Notizen zum 4. Mai in Santa Cruz
von Benjamin KierschIch war gerade eine Woche beim internationalen Festival für Barockmusik in San Ignacio de Velasco, 450 Kilometer dirt road östlich von Santa Cruz. Die Jesuiten haben dort vor 400 Jahren Kirchen über deren Türen sie „Dies ist das Tor zum Himmel“ schrieben, in den Urwald gebaut,um die Guarayos und Chiquitanos zu missionieren, die dort ein bis dahin selbstbestimmtes Leben führten.
Heute geht es wieder um Autonomie in Santa Cruz: die Wahlberechtigten des Departaments sind aufgerufen, über die estatutos de autonomia abzustimmen, eine Art Grundgesetz. Danach soll die regionale Regierung weitreichende Kompetenzen unter anderem in den Bereichen Bildung, innere Sicherheit, Gesundheit und Landreform erhalten. Der zentrale Punkt aber ist, dass die Regierung in Santa Cruz die Kontrolle über die Steuereinnahmen sowie Erlöse aus der Gas- und Ölförderung erhalten soll. Diese werden bislang von der Regierung in La Paz verwaltet und an die Regionen verteilt, wobei Gelder von ärmere an reichere Regionen umverteilt werden. Damit soll nach dem Willen des reichen Santa Cruz ab heute Schluss sein. Das ist ungefähr so, als würde Bayern von heute auf morgen seinen Ausstieg aus dem Länderfinanzausgleich erklären.

Propaganda 1
Die Regierung in La Paz hat das Referendum für illegal erklärt und spricht von einer „Umfrage“, die Organisation Amerikanischer Staaten hatte vergeblich versucht, die Abstimmung auf diplomatischem Wege zu verhindern – aber den Menschen in Santa Cruz, insbesondere der reichen Elite, allen voran dem Präfekten Rubén Costas, ist es sehr ernst. Irgendjemand hat sich das ganze Spektakel sehr, sehr viel Geld kosten lassen: Das gesamte Departamento ist mit „Autonomia Sí!”- Plakaten zugeklebt, Autonomie-Busse fahren in die entlegensten Dörfer, um T-Shirts und Fahnen zu verteilen, aus den Boxen dröhnt allerorten Autonomiemusik. Seltsam ist das Fehlen jeglicher Propaganda für ein Nein… dabei hat die MAS, die das Referendum ablehnt, bei den Präsidentschaftswahlen 2005 immerhin 33 % der Stimmen in Santa Cruz bekommen.

Propaganda 2
Am Dienstag wurde mir allerdings klar, warum es keine große Öffentlichkeit für ein Nein gibt: Der Surazo, ein kalter Südwind, ließ die Temperaturen um 20 Grad sinken, und ich zog mir fröstelnd den einzigen Wollpullover an, den ich mithatte – ein Imitat des Chompas, den Evo Morales gerne trägt. Aber schon bald wurde mir reichlich unwohl in dem gemütlichen Pulli, als ich ein Graffiti bemerkte, das an viele Wände in San Ignacio gesprüht war: “El pueblo te vigila: Maldito Masista Cuidado!” – „Das Volk überwacht dich, blöder MAS-Anhänger: Pass auf!“

Propaganda 3
Es ist zweifelhaft, dass angesichts solcher Einschüchterungen und Drohungen das heutige Ergebnis tatsächlich den Willen des Volkes widerspiegelt, wie Ruben Costas, bei den Jubelfeiern am Abend in Santa Cruz in die Mikrofone rief. Unzweifelhaft ist hingegen, dass der Spalt, der sich durch Bolivien zieht, nach der heutigen Abstimmung um einiges tiefer geworden ist.
hola Benjamin,
que decís? todo bien x allá?
Escribí!
Rafael von Köln