Das Ende des Exodus – und der LAB

von Benjamin Kiersch

An den Flughäfen Boliviens spielen sich dieser Tage unglaubliche Dramen ab: aufgebrachte Menschen reichen mit zitternden Händen ihren Flugschein über den Counter und küssen ihre Bordkarte für den Flug nach Madrid, andere, die wieder keinen Platz bekommen haben, brechen weinend zusammen, flehen das Personal auf Knien um eine Bordkarte an und trommeln verzweifelt auf das Flughafenmobiliar ein. Großfamilien umarmen sich schluchzend, bevor einer aus ihrer Mitte das Flugzeug besteigt. Auch in der Ankunftshalle sind täglich Dutzende Menschen zu sehen, die außer sich vor Wut sind: sie wurden von spanischen Grenzbeamten zurückgewiesen und sind nun um einen Traum und 2000 Dollar ärmer – eine Summe, die ihr Jahresgehalt oft bei weitem übersteigt.

Der bolivianische Exodus in Richtung Spanien hat in den letzten Monaten desperate Züge angenommen, nachdem die EU ankündigte, dass Bolivianer ab 1. April 2007 für die Einreise nach Schengenland ein Visum benötigen. Täglich kommen bis zu 1000 Bolivianer am Flughafen von Madrid an. Die spanische Regierung schätzt, dass seit 2004 knapp 400 000 Bolivianer in Spanien eingereist sind – mehr als 4 Prozent der Gesamtbevölkerung Boliviens –, die meisten von ihnen illegal. Die Migranten nehmen viele Risiken und Opfer auf sich: sie arbeiten zumeist als Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft, als Haushaltshilfe oder auf dem Bau und leben in prekären Umständen, viele lassen ihre Familie in Bolivien zurück. Die Euros allerdings, die sie nach Bolivien überweisen, machen für viele Familien inzwischen den Großteil ihres Einkommens aus. In den letzten Jahren sind viele schicke eurocasas, „Euro-Häuser“, in Cochabamba und Umgebung entstanden – finanziert von in Spanien lebenden Familienangehörigen.

Für viele Migranten endet der Traum vom neuen Leben jedoch bereits am Flughafen Bajaras in Madrid: ungefähr zehn Prozent der einreisenden Bolivianer werden von den spanischen Grenzbeamten zurückgewiesen. Die visumsfreie Einreise ist nur Touristen erlaubt. Haben die Beamten Zweifel, dass Tourismus der Zweck der Reise ist, schicken sie die Menschen mit dem nächsten Flugzeug zurück nach Bolivien. Andere kommen mit den harten Lebensbedingungen in der Illegalität nicht klar und reisen nach wenigen Wochen, vom Heimweh geplagt, wieder zurück.

Vielen Menschen, die jetzt in letzter Minute ohne Visum nach Spanien reisen wollten, machte die marode Fluggesellschaft Lloyd Aereo Boliviano (LAB) einen Strich durch die Rechnung: Sie stellte in der letzten Märzwoche ihre Flüge nach Madrid, die sie mit einer libanesischen Chartermaschine durchgeführt hatte, bis auf weiteres ein – aus Zahlungsunfähigkeit. Offensichtlich hatte LAB die laufenden Kosten aus den Erlösen der Ticketverkäufe an desperate Migranten gedeckt – da die Nachfrage nach den Flugscheinen so groß war, wurden viele Sitzplätze gleich zweimal verkauft, was die oben beschriebenen Szenen an den Flughäfen von La Paz, Cochabamba und Santa Cruz auslöste. Gestern wurde die gesamte Geschäftsführung von LAB verhaftet – es besteht Verdacht auf Betrug. Am 9. April werden nun die Gebäude der Fluggesellschaft in Cochabamba zwangsversteigert: LAB schuldet den Finanzbehörden, dem Pensionsfonds sowie weiteren Schuldnern mehrere Millionen Dollar – ganz zu schweigen von den Angestellten der Airline, die seit 11 Monaten kein Gehalt mehr bekommen haben, und den Menschen, die sich in Schulden gestürzt haben, um ein neues Leben in Spanien zu beginnen. Es sieht so aus, als seien mit dem Ende des bolivianischen Exodus nach Spanien am 1. April auch die Tage der Lloyd Aereo Boliviano endgültig gezählt.


-26 Kommentare zu "Das Ende des Exodus – und der LAB"

  1. Danke für diese Nachrichten! zugleich erschreckend beschissen!!!

  2. Ja, die beschriebenen Ereignisse sind allerdings sehr traurig dürfen aber nicht darüber hin weg täuschen, dass Bolivien an und für sich ein wunderschönes Land ist und gerade im Nordosten sehr viele Naturschönheiten bietet und eine Fülle von Flora und Fauna. Zudem sehr preisgünstige Lebenskosten, sei es für Ferien, einen ängeren Aufenthalt oder gar als Rentner (oder für solche die es werden wollen) Schaut doch einmal auf den Blog:
    http://blog.hwz-inc.com oder auf die Webseite:http://magdalena-d.hwz-inc.com
    Vielleicht ergibt sich dadurch einen etwas positiveren Eindruck über dieses herrliche Land welches leider im Moment mit politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten zu kämpfen hat.