Kirsten Fuchs: Pubertieren in den Wäldern

Ich hätte ein Date gehabt mit Kirsten Fuchs, wir wollten ein Eis essen gehen, es hat nicht geklappt. Aber! Das Buch ist bombe. Ich weiß nicht, warum in Coming-of-Age-Romanen immer, immer, immer ein Auto geklaut werden muss, aber gut, vielleicht muss das so.

„Mädchenmeute“ heißt es, und öhm, ja, das Foto, das ich hier oben reingemacht hab, macht keinen Sinn. Ein Fuchs wär logisch, weil die Autorin Kirsten Fuchs heißt, und ein Hund wär logisch, weil es um sieben Mädchen geht, die ein Auto voller Hunde klauen. Ein Wolf ist unlogisch.

Außer, es kommt noch einer vor, könnte sein, es spielt größtenteils im Wald. Ich bin nämlich erst bei der Hälfte der Geschichte. Sie ist aber so spannend, dass ich das erste Mal auf einer Buchmesse in den Pausen einen Roman lese, einfach weil ich Bock hab. (Vorteil, jetzt schon drüber zu schreiben: Ich kann nicht spoilern.)

Charlotte, die Erzählerin, ist 15 und fährt auf ein Ferien-Fun-Survival-Camp. Sie hat eigentlich keine Lust, aber die Alternative ist, ihre Oma auf dem Dorf zu besuchen. „Das Aufregendste im Dorf meiner Oma war, dass manchmal ein Schuppen einfach so zusammenfiel.“ Also fährt sie hin, auf dieses Camp. Die Gruppenleiterin heißt Inken und nervt. „Entweder wusste sie nicht genau, wie man liebevoll guckte, oder sie wollte wirklich aussehen wie ein zwischen die Tür geratenes Frettchen.“

Die Mädchen hauen ab und machen ihr eigenes Ferien-Fun-Survival-Camp. Sieben Gören, mit ein bisschen Ausrüstung und viel Pubertät. Und mit viel Lust auf etwas Aufregendes: „Das Wollen war so stark wie ein Niesreiz.“

„Unsere Eltern denken, dass wir im Camp sind. Niemand vermisst uns in den nächsten zwei Wochen. Wir können machen, was wir wollen! Was wir wollen… Überlegt doch mal! Einfach alles. So frei sind wir nie wieder. Nie wieder in unserem Leben.“

Das überzeugt Charlotte, die sonst so schüchtern und ängstlich ist.

„Das schlug bei mir ein wie eine Bombe. Freiheit – da gab es so viele Lieder drüber. So was wie Freiheit war für so was wie Tiere. Hatte ich bis dahin immer gedacht. Es hatte nichts mit mir zu tun. Freiheit war für andere. Andere Länder, andere Zeiten. Wenn ich bei mir zu Hause saß, dann wollte ich da ja sitzen. Aber auf einmal war ich also frei. Genau in diesem Moment! Es roch auch alles ganz frei. Nach freier Nacht, freiem Mond, freiem Gras und freiem Himmel.“

Gut, dass sie die merkwürdige Freigunda dabei haben, die weiß, wie man eine Fackel und eine Leiter baut. Gut, dass sie Anuschka dabei haben, die einen alten Bergwerkstunnel im Erzgebirge kennt, da fahren die Mädchen hin. Auch wenn Anuschka nicht genau weiß, wo der Tunnel ist. Irgendwo hinter einem Himbeerstrauch.

Die sieben Abenteurerinnen erleben Hunger, Streit und Angst, sie sammeln Beeren und Pilze und verletzen und verarzten sich und es geht ihnen sehr gut dabei. Charlotte fühlt sich wohl, auch wenn sie nicht weiß, wie ihr geschieht. „Wie war ich von zuhause hierhergekommen? Aus meinem Leben auf eine Kiste mit Hund darin?“

Sie freundet sich mit den Mädchen, den Hunden und dem Wald an und ist glücklich.

„Ich verstand gar nicht, warum die Menschheit so verrückt danach war, in Häusern zu sein. Schon nach drei Tagen Hausabstinenz war etwas mit mir geschehen. Etwas Großes. Vielleicht etwas Größeres als ein Haus, das sich darum nur draußen entwickelte. Ich konnte mit der Haut hören und mit dem Hinterkopf sehen. Ich atmete tiefer und schlief flacher. Es war eine entspannte Aufmerksamkeit. Das ergab gar keinen Sinn, wenn ich es so erkläre. Aber so war es!“

Kirsten Fuchs schreibt schöne und lustige Sätze, und sie schafft es, sich genau in dem Maß in eine fünfzehnjährige Erzählerin reinzufühlen, dass es nicht nervig wird. Sondern sehr lässig und sympathisch und manchmal ein bisschen bösartig. Über Antonia, eines der Mädchen, sagt Charlotte:

„Das sehr junge blonde Mädchen lief plötzlich neben mir. Alles an ihr schlenkerte herum. Sie war in der Phase, wo wir immer die Katzen weggaben. Sie waren noch niedlich, aber konnten geradeaus laufen.“

Und einmal sitzt sie am Lagerfeuer und sagt: „Vorne war mir heiß, innen glücklich.“

Kirsten Fuchs hat das Buch ihrer Tochter gewidmet. Man muss sich diese Tochter als eine kleine coole Sau vorstellen. Neulich erst twitterte ihre Mutter: „Habe zu Hause Jeans mit Loch am Oberschenkel an. Tochter streichelt die nackte Stelle und sagt: Wie eine Qualle, die ausm Fenster kuckt. !“

Ganz die Mama.

Ach, apropos. Die Tochter. Sie wird hier im Interview erwähnt. Die taz hat Kirsten Fuchs und Lea Streisand interviewt, zum Thema Frauen auf Lesebühnen: Hier, bitteschön.

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1 Kommentar

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  1. Gute Frage! Aber: Kann z.B. sie hier – http://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article134838118/Menschen-in-Scherben.html – von Tschick beeinflusst sein? Eher nicht so.