Presidente vs. Comandante
von Benjamin KierschAm Montag erinnerte das Zentrum Cochabambas an Kreuzberg am 1. Mai: Barrikaden aus brennenden Reifen und umgestürzten Müllcontainern blockierten die Kreuzungen, Tränengasschwaden waberten durch die Straßenschluchten, und das Portal der Präfektur sowie zwei davor geparkte Autos gingen in Flammen auf. Auf der zentralen Plaza del 14 de Septiembre versammelten sich Hunderte Demonstranten zu einer Mahnwache. Gestern wurden die Proteste auf das Umland ausgedehnt: Alle Zufahrtsstraßen nach Cochabamba wurden abgeriegelt, zeitweise wurde die Wasserversorgung der Innenstadt unterbrochen. Was ist denn los? Was ist passiert?
Die Demonstranten, angeführt von der Gewerkschaftsdachorganisation in Cochabamba, sowie der Organisation der Kokabauern aus dem Chapare, fordern den Rücktritt des Präfekten Manfred Reyes Villa.

El Comandante contra…
„Capitán Manfred“, wie sich der Ex-Militär und Ex-Präsidentschaftskandidat gerne nennen lässt, wurde im Dezember 2005 mit überwältigender Mehrheit zum Prefecto y Comandante General, so sein offizieller Titel, des Departamentos Cochabamba gewählt. Der Millionär Reyes Villa gehört zum politischen Establishment des Landes mit engen Kontakten zu dem rechtsliberalen Ex-Präsidenten Sanchez de Lozada – inzwischen im Exil in den USA – sowie dem derzeitigen Oppositionsführer Jorge „Tuto“ Quiroga. Während des ersten Jahres seiner Amtszeit beschränkte er sich hauptsächlich auf seine Lieblingsbeschäftigung, der Einweihung von Infrastrukturprojekten – was ihm unter der Bevölkerung den Spitznamen Bonbon einbrachte -, und hielt sich weitgehend aus den wachsenden Konflikten zwischen MAS und Opposition heraus. Bis zum 14. Dezember, als der Capitán Manfred während einer Massenkundgebung in Cochabamba öffentlich die Autonomiebestrebungen des Departamentos Santa Cruz im Osten Boliviens unterstützte. Außerdem sprach sich Bonbon für die Idee aus, im Departamento Cochabamba ein weiteres Referendum über die Autonomie des Departamentos abzuhalten – im letzten Referendum zu dem Thema im Juli 2005 hatten sich die Cochabambinos mit 63 % klar gegen weiter reichende Autonomien der Departamentos ausgesprochen.
Die MAS ist über diese klare Parteinahme des Comandante für die Opposition not amused. Immer wieder kam es in den letzten Wochen zu kleineren Demos MAS-naher Gruppierungen gegen Manfred, bis am Wochenende 2000 Kokabäuerinnen und -bauern aus dem Chapare nach Cochabamba zogen, um die Präfektur zu belagern, „bis der Comandante zurücktritt“. Capitán Manfred musste, als Polizist verkleidet, aus dem Gebäude fliehen. Der Präsident der Gewerkschaft der Kokabauern, die einen Großteil der Protestierenden ausmachen, heißt – Evo Morales.

… el Presidente.
Dieser erklärte in seiner anderen öffentlichen Funktion als Präsident Boliviens lapidar, die öffentliche Unterstützung der „Oligarchie von Santa Cruz“ sei ein schwerer politischer Fehler gewesen, für den der Comandante nun zahlen müsse. Auch sein Regierungssprecher verurteilte zwar die gewalttätigen Auseinandersetzungen, machte aber zugleich deutlich, dass die Reaktionen der sozialen Organisationen auf die Provokationen des Commandante verständlich seien. Ob der Konflikt zu lösen sei, hänge davon ab, ob Manfred seinen Vorschlag eines Autonomie-Referendums in Cochabamba zurückziehe. Nach den Auseinandersetzungen vom Montag setzte die Regierung den gerade von Manfred eingeführten Polizeichef Cochabambas mit der Begründung wieder ab, während des Einsatzes an der Präfektur sei es zu gewalttätigen Exzessen während der friedlichen Demonstration seitens der Polizei gekommen. Über den Verlauf der Auseinandersetzungen gibt es unterschiedliche Versionen. Zweifel an der Friedfertigkeit der Protestierenden lassen jedoch Berichte von zehn Journalisten aufkommen, die während der Demonstration verletzt wurden, zumeist durch Demonstranten, aber auch durch Polizisten.
Der Konflikt zwischen Presidente und Comandante zeigt einmal mehr die profunden Spannungen in Bolivien. Cochabamba liegt zwischen dem Hochland und den abtrünnigen Departamentos Santa Cruz, Beni und Pando – die angespannte Ruhe, die momentan über dieser Stadt liegt, spiegelt die explosive Stimmung im Land wider. Weiterhin zeigt sich deutlich, dass Evo Morales keine Skrupel hat, seine Rolle als Präsident der Kokabauern auszunutzen, um unliebsame Oppositionelle aus dem Weg zu räumen – eine zweifelhafte Haltung, bei aller Sympathie für seine politischen Ziele.
Was Capitán Manfred angeht – der bereut womöglich, so eindeutig Position zu einem so konfliktiven Thema bezogen zu haben, statt einfach weiter Straßen, Brücken und Bewässerungskanäle zu bauen und dabei – so behaupten zumindest seine Gegner – satte Kommissionen einzustreichen. Andererseits bringt er sich durch dieses Manöver in eine gute Ausgangsposition für den nächsten Präsidentschaftswahlkampf. Wie Jim Shulz in seinem – äußerst lesenswerten – Blog aus Cochabamba schreibt: „The political road in Bolivia is never an obvious road.“
Hallo Ben,
danke für den Hinweis auf den Blog von Jim Shulz! Er scheibt aus der WAR ZONE in Cochabamba!! Himmel, was ist das los bei Euch??? Alles Gute!! Zum Glück seit ihr wirklich erfahren, aber ich drücke die Daumen, dass Ihr heil bleibt! Dein Freund Thilo
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