23.08.2008 von Benjamin Kiersch

Abschied nehmen ist schwer… zumal von einem so vielfältigen, spannenden, interessanten, fröhlichen und einfach wunderschönen Land wie Bolivien, wo jeder Tag ein Abenteuer ist. Nach neun Jahren Ausland, davon sechs in Lateinamerika und drei in Cochabamba, ziehe ich im September zurück nach Berlin – froh, eine gemütliche Wohnung ohne die Mediation wahnsinniger Makler gefunden zu haben.
„Und was wird aus Deinem Blog?“ höre ich die geneigten Leserinnen jetzt rufen. Das gibt’s natürlich weiterhin. Ach was, es wird sogar noch viel besser:
Denn: Aus Bens Boli Blog wird ab heute das latin@rama.
Und: statt eines Autors schreibt gleich ein ganzes Kollektiv aus vier Ländern:
- Florencia Abbate, Schriftstellerin und Journalistin aus Buenos Aires, Argentinien;
- Gerhard Dilger, taz-Südamerikakorrespondent aus Porto Alegre, Brasilien;
- Claudius Prößer, Mitglied der taz-Berlinredaktion, aus
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19.08.2008 von Benjamin Kiersch
Letztes Wochenende wurde in Quillacollo – Heimat der sagenumwobenen Chicha Chernobyl – der Virgen de Urkupiña gehuldigt. Dort hatte ein Hirtenmädchen im 16. Jahrhundert auf einem Hügel eine Marienvision gehabt – seitdem ist der Ort vielen Bolivianern heilig, bis zu 500 000 pilgern jährlich im August zu dem Hügel. Das Fest dauert mehrere Tage. Der spektakulärste Part ist der große Festumzug am 15. August, bei dem dieses Jahr 15 000 Tänzerinnen und Tänzer in 60 Gruppen aus ganz Bolivien durch die Straßen Quillacollos fegten – sechs bis acht Stunden ununterbrochen tanzen zum gnadenlosen Beat der Chacarera-, Diablada- und Huayño-Bands, teilweise bepackt mit schweren Masken oder auf unglaublich hohen Plateauschuhen balancierend… da kann so mancher Berliner Techno-Apologet seine Meisterin finden.
Der skurrilste Teil des Festes findet am 16. August statt: Mit riesigen Hämmern ausgestattet und Säcken voller Steine bepackt, pilgern Hunderte… weiter lesen
11.08.2008 von Benjamin Kiersch
Es war ein unglaublich ruhiger Tag in La Paz heute: keine Autos, kein Smog, Kinder probierten ihre Seifenkisten auf den sonst von Bussen und Taxis verstopften Straßen, und über allem strahlte der Illimani vor einem unglaublich blauen Himmel über dem Altiplano: Wahltag in Bolivien.
Hätte Evo Morales Zeit gehabt, hätte er sich sicher an der Idylle gefreut. Er hat allen Grund dazu: Nachdem die Sonne hinter der Königskordillere untergegangen ist und im Fernsehen die ersten Umfrageergebnisse verkündet werden, wird klar, dass er beim Referendum ein spektakuläres Ergebnis erzielt hat. Nach 30 Monaten MAS-Regierung haben 63 % der Bolivianer für die Fortsetzung seiner Politik gestimmt, fast 10 Prozent mehr als bei den Präsidentschaftswahlen im Dezember 2005. Außer in Chuquisaca hat er in allen Departments mehr Stimmen erzielt als bei den vorherigen Wahlen – selbst in den östlichen Provinzen des Media Luna. Mit wenigen Ausnahmen verlief… weiter lesen
11.07.2008 von Benjamin Kiersch
Es ist ziemlich selten, dass sich große Jazz-Künstler in Cochabamba ein Stelldichein geben, und umso erfreulicher, wenn gleich zwei zusammen kommen, um ein Konzert zu geben – so geschehen im Teatro Achá vor zwei Wochen.
Danilo Rojas aus La Paz, über den wurde bereits ausführlich in diesem Blog berichtet wurde, eröffnete das Konzert mit ein paar eigenen Kompositionen sowie – seine Spezialität, jazzigen Arrangements bolivianischer Standards wie „Palmeras“, eine Polaca Beniana, aus der Feder seines Vaters Gilberto Rojas, oder La Paloma, eine klassische Cueca. Begleitet wurde Danilo von Edwin Carrillo (Schlagzeug), einem Perkussionisten, Alvaro Monenegro (Flöte und Sopransaxophon) sowie Christian Gálvez am Bass. Danilos Spiel ist wunderbar lyrisch, wenn auch nicht so energiegeladen und druckvoll wie auf seinen – äußerst hörenswerten – Aufnahmen Jazz in Bolivia (2003) und Lunar (2007). Alvaro Montenegro hingegen brillierte mit virtuosen, kraftvollen Soli, die… weiter lesen
11.07.2008 von Benjamin Kiersch
Auf den Tag genau ein Jahr nach ihrem Debut verabschieden sich La Once, da der Bassist und Flötist demnächst nach Deutschland auswandert, heute ab 22.00 Uhr mit einem Konzert im Misk’i Cositas (Avenida América Oeste, entre primer y segundo puente), in Cochabamba.

