts anderes als einen Phallus halten kann. Doch ihre Doppelnatur enthüllt sich in 15 Metern Höhe, wo sie sich sanft der Göttin beugt. Warum, könnte man fragen, muß es so hoch sein ? Geht es nicht ein bißchen kleiner ? So wie das barocke Pimmelchen des Axel Cäsar ? Peter Lenks Antwort lautet eindeutig Nein – und ihm ist Recht zu geben. Denn so harmlos, brav und unscheinbar die Göttin hoch oben erscheint – sie ist die Herrin eines Monsters, dass sich tagtäglich in der Presselandschaft aufschwingt: gross, ordinär, obszön und primitiv – wie diese phallische Cobra.

Friede den Penis eines Hampelmanns, ihres BILD-Chefredakteurs, beschwören zu lassen wäre schon für sich gesehen eine schöne künstlerische Idee; es an einer Wand zu tun, die im Blickfeld der Springer-Zentrale liegt erhöht nicht nur den Reiz, sondern befördert das Kunstwerk zum Mahnmal – und es an der taz-Wand des Presse-Davids zu tun, dem der Bild-Goliath einen kritischen Beitrag über seine Penisverlängerung verbieten ließ: diese Koinzidenz macht Idee und Mahnmal zum Ereignis. Und beantwortet einmal mehr die Frage, warum die Peniscobra so groß sein muß. Die Größe spielt auf jenes Gerichtsverfahren an, bei dem sich der Chefredakteur wegen einer fiktiven Penisverlängerung in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt sah und 30.000 EU Schmerzensgeld von der taz forderte. Eine monströse Summe für eine derart kleine Sache, zumal für einen der “bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung anderer sucht.” .

Mit diesem von der taz erkämpften Spruch des Landgerichts Berlin wurde erstmals gerichtlich festgehalten, wie Friede, ihr Flagschiff Bild und ihre jeweiligen Hampelmänner zu ihren Milliarden kommen. Indem sie ihren “wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung anderer” ziehen und dabei die Figuren vorführen und auschlachten, die den Mittelteil des Reliefs bilden:

Prominente und Namenlose, deren Penis Bild-Schlagzeilen machte. Es könnten auch ihre Brüste, ihr Krebs oder anderes Privates sein. Friede gibt den Ton vor und der Hampelmann dringt ein, mit einer, zumindest an dieser Wand kaum zu überbietenden Penetrationsgewalt – als adäquate Spiegelung und Affirmation der Penetranz des Bild-Geschäfts.

Weil auf den ersten Blick nur der Hampeldiekmann und sein ins Lächerliche dimensionierter Phallus zu sehen sind, erschließt die Bedeutung des Werks sich erst bei näherer Betrachtung und unter Einbeziehung des Zentralgestirns Friede. Dem flüchtigen Passanten kann “Friede sei mit dir” vielleicht wie ein hingeschmierter, postpubertärer Graffitistreich erscheinen, tatsächlich aber verbinden sich hier Ortsmagie, Medienkritik und Komik zu einem wirklichen Kunstereignis. Es geht nicht um den Hampelmann und seinen Pimmel – es geht um eine Beschwörung der mächtigsten Frau Deutschlands. Die taz und Peter Lenk wünschen Frieden für Friede: dass sie es bald nicht mehr nötig haben möge, ihre Geschäfte auf einem derart dumpfem Niveau zu betreiben, dass sie Menschen ihre Würde läßt und dass sie ihre Einfluß geltend macht und die penetrante Cobra endlich ins Körbchen zurückpfeift. Friede sei mit Dir.

Kommentare (3)

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  1. Sensationell, diese Kunstkritik. Mit Abstand das Beste, was bisher zu dem Thema zu lesen war. Der “emeritierte Kunstkritiker Prof. Dr. t.h.c. Bazon *hüstel* Broeckers erhält meine vollste Zustimmung. Da soll sich das inkompetente Zentralkomitee der taz mal ein Beispiel nehmen!

  2. typischer taz-Humor.
    Grauenhaft.