Wir ham den Größten!
von Benjamin KierschLetztes Wochenende waren wir der Nabel der Welt, zumindest von Südamerika: Freitag und Samstag tagten 1 Präsidentin und 7 Präsidenten auf dem „2. Cumbre Sudamericana de Naciones“ in Cochabamba (siehe auch taz vom Montag: hier und hier). Bei dem Gipfeltreffen der südamerikanischen Regierungschefs wurde der übliche bunte Themenstrauß von sozialer Sicherung über wirtschaftliche Zusammenarbeit und Umweltpolitik bis zu Infrastruktur und Technologietransfer diskutiert sowie eine wohlklingende „Declaración de Cochabamba“ verabschiedet.
Viel Konkretes kam nicht dabei heraus: Demnächst soll ein regionaler Energiegipfel in Caracas stattfinden, und Tourismusvisa innerhalb der Region sollen abgeschafft werden. Auf einen ständiges Sekretariat der Staatengemeinschaft, gefordert von Lula und Hugo Chavez, konnten sich die Präsidenten nicht einigen, allerdings soll ein vorläufiges Sekretariat mit Sitz in Rio de Janeiro eingerichtet werden. Ansonsten wurde viel gequasselt: Michelle Bachelet aus Chile schlug den Kollegen vor, die „Vorteile der Globalisierung“ zu nutzen, Alan García (Peru) jubilierte über das bilaterale Freihandelsabkommen mit den USA und Tabaré Vasquez (Uruguay) träumte von Megastraßenprojekten, die den Kontinent verbinden sollen. Argentinien zeigte sich erfreut, dass die versammelten Staatschefs befanden, Großbritannien solle die Falklandinseln endlich zurückgeben.
Dass das Projekt der südamerikanischen Einheit vielen Regierungen SO wichtig nicht ist, zeigte sich an der fehlenden Präsenz der Präsidenten Argentiniens und Kolumbiens. Auch der Staatschef von Surinam fehlte. Andere Kollegen brachen hastig auf, um zur Sportschau wieder zu Hause zu sein: Michelle Bachelet, Alan García und Tabaré Vasquez verließen das Plenum vorzeitig, ohne an der Abschlusspressekonferenz teilzunehmen.
Schön war, dass parallel zum offiziellen Ramentern ein bunter Sozialgipfel stattfand, an dem mehr als 25.000 Aktivisten und Indígenas aus ganz Lateinamerika teilnahmen. An vier Tagen fanden unter anderem Seminare zu Rechten von Minderheiten, gegen Diskriminierung von Lesben und Schwulen, für allgemeinen Zugang zu Trinkwasser, Umweltschutz und Legalisierung der Kokapflanze statt. Rasenden Applaus erntete der ehemalige sozialistische Präsidentschaftskandidat aus Chile, Thomas Hirsch mit der Forderung, Chile solle Bolivien endlich einen Zugang zum Pazifik verschaffen. Schade, dass Evo Morales mit seiner Idee, die Abschlusskundgebungen der beiden Gipfel zusammenzulegen, gescheitert war – er nahm jedoch zusammen mit dem Kollegen Chavez an der Schlussfeier des Sozialgipfels statt.

Abschlusskundgebung des Sozialgipfels. Quelle: Los Tiempos de Cochabamba
Ein besonderes Gimmick hatte sich die Stadtverwaltung zum Gipfeltreffen ausgedacht: an einem der erotischsten Momente des Gipfels legten die Außenminister den Grundstein zum höchsten Phallus Obelisken Südamerikas, der – ganz aus Glas – zur Erinnerung an das präsidiale Geschwafel auf der Plaza Quintanilla im Zentrum Cochabambas gebaut werden soll. Sogar höher als der in Buenos Aires! 78 Meter, hoho! Um die Potenz Einheit Südamerikas zu verkörpern! ¡Ay que rico…!