vonMario Zehe 04.06.2019

[ˈkɒmik_blɔg]

Der Comic – einst das Schreckgespenst des Bildungsbürgers, heute dagegen der (heimliche) Liebling des Föjetong.

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Am Anfang der Comics war die Gewalt. Dies gilt zum einen für die ersten Strips, die seit Ende des 19. Jahrhunderts auf die Unterhaltungsseiten der Tageszeitungen drängten. Man denke z.B. an die derben und alles andere als harmlosen Scherze der ›Katzenjammer Kids‹ von Rudolph Dirks oder an George Herrimans Serie ›Krazy Kat‹, in der das Werfen eines Ziegelsteins auf eine der Hauptfiguren der obligatorische wie schmerzhafte Running Gag war. Dies gilt zum anderen auch für die Anfänge der Comicforschung, die für den Gegenstand ihrer Betrachtung zunächst nur sehr wenig Verständnis aufbringen mochte und stattdessen ein horribles Zerrbild entwarf. Den Vogel schoss hierbei wohl der deutsch-amerikanische Psychiater Fredric Wertham ab, der in seinem 1954 veröffentlichten Buch ›Seduction of the Innocent‹ eine Verbindung zwischen dem Comickonsum jugendlicher Leser*innen und der Neigung zu Kriminalität, Gewalt und sonstig deviantem Verhalten herzustellen versuchte. Und noch lange Zeit danach war die vermeintliche Verherrlichung von Gewalt in Superhelden- und anderen Comics der Anlass zur Generalabrechnung mit einem als illegitim erachteten Medium.

Der in Gießen lehrende Kultursoziologe Jörn Ahrens widmet seine neueste Monografie dieser – wie er schreibt – »nachhaltig etablierten Konjunktion von Comics und Gewalt«, jedoch ohne sich nur einen Deut um die historischen Debatten oder irgendwelche medienpädagogischen bzw. -ethischen Aspekte der Thematik zu kümmern. Zugespitzt ließe sich sogar sagen, dass Ahrens auch die Gewalt als solches eigentlich nur wenig interessiert. Sein Augenmerk gilt vielmehr der Reflexion der formalen Eigenschaften des Comic innerhalb eines übersichtlichen Rahmens, welcher zugegebenermaßen wohl nicht ganz zufällig auf die zeichnerische Darstellungen und Inszenierungen von Gewalt fokussiert.

In Auseinandersetzung mit Comics unterschiedlichster Genres und ihren Zeichnern (für Zeichnerinnen war in dem Buch offensichtlich kein Platz, aber im Schlusskapitel ist ja eine Fortsetzung angekündigt …) schließt der Autor an solche Positionen innerhalb der Comicforschung an, die das Nicht-Identische, Widerständige und Sperrige als grundlegend für die Ästhetik der Comics erachten. Als wesentliche wie genuine Strukturmerkmale macht er hierbei  die Arretierung der Bilder, die damit verbundene Zerlegung der narrativen Sequenz, die wechselseitige Parodie von Schrift und Bild sowie die Modi der karikierenden Übertreibung und Typisierung aus.

Anhand dieser herausgearbeiteten Merkmale stützt Ahrens immer wieder seine (Haupt-)These, dass der Comic nicht als Medium der Illusion und Identifikation angesehen werden kann, weil ihm aufgrund der offensichtlichen Künstlichkeit seiner Bilder jedes mimetische Potenzial abgehe. Ein diesbezüglich wichtiger Stichwortgeber außerhalb der Comicforschung ist für Ahrens der Medienwissenschaftler Marshal McLuhan geworden, der vor mehr als einem halben Jahrhundert zwischen ›heißen‹ und ›kalten‹ Medien unterschied: Die letzteren zeichnen sich nach McLuhan durch eine geringe Informationsdichte aus und erfordern eine relativ hohe Aufmerksamkeit und Beteiligung im Rezeptionsprozess, die ersteren vice versa. Der Comic gehöre zu den ersteren, also den ›kalten‹ Medien, weshalb ihm – so im Anschluss Jörn Ahrens – nur bescheidene Fähigkeiten zur Emotionalisierung und Überwältigung mitgegeben sind.

Der Frage, mit welchen Mitteln es die Comicschaffenden dennoch vermögen, die Leser*innen in ihren Bann zu ziehen und trotz der semiotischen Kühle des Comic eine narrative (diegetische) Hitzigkeit zu entwickeln, geht der Autor in einigen Close-Readings nach. So zeigt er z.B. am Werk des Comiczeichners Joe Sacco wie fundamental sich die dokumentarische Praxis in Comics von denen in Film und Fotografie unterscheiden, weil eine Comicreportage allen Authentizitätsbeteuerungen zum Trotz (oder vielleicht gerade deswegen) seine Gemachtheit und Künstlichkeit kaum verbergen kann. Zugleich