Zu hören gibt’s Jazz vom Feinsten für 11 Saiten, 88 Tasten und 4 Blockflöten, zu Trinken Chicha, Chicha und Chicha. (Wer allerdings insistiert, dem serviert Marcelino auch einen frischen Pfefferminztee).
Very special guest: Analía Abat – die argentinische Sängerin mit samtweicher Stimme ist seit vielen Jahren in Cochabamba zuhause und begeistert das Publikum der LLajta regelmäßig mit eigenen Kompositionen, Sambas und Zambas, Cuecas und Bossa Novas, und immer wieder: dem Blues.
¡Nos vemos!
20.06.2008 von Benjamin Kiersch
Die Verabschiedung der EU-Richtlinie zur Abschiebung illegaler Einwanderer durch das europäische Parlament hat heftige Reaktionen in Lateinamerika hervorgerufen – insbesondere hier in Bolivien, angesichts der 227.500 illegal in Spanien lebenden Bolivianer. Präsident Evo Morales hatte die Richtlinie bereits angesichts der Verabschiedung durch die EU-Innenminister am 5. Juni in einem offenen Brief kritisiert, der unbedingt lesenswert ist – auf der Homepage der bolivianischen Boltschaft im spanischen Original, oder auf deutsch hier.
In seinem Brief hebt Morales sowohl den bedeutenden Beitrag der Einwanderer für die wirtschaftliche Entwicklung in den europäischen Ländern hervor, als auch die Wichtigkeit der Einkommen der Immigranten für die lateinamerikanischen Volkswirtschaften. 2006, so Morales, schickten die Immigranten 68 Milliarden US-Dollar nach Hause – mehr als das Gesamtvolumen der ausländischen Investitionen. Bolivianische Migranten schickten 1,1 Milliarden US-Dollar – mehr als 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die Effekte dieser „remesas“ sind in… weiter lesen
17.06.2008 von Benjamin Kiersch
Esbjörn Svensson ist tot.

In Trauer:
Das Boliblog
16.06.2008 von Benjamin Kiersch
Da hat nun die FIFA auf ihrem Kongress in Sydney Ende Mai das Verbot für internationale Fußballspiele über 2750 m Höhe, das in Bolivien, Ecuador und Peru zu großen Protesten geführt hatte, gerade aufgehoben, nachdem sich Präsident Evo Morales mit spektakulären Aktionen für den Erhalt von La Paz als Austragungsort der WM-Qualifikation eingesetzt hatte. Und dann das. Mit einem blamablen 0:2 musste sich die bolivianische Nationalmannschaft gestern Abend von ihren chilenischen Kollegen zu Hause im Hernan-Siles-Stadion in La Paz auf 3600 m Höhe vorführen lassen.
In der ersten Halbzeit gab es keine wirklich gefährlichen Szenen, bis auf einen schönen Fallrückzieher des chilenischen Stürmers Gary Medel zum 1:0 in der 17. Minute.

Der Mann des Abends: Gary Medel.
Zwar litten die Chilenen in der zweiten Halbzeit deutlich unter Atemnot – das Spiel… weiter lesen
10.06.2008 von Benjamin Kiersch

Könnten die Chilenen nicht mal ein klitzekleines Zugeständnis machen, damit der 8. Juni in Bolivien im nächsten Jahr angemessen begangen werden kann? Und sich die patriotischen Plastiktüten, die mir die freundliche Bedienung im Supermarkt an der Ecke regelmäßig mit Bier, Milch und Katzenfutter belädt, stattdessen mal mit Seeaal, Adlerfisch und reineta füllen?
Das Boliblog würde das sehr begrüßen.
Tenga buen día!
05.05.2008 von Benjamin Kiersch
Ich war gerade eine Woche beim internationalen Festival für Barockmusik in San Ignacio de Velasco, 450 Kilometer dirt road östlich von Santa Cruz. Die Jesuiten haben dort vor 400 Jahren Kirchen über deren Türen sie „Dies ist das Tor zum Himmel“ schrieben, in den Urwald gebaut,um die Guarayos und Chiquitanos zu missionieren, die dort ein bis dahin selbstbestimmtes Leben führten.
Heute geht es wieder um Autonomie in Santa Cruz: die Wahlberechtigten des Departaments sind aufgerufen, über die estatutos de autonomia abzustimmen, eine Art Grundgesetz. Danach soll die regionale Regierung weitreichende Kompetenzen unter anderem in den Bereichen Bildung, innere Sicherheit, Gesundheit und Landreform erhalten. Der zentrale Punkt aber ist, dass die Regierung in Santa Cruz die Kontrolle über die Steuereinnahmen sowie Erlöse aus der Gas- und Ölförderung erhalten soll. Diese werden bislang von der Regierung in La Paz verwaltet und an die Regionen verteilt, wobei Gelder von ärmere an reichere Regionen… weiter lesen