vonNicola Schwarzmaier 11.10.2018

taz Buchmesseblog

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Nachdem ich Leander Wattig und seine Pub’n’Pub-Veranstaltung verlassen habe – die leider total langweilig war, weil eine Stunde lang über das Gendern gesprochen wurde, was die taz schon seit 1978 etwa macht –, nehme ich mir ein Taxi. Es ist nicht sicher, ob die taz diese Kosten übernimmt, denn es ist noch nicht wirklich spät und das Hotel nicht wirklich weit weg, aber der Weg würde am Main entlang führen und obwohl ich in Berlin niemals auf die Idee käme, dass ein Weg irgendwo in der Stadt gefährlich für mich sein könnte, kommt mir die Vorstellung, am Main nach Hause zu laufen, gruselig vor.

Der Taxifahrer fragt, warum ich Taxi fahre. Ich sage, dass mein Akku fast leer sei und ich Angst habe, den Weg nicht zu finden. Er sagt: „Komisch, die Akkus von Frauen sind immer leer.” Mein Erklärungsversuch: Instagram. Saugt einfach zu viel Saft. Er sagt: „Ich bin auch viel auf Instagram!” Ach ja? Was er da mache, will ich wissen. „Ich poste nicht selbst” – „Ach so? Also Sie stalken nur?” – „Nein, nein, ich informiere mich über die Politik im Iran.” Ups, okay.

Wir fahren durch das nächtliche Frankfurt und er fragt mich, wo ich herkomme und was ich hier mache. „Berlin? Da hab ich auch mal gelebt! In Berlin-Spandau. Aber Berlin war mir zu … hmmm … zu undiszipliniert.” Oh ja, damit hat er Recht. Berlin ist so wunderbar undiszipliniert, dass es mir schon nach zwei Tagen Frankfurt schmerzlich fehlt. „Sind Sie auch so undiszipliniert?”, fragt er mich. Ich fange an, davon zu erzählen, dass ich Regeln oft unnötig finde und Einbahnstraßen auch. Ein bisschen befürchte ich, dass das Gespräch in Richtung „Naughty Girl” abdriftet. Deshalb vermeide ich Wörter wie „ungezogen” oder „frech”.

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Schließlich halten wir an, nicht so richtig nah am Hotel, aber okay, den Rest kann ich wohl laufen. Als er mir die Quittung ausstellt, wundere ich mich. Er legt den Block quer und schreibt von oben nach unten. Heraus kommt eine geschwungene Schreibschrift. „Wow, Sie schreiben ja toll!“, ich bin begeistert. „Weil ich Linkshänder bin, das geht nicht anders”, sagt er.

Ich sage ihm, dass ich auch Linkshänderin sei und ganz „normal” schreiben könne. Er erwidert: „Dann gehörst du nicht zu uns“. Na gut, mal eben aus dem Club der Linkshänder*innen ausgestoßen worden, kann passieren.

Er schreibt mir noch meinen Namen in persischen Schriftzeichen auf und erzählt, dass er ein Buch geschrieben habe über seine Flucht aus dem Iran 1985. Weil er auch zu undiszipliniert gewesen sei. Er lädt mich zu einer Lesung ein. Ich frage, in welchem Verlag das Buch erschienen sei: „Noch kein Verlag. Erstmal eine Lesung machen und dann gucken.”

Okay, den Weg kann Mensch auch versuchen. Mein Kollege Dirk Knipphals sagte gestern: „Jeder Mensch ist Schriftsteller, aber nicht jeder schreibt auf.” Ich wünsche ihm viel Glück.

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