Evo: Die Revolution geht weiter!
von Benjamin KierschEs war ein unglaublich ruhiger Tag in La Paz heute: keine Autos, kein Smog, Kinder probierten ihre Seifenkisten auf den sonst von Bussen und Taxis verstopften Straßen, und über allem strahlte der Illimani vor einem unglaublich blauen Himmel über dem Altiplano: Wahltag in Bolivien.
Hätte Evo Morales Zeit gehabt, hätte er sich sicher an der Idylle gefreut. Er hat allen Grund dazu: Nachdem die Sonne hinter der Königskordillere untergegangen ist und im Fernsehen die ersten Umfrageergebnisse verkündet werden, wird klar, dass er beim Referendum ein spektakuläres Ergebnis erzielt hat. Nach 30 Monaten MAS-Regierung haben 63 % der Bolivianer für die Fortsetzung seiner Politik gestimmt, fast 10 Prozent mehr als bei den Präsidentschaftswahlen im Dezember 2005. Außer in Chuquisaca hat er in allen Departments mehr Stimmen erzielt als bei den vorherigen Wahlen – selbst in den östlichen Provinzen des Media Luna. Mit wenigen Ausnahmen verlief der Wahltag wie in La Paz ruhig, die Wahlbeobachter der Organisation Amerikanischer Staaten bescheinigen einen korrekten Ablauf des Referendums.

Erste Ergebnisse des Referendums laut ATB. Quelle: ABI
Gegen 21 Uhr tritt Evo auf den Balkon des Präsidentenpalasts und hält eine kurze Rede vor jubelnden Menschen, die Whipala-Fahnen schwenken und rufen „Evo, el pueblo está contigo!“ Er verspricht, die Politik der Verstaatlichung der natürlichen Ressourcen weiterzuführen, den Kampf gegen die Armut fortzuführen und lädt die im Amt bestätigten Präfekten zum Dialog ein, diesen Weg gemeinsam zu gehen.
Das dürfte nicht einfach sein: Die Ergebnisse zeigen die deutlichen Differenzen zwischen Hochland und Tiefland, Westen und Osten: Während Evo in La Paz, Oruro und Potosí über 80 Prozent Zustimmung erhielt, stimmten in Santa Cruz und Beni weniger als 40 Prozent für die Fortsetzung seiner Politik. Die Präfekten in Beni, Pando, Tarija und Santa Cruz, die in den letzten Monaten umstrittene Abstimmungen über die regionale Autonmie ihrer Departaments durchgeführt hatten, wurden mit großer Mehrheit im Amt bestätigt, allen voran Rubén Costas in Santa Cruz, der 70 % der Stimmen auf sich vereinigen konnte. Dieser polterte prompt, dass die MAS-Regierung keine Unterstützung im Volk mehr habe und kündigte an, Santa Cruz werde bald regionale Gesetze verabschieden, um die regionale Autonomie zu konsolidieren.
Drei Präfekten wurden nicht im Amt bestätigt: Manfred Reyes (Cochabamba) und José Luis Paredes (La Paz) haben deutlich verloren, wahrscheinlich muss auch Alberto Aguilar (Oruro) seinen Schlapphut nehmen. In Cochabamba stimmten nur etwa 40 Prozent für Amtsinhaber Manfred Reyes, der als einziger angekündigt hat, das Ergebnis nicht anzuerkennen, und beim Verfassungsgericht gegen das Referendum geklagt hat – in Cochabamba wird es sicher in den nächsten Tagen zu Spannungen kommen.
Evo geht gestärkt aus dem Referendum hervor. Die Ergebnisse zeigen, dass eine deutliche Mehrheit der Bolivianer die Politik der MAS unterstützt, verblüffenderweise auch immer mehr Menschen in den Regionen, die von der Opposition dominiert sind. Allerdings sind auch – mit Ausnahme von Manfred Reyes in Cochabamba – die oppositionellen Präfekten bestätigt worden, die das politische Projekt der MAS ablehnen. Es wird daher trotz seines deutlichen Wahlsiegs nicht einfacher für Evo, dieses Projekt umzusetzen.
Die in diesem Artikel genannten Ergebnisse basieren auf repräsentativen Umfragen der bolivianischen Fernsehsender – die offiziellen Ergebnisse werden erst in ein paar Tagen erwartet.
Danke für die zeitnahe und detaillierte Berichterstattung. Heutabend wird erstmal mit einem kleinen Rujero angestossen. Grüße aus Braunschweig.