vonMario Zehe 18.05.2018

[ˈkɒmik_blɔg]

Der Comic – einst das Schreckgespenst des Bildungsbürgers, heute dagegen der (heimliche) Liebling des Föjetong.

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Der Karikaturist Dieter Hanitzsch und die Süddeutsche Zeitung, für die er viele Jahrzehnte zeichnete, gehen künftig getrennte Wege. Auch wenn von beiden Seiten noch niemand mit Dreck nach dem anderen geworfen hat, ist – wenn man deren jeweilige Verlautbarungen zum Sachverhalt liest – schnell klar: Man geht im Streit auseinander. Auslöser hierfür ist eine Karikatur Hanitzschs, die den israelischen Premier und Vorsitzenden der nationalkonservativen Partei Likud Benjamin Netanjahu – nun ja – ›zeigt‹. Nach der Veröffentlichung der Zeichnung am Dienstag entwickelte sich schließlich eine ziemlich kontroverse Debatte. Eine wichtige Stimme auf Seiten der Kritiker Hanitzschs ist dabei der neue Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein. Dieser wirft dem Karikaturisten vor, judenfeindliche und antisemitische Klischees bedient zu haben und an die Tradition nationalsozialistischer Bild-Propaganda anzuknüpfen. In ähnlicher Weise – möglicherweise aber aus ganz anderen Motiven – äußerte sich Bild-Chef Julian Reichelt. Und nach Einreichung mehrerer Beschwerden leitete der Deutsche Presserat ein Prüfverfahren ein. Auf der anderen Seite steht insbesondere der Zeithistoriker Wolfgang Benz, lange Jahre Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung (TU Berlin), der keinerlei Anzeichen für einen antisemitischen Inhalt in der Karikatur sieht und zur Versachlichung der Debatte aufruft.

Was trüge aber zur Versachlichung bei? Die im Zentrum der Auseinandersetzung stehende Frage zu beantworten, wo (legitime) Kritik des israelischen Premiers aufhört und ab wo sich der Judenhass seinen Bann bricht? Man sieht, dass selbst diesbezügliche Experten hier zu keinem einhelligen Urteil gelangen. Und bei manchen selbst ernannten ›Experten‹ glaube ich, dass sie das auch gar nicht wollen. Interessant ist jedenfalls, dass zu einer anderen Sache als der des Antisemitismusproblems kaum etwas gesagt wurde, welche aber zu diskutieren sehr lohnend wäre: das Verhältnis von Medium und Message nämlich. Man tut sich jedenfalls keinen Gefallen damit, die Karikatur als eine Aussage wie jede andere zu betrachten und ihre spezifische Form sowie ihren ganz eigenen Stellenwert in der politischen Kommunikation zu ignorieren. Um falschen Erwartungen hier gleich vorzubeugen: Mit geht es hier nicht darum, den Antisemitismusvorwurf gegenüber Hanitzsch bzw. seiner Karikatur zu untermauern oder zurückzuweisen.

Dass die moderne politische Karikatur dem kritischen Geist der Aufklärung entsprungen sei, wird oft gesagt, ist aber nur ein Teil der Wahrheit oder besser noch: ein Mythos. Zwar diente sie in dieser Zeit nicht selten der Kritik an den Herrschenden und den von diesen zu verantwortenden Missständen. Aber zum Einsatz kam sie gerade dort, wo man sich allein auf die Wirkmächtigkeit des komplexitätsorientierten Arguments und der logischen Beweisführung nicht verlassen wollte oder konnte. Die Kraft bzw. die Macht der (politischen) Karikatur bestand bzw. besteht vielmehr darin, die Dinge einfacher machen, als sie scheinen. Oft auch einfacher, als sie tatsächlich sind. Karikaturen verzerren, vereinseitigen und polarisieren. Das sollte man ganz wörtlich nehmen: Eine Karikatur überführt einen bestimmten Sachverhalt in eine Polarstruktur, d.h. in zwei antagonistische Felder – das eine positiv, das andere negativ konnotiert. Das Objekt der karikierenden Kritik wird wiederum durch Vereinfachung bearbeitet, und zwar i.d.R. durch Hervorhebung bzw. Übertreibung seiner (angeblich) negativen, d.h. schlechten, bösen, amoralischen, unappetitlichen (usw.) Eigenschaften einerseits und durch Auslassung bzw. Untertreibung seiner positiven andererseits. Dieses Spiel mit der vereinfachenden Verfremdung und Klischeeherstellung kann durchaus feinsinnig, manchmal sogar auf paradoxe Weise komplex und doppelsinnig betrieben werden. Oder eben stumpf und schlicht und manchmal auch auf widerwärtige Weise menschenfeindlich. Aber, und das ist der entscheidende Punkt, der mir in der gegenwärtigen Debatte zu kurz kommt: Die Welt, die Gesellschaft, der Mensch, sprich die ›Realität‹ der Karikatur ist hier wie dort gleichermaßen nicht mehr und nicht weniger als ein Klischee.

Das ist aber nicht nur problematisch, sondern birgt auch Potentiale in sich. Solch deformierende, verzerrende und z.T. schockierende Zeichnungen der Wirklichkeit schaffen extrem konzentrierte und verdichtete Aussagen über soziale und politische Sachverhalte. Sie sind und machen im wahrsten Sinne des Wortes streitlustig. Eine politische Karikatur ist keine, die sich einfach nur über einen Politiker oder eine Politikerin lustig macht oder diese(n) gar diffamiert, sondern vielmehr eine, die eine Positionierung hervorruft: Für und wider die Aussage der Karikatur, wider den darin angeprangerten gesellschaftlichen Missstand, aber auch wider die Behauptung, dass man es überhaupt mit einem Missstand zu tun hätte. Nicht der Inhalt, sondern ihre Form macht eine Karikatur politisch.

Umgekehrt kann die Polarisierung und Stereotypisierung per Karikatur auch in nicht mehr bestehen, als Vorurteile gegenüber anderen zu vertiefen, (unbegründete) Ängste zu wecken und gesellschaftlichen Unfrieden zu stiften. Deshalb ist es ja so wichtig, die Funktionsweise der karikierenden Weltverfremdung zu verstehen und z.B. in der politischen Bildung zu lehren: Wo und wie werden einfach nur Hass und Ressentiment geschürt, wo und wie öffnet sie uns förmlich die Augen und macht ein verborgen liegendes gesellschaftliches Problem wieder einfach erkennbar? Der Grad zwischen diesen beiden Möglichkeiten ist natürlich denkbar schmal, und nicht selten hängt unsere Beurteilung von unserer eigenen, vorgängigen Positionierung hinsichtlich eines karikierten soziopolitischen Sachverhaltes ab. Zur Versachlichung der oben skizzierten Debatte trüge aber zumindest bei, wenn man verstünde, dass die Karikatur aufgrund ihrer Anlage zutiefst unsachlich, polemisch und parteiisch ist. Das ist eben zugleich das Gute und das Schlechte an ihr.

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