vonNicola Schwarzmaier 16.03.2018

taz Buchmesseblog

Margarete Stokowski und taz-Autor*innen bloggen live von den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt. | Alle Infos unter: taz.de/buchmesse

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Wer keine Veranstaltungen auf der Buchmesse besucht, muss sich von umtriebigeren Menschen Berichte aus zweiter Hand anhören und glauben. Oder über den Weg zur Buchmesse bloggen, kann Mensch auch mal machen.

Beim Frühstück ist wieder J. zugegen. Ich frage ihn, ob er schon seinen Auftritt im Blog gelesen habe – hat er nicht. „Komme ich gut weg?“ Ähm … geht so.

„Du siehst heute wieder so wundervoll aus!“ sagt er zu mir. Bevor ich mich bedanken kann, sagt er: „Oder darf ich das jetzt auch nicht zu dir sagen? Ist das auch verboten?“ „Nein, ist es nicht? Warum? Wegen gestern? Was hattest du da noch mal zu mir gesagt?“ „Steile Schnecke.“ Er lacht und lacht und lacht. Ich muss auch lachen. Es ist nicht leicht, den Kolleginnen in der taz beizubringen, was ein annehmbares Kompliment ist und was sexistisch ist. Zumal die Kollegin schwul ist und sich deshalb per se auf der sicheren Seite fühlt. Und zumal ich selbst auch manchmal nicht genau weiß, was geht und was nicht.

Später sitze ich mit den taz-Urgesteinen M. und H. am Tisch. Ich bereite Waffeln zu, weil ich die einzige mit „Waffelschein“ bin, har har har. Wir wollen zusammen zur Messe fahren. Die beiden alten Knackerinnen und ich. M. schlägt vor: „Wir fahren mit der Straßenbahn 10, die fährt zur Messe!“ Kurz diskutieren wir, weil H. und ich dagegenhalten, dass das nicht stimme, doch M. weiß Bescheid. „Nur 19 Minuten!“. Gut, wir vertrauen ihm.

Wir gehen im Schneeregen los. An der Haltestelle steht auf der digitalen Anzeige: „TRAM 10: MESSEGELÄNDE“. Wir sind beruhigt. Eine Gruppe von buchmessigen Frauen kommt zu uns, schaut auf den gedruckten Plan und fragt uns: „Die 10 fährt ja nicht zur Messe, oder?“ „Doch, doch, die fährt zur Messe.“ „Nee, also theoretisch fährt die da nicht hin.“ „Gut, das kann sein, aber praktisch fährt sie heute hin.“ Wir werden skeptisch angeguckt.

In der Bahn befrage ich die beiden alten Männer (Männer schreibe ich jetzt schon, oder sind die Männer bei „Frauen“ mitgemeint?), was sie erlebt haben, was ich bloggen soll. Sie waren in der Ecke der rechten Verlage und haben sich Jürgen Elsässer angesehen. „Der war wirklich zu stark geschminkt. Trotzdem erkennbar!“ Aha. „Also es wirkte ein bisschen ungekonnt. Es war einfach zu dick aufgetragen.“ Mehr gibt es nicht zu sagen.

Dann fangen die beiden an zu erzählen. „Früher haben wir das ja gemacht, also gebloggt. Das stand dann aber am nächsten Tag in der Zeitung. Wir sind einfach über die Buchmesse gelaufen, haben den Leuten zugehört und alles aufgeschrieben.“ Das ist sehr lange her, die Männer sind sehr alt.

Ansonsten beömmeln sie sich über lustige Verlagsnamen. „Mückenschwein“ zum Beispiel. Darüber solle ich schreiben! Lustige Verlagsnamen. So haben sie damals also die Zeitung vollbekommen.

Wir fahren und fahren. Ich darf sitzen, weil die beiden – trotz etwa 30 Jahren Altersunterschied zu mir – partout nicht sitzen wollen. H. erzählt vom Vortag. „Da war eine Autogrammstunde mit diesem Mann, der hat eine Sendung im Fernsehen … nachmittags. Er und vier Frauen. Eine bekommt dann 500 Euro.“ Ich bin überfragt. Was meint er? Es klingt nach Bachelor im Kleinformat. Herzblatt? „Die kauft dann ganz viele Klamotten ein.“ Aaaahhh, er meint Guido Maria Kretschmer. „Da standen die Frauen in einer Schlange, die war 100 Meter lang! Das muss ein toller Typ sein.“

Dann wird er ungeduldig und grummelt: „Wir fahren ja ewig mit dieser Bimmelbahn hier.“ M. schüttelt den Kopf. „Nein, 19 Minuten.“

 

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https://blogs.taz.de/buchmesse/2018/03/16/steile-schnecke/

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kommentare

  • Ich stolperte ein wenig über ihr generisches Femininum, aber nachdem ich Ihren vorigen Beitrag las ist für mich alles klar. Nun ist es obendrein noch besser lesbar und Männer gibts ja bestimmt auch im Fernsehen, da müssen die nicht auch noch in die Zeitung.
    Die Sache mit den lustigen Verlagsnamen finde ich gar nicht so abwegig, wäre doch eine gute Beschäftigung für die Komplimentmaschine J. aus Ihren Frühstückskreisen.

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