vonMargarete Stokowski 22.03.2019

taz Buchmesseblog

Margarete Stokowski und taz-Autor*innen bloggen live von den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt. | Alle Infos unter: taz.de/buchmesse

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Den ersten Messetag überstanden, bisher ungefähr 1 Kiste Sekt getrunken, 2 Bücher bekommen, 3 Veranstaltungen verpasst aus technischen und organisatorischen Gründen, 4 Leute gesehen, deren Name ich dringend hätte wissen müssen und nicht wusste. Und mindestens 5, wenn nicht mehr, Jugendliche gesehen mit „Free hugs“-Schildern bzw. -Zetteln. Frage mich, wie erfolgreich dieses Konzept ist, bzw. sollte die mal fragen. Es gibt diese Free-Hugs-Kids jedes Mal wieder, aber ich habe noch nie gesehen, dass sie jemanden umarmen. Oder machen die das gar nicht? Verkaufen die Drogen? Wollen sie Drogen kaufen? Wofür ist das ein Code?

Stelle mir manchmal vor, wie es wäre, wenn man mich mit verbundenen Augen auf die Buchmesse schicken würde und ich anhand der Gesprächsfetzen sagen müsste, wo ich bin. Heute wäre ich wahrscheinlich auf einer Tier- und Esoterikmesse. „Ich denke, ich weiß jetzt alles über Hundegeburten.“ – „Ich glaube schon, dass wir von Blumen viel lernen können.“ – „Wo ist die Leichtigkeit?“ – „Kannst du vielleicht deine Hand auf mein Gesicht legen?“

J. kommt am Nachmittag vorbei, er sagt, er mag die Messehallen so gerne – „glaub ich bin krank, ich mag so gern da reinzukommen, das ist so euphorisierend“, und ich kann es ein bisschen mitfühlen, aber nicht ganz, aber freue mich für ihn.

Gehe bei einer Veranstaltung von S. vorbei und bin froh, selber keine zu haben. Später erzählt S., ihr Buch käme super an, denn „die Leute lieben, wenn gestorben wird, ich sag’s dir“, freue mich auch für sie.

Abends gehen wir zu einer Veranstaltung namens „Status quo vadis Popjournalismus — Pop oder Verzweiflung?“. Wenn man zu allen Veranstaltungen gehen würde, die „quo vadis“ im Titel haben, hätte man gestern vier gehabt und heute drei. Wir gehen aber nur zum Pop.

Der Taxifahrer schimpft auf den Ort, zu dem er uns fährt, das Institut für Zukunft. So wie ich es verstehe: der Versuch, eine Art Berghain in Leipzig aufzubauen. Das hätte ein Millionär eröffnet, der dann aber trotzdem Crowdfunding gemacht hätte, „aber die Leute lassen sich doch nicht verarschen!“. Der Taxifahrer sagt, er kommt aus der Technoszene, also, früher kam er da her sozusagen, „wir ham auch Partys gemacht, illegal, unter der Erde, natürlich!“

Natürlich. Er lässt uns raus in einer Straße, die „an den Tierkliniken“ heißt. Ich mutmaße: Tierversuchslabore, J. mutmaßt: die Ärzt_innen sind Tiere. An einem Gebäude namens „Kohlrabizirkus“. Direkt Bock auf Party.

Aber wir wollen ja der Diskussion zuhören. Bei der kommt raus, dass Popjournalismus schlecht bezahlt ist, aber Journalismus ja auch sonst nicht so gut bezahlt ist und woanders wird man auch ausgebeutet. Bei der Intro hätten sie verpeilt einen Betriebsrat aufzubauen und dann wurden über 40 Leute entlassen.

Irgendwann ist zuende und den Veranstalter_innen fällt auf, dass sie vergessen haben die Spendenbox rumzugeben. „Jetzt sind wir pleite!“

Später noch zur Tropenparty, wo wir die meiste Zeit draußen rumstehen. Drinnen ist es entweder noch enger als sonst, oder wir haben uns das mal wieder schöngeredet über die Jahre. E. will tanzen, aber ich finde tanzen auf der Buchmesse obszön. J. sagt, man muss Menschen schon SEHR mögen, um da reinzugehen. Bleiben draußen und gehen irgendwann, bevor zu viele Vögel singen.

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https://blogs.taz.de/buchmesse/2019/03/22/fetzen-und-fragen/

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