vonNicola Schwarzmaier 15.03.2018

taz Buchmesseblog

Margarete Stokowski und taz-Autor*innen bloggen live von den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt. | Alle Infos unter: taz.de/buchmesse

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Nachdem ich nachmittags die Krankheitsvertretung für Margarete übernommen habe, schreibe ich an die Kolleg*innen aus dem Kultur-Ressort: „Könnt ihr mich auf irgendwelche Veranstaltungen mitnehmen?“ Sie können. Ich darf zur feierlichen Eröffnung der Leipziger Buchmesse im Gewandhaus.

Wer meinen vorherigen Blogeintrag gelesen hat (Querverweise zu machen, ist immer wichtig!), weiß, dass ich da jetzt mit Hologramm-Turnschuhen hingehen muss, weil zwischen Zug-Ankunft und Veranstaltungsbeginn zu wenig Zeit ist.

Kollege A. schreibt mir jedoch zum Turnschuhthema: „Hhm, geht so. Musst du als neuesten Schick verkaufen.“ Da ich das nicht kann, Discounter-Turnschuhe als neuesten Schick verkaufen, nehme ich ein Taxi, brause ins Hotel, wechsle meine Schuhe und stehe pünktlich vor dem Gewandhaus in Leipzig. Viele Menschen strömen hinein, kleine Frauen in weiten Gewändern (als ich noch zur Fraktion der wertenden Menschen gehörte, nannte ich solche Frauen „Gewänder-Elsen“), Männer in Anzügen und alles in allem ein recht homogenes Publikum aus mittelalten, weißen Menschen.

Drinnen im Saal hängen lange Mikrophone wie Spinnweben von der Decke. Er ist kleiner als erwartet. Schnell füllt sich der Raum mit schwarz- oder weiß- oder auch rot-gekleideten Menschen. Eine Frau trägt gelb.

Dann kommen zwei Stunden Reden und klassische Musik, und es kann nicht allzu schlecht gewesen sein, denn ich schlafe nicht ein. Heinrich Riethmüller, Vorsteher (was ist das für ein Wort?) des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels rechtfertigt den laxen Umgang der Buchmesse mit rechten Verlagen. Es seien ja nur fünf Verlage von über 3.000 Ausstellern. So what? Muss man diesen fünf Verlagen eine Präsentationsfläche bieten? Wahrscheinlich ja, Grundgesetz, Demokratie, es fallen Schlagworte, denen man wenig entgegensetzen kann.

(Kleiner Einschub: In der Schule lernte ich den Unterschied zwischen Wörtern und Worten. Es gibt einen. Und doch – alle, wirklich alle, Politiker*innen und Journalist*innen, schlaue Redner*innen und polemische Schreihälse – alle nutzen diese beiden Wörter falsch.)

Nachdem Musik und Wörter beendet sind, riecht es schon im Saal nach gebratenem Speck, die Menschen werden wie Mäuse ans Buffet gelockt. Ich bin moralische Vegetarierin und vermisse Fleisch ziemlich. Es ist also nicht leicht. Schließlich lande ich mit (möglicherweise vegetarischen, es war nicht so genau beschriftet) Häppchen an einem Stehtisch. Dort finden sich auch drei Damen und ein Herr ein. Sie beginnen zu diskutieren und loben die Reden des Vorstehers und der Politiker. Genau die Reden, die ich nicht gut fand.

Eine Frau tut sich besonders hervor. Sie predigt Weisheiten und unterlegt sie mit: „Wenn du jetzt die Deutschen befragen würdest, würden die mir sicherlich alle Recht geben!“. Es geht um Merkel und um die seit drei Jahren um sich greifende Political Correctness. Es habe sich eine politisch korrekte Meinungsdiktatur gebildet. Angela Merkel sei doch eigentlich ein zutiefst unpolitischer Mensch. Sie solle sich mal auf das Parteiprogramm der CDU konzentrieren und nicht weiter in der Mitte rumschwimmen. „Sie ist sowas von mitte. Sowas von mitte-links!“ Die umstehenden nicken und murmeln. „Stellt euch mal vor: Da arbeitet man sein Leben lang, verliert seinen Job und bekommt ein oder zwei Jahre Arbeitslosengeld. Das sind 60 oder 65 Prozent. Und dann? Dann bekommt man Hartz4! So viel wie jeder dahergelaufene Migrant! Egal, wie lange man gearbeitet hat. Das KANN nicht sein. Der Fehler liegt darin, dass alle gleichgestellt werden.“

Die Buchmesse ist politisch. Sie muss es sein.

„Lesen macht stark gegen Intoleranz“, sagt Michael Kretschmer, Ministerpräsident von Sachsen, in seiner Rede. Ja, bitte, ich hoffe es.

Nicola Schwarzmaier

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https://blogs.taz.de/buchmesse/2018/03/15/niemand-ist-unpolitisch-nicht-mal-ich/

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