vonMalaika Rivuzumwami 15.03.2018

taz Buchmesseblog

Margarete Stokowski und taz-Autor*innen bloggen live von den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt. | Alle Infos unter: taz.de/buchmesse

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Zehn Minuten am Stand, eine Handvoll Gummibärchen und ein Käsebrot später, laufe ich im Eiltempo durch die Glashallen. Aber natürlich komme ich zu spät. Erster Termin in meinem neuen Bloggerinnenleben und ich komme zu spät – es läuft gut. Nun stehe ich direkt ganz hinten im Pressebereich und kenne den Mann, der vorne den Preis der Leipziger Buchmesse anmoderiert, nicht. Ich kenne weder die Jury, noch die Moderatorin oder die Nominierten.

Um meine Situation noch besser zu machen, macht mich nun der Herr von der Security darauf aufmerksam, dass mir der Rest meines Käsebrötchen noch im Mundwinkel hängt. Professionalität ist eben meine Stärke.

Egal, jetzt versuche ich mich auf das Geschehen zu konzentrieren. Ich verstehe allerdings nichts, schnappe nur Worte (zur in diesem Fall falschen Verwendung des Wortes „Worte“ gibts mehr Infos hier) wie Tagesspiegel, freie Autorin und Preis auf: die Wörter wabern durch die Glashalle und ich frage mich, wie hier überhaupt jemand irgendetwas verstehen kann. Ich klatsche einfach, wenn der Rest klatscht. Keine Ahnung woher die wissen, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist.

Die Moderatorin auf der Bühne spricht nun ohne Mikrophon, meine Chance, endlich etwas zu verstehen. Es geht um sinkendes Interesse und Verkaufszahlen. Sie meint jedoch, dass Bücher lesen die Antwort auf das wachsende Bedürfnis der Multitasking-Gesellschaft sei. Momentan checke ich Twitter, Facebook und meine Mails. Vorbildfunktion eben.

Die erste Kategorie ist die Übersetzung. Den Promofilm kann man auch nicht verstehen, passend zur Kategorie. Die Nominierten kenne ich nicht, aber wenigstens möchte ich dieses Mal klatschen. Macht man aber scheinbar nicht und ich ernte nur peinlich berührte Blicke.

Nun kündigt die Moderatorin „den spannendsten Teil des Nachmittags“ mit solch einem Elan an, dass ich vermute, dass sie sich das selbst nicht glaubt. Ich allerdings hoffe jetzt mindestens auf ein Feuerwerk.

Den Rest der Veranstaltung könnte man in langweiligen, gleichförmigen Tweets zusammenfassen: Die Kategorie Übersetzung gewinnen Sabine Stöhr und Juri Durkot, für ihre Übersetzung aus dem ukrainischen „Internat“. Karl Schlögel gewinnt mit seinem Buch „Das sowjetische Jahrhundert“ die Kategorie Sachbuch. Und bevor der Aufschrei kommt, die Frau für die Quote: Esther Kinsky mit „Hain Geländeroman“ gewinnt in der Kategorie Belletristik.

Zurück von meinem Ausflug kann ich den erwartungsvollen Gesichtern nicht viel berichten: Ich habe nichts verstanden, nichts gesehen, mir aber fest vorgenommen jetzt auch mal wieder ein Sachbuch zu lesen (der Applaus für Karl Schlögel war für die Verhältnisse vor Ort atemberaubend!), und ich bin unangenehm aufgefallen. Tja, nicht nur sie hatten von mir mehr erwartet.

Mein Kollege U. aus der Kulturredaktion will natürlich mehr wissen und fragt genauer nach. Mein Unwissen schockiert ihn zwar nicht, macht mein schlechtes Gewissen, weil er natürlich alle Namen kennt, aber nicht besser. Egal, ich bin hier ja schließlich nur die Aushilfe. „Eh … aber mehr kann ich dir auch nicht sagen. Ein Buch von denen habe ich nie gelesen“. Besser fühle ich mich jetzt nicht.

Ich hätte gerne einen Knigge für Blogger*innen.

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