Super-GAU für’s Hirn
von Benjamin KierschDie Chicha ist das Getränk der Wahl auf den rauschenden Fiestas in Cochabamba. Diese werden nach einem streng rituellen Schema abgehalten. Man braucht dazu: genügend Plastikstühle für alle Gäste, eine Musikanlage, die potent genug ist, die Nachbarschaft zu beschallen, ein paar Töpfe mit Reis, gekochten Maiskolben, Salat und gebratenem Fleisch, einige Eimer und ein großes Fass Chicha.
Dann geht’s los: Zunächst werden die Stühle im Kreis aufgestellt und die Stereoanlage wird angeworfen, um den Nachbarn zu signalisieren, dass das Fest steigt. Die ankommenden Gäste setzen sich in den Kreis und werden sofort mit einem großen Teller leckeren Essens bedient. Wenn der Kreis komplett ist, werden je nach Anlass (Taufe, Abitur, Hochzeit) schnell ein paar Reden an die Honoratorien gehalten. Dann kommt der entscheidene Auftritt, der den Abend unvergesslich machen wird: die Chicha wird serviert. Das Getränk der Inkas wird in Eimern aus dem Fass geschöpft, die vor den Gästen auf dem Boden platziert werden. Ein Gast nimmt nun einen Holzbecher, füllt ihn mit Chicha aus dem Eimer und bietet ihn seiner Nachbarin an. Diese gießt zunächst ein wenig Chicha auf den Boden – die Pacha Mama soll schließlich auch etwas zum feiern haben – und leert den Becher, um ihn sofort neu zu füllen und dem nächsten Gast anzubieten. Der Gastgeber muss nur noch – aber unbedingt! – darauf achten, dass leere Eimer unverzüglich durch volle ersetzt werden: so wird das Fest zu einem garantierten Erfolg.
Was nämlich im weiteren Verlauf des Abends bei den Gästen passiert, beschreibt der cochabambinische Journalist und Gourmet Ramón Rocha Monroy kurz und treffend: Die Chicha provoziere nichts weniger als „eine nukleare Explosion in der Seele“. Und die vergisst man nicht so schnell wieder.
Dieses Gefühl müssen auch die Eheleute Román Soliz y Cristina Gonzales aus Quillacollo mehrfach und intensiv erlebt haben: So tauften sie die Chicha, die sie seit 20 Jahren im Familienbetrieb herstellen, auf den Namen einer kleinen ukrainischen Stadt, die 1986 weltweit traurige Berühmtheit erlangte. Was folgt, ist eine unternehmerische Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht: Nachdem die Chicha Chernobyl atomblitzartig den cochabambinischen Markt erobert hat, expandiert das Unternehmen nun in die USA und nach Europa. Trotz vehementer Versuche US-amerikanische Behörden, den Chernobyl-Import durch diverse chemische, mikrobiologische und bromatologische Auflagen zu verhindern, wurden im vergangenen August 10 000 Flaschen nach Washington verschifft, wo sie nach Aussage von Ramón Sóliz „in Sekundenschnelle verdampften“. Nun sollen weitere 10 000 Flaschen nach Spanien, Frankreich, Italien und Schweden exportiert werden. In diesen Ländern verfügt das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits über ein ausgedehntes Vertriebsnetz.
Bleibt zu hoffen, dass die Chicha Chernobyl aus Quillacollo ihren weltweiten Siegeszug unter dem Motto “Si quieres ser joven, valiente y viril, toma chicha Chernobyl” (Willst du jung, mutig und männlich sein, trink’ Chicha Chernobyl) schon bald auch in Deutschland fortsetzen wird. Bis dahin kann eine Reise nach Cochabamba, die Besuch einiger traditioneller Chicherias einschließt, nicht wärmstens genug empfohlen werden. Bei Bedarf kann der Autor gerne ein paar einschlägige Etablissements empfehlen.
!Pucha! por qué no los envian su sopa a nosotros, los Berlineses? Tenemos tambien derecho de emborracharnos. O de mantenernos viriles.
Saludos y feliz ano nuevo.
Im Ernst,es gibt mindestens zwei Latino-Lokale in meiner Nähe, die Chicha anbieten würden.
Wir hätten auch gerne mal wieder einen Eimer Chicha oder Quarabo. Trinkt mal einen mit für uns!
Grüsse aus Bayern wo es gott sei dank Weissbier gibt!
Hallo,
sehr interessanter Blog. Ich würde gerne ein paar Empfehlungen bekommen.. würde mein Zivildienst gerne in Cochabamba machen. Gibt es da was in der Stadt selbst? Falls es klappt, würde ich gerne mal traditionelle Chicherias auf Ihre Empfehlung hin besuchen.
Vielen Dank, ich freue mich über eine Antwort.
Grüße aus Schwaben
@Tobias
Bin momentan in Cocha, kann die Chichería Doña Teo empfehlen in Tiquipaya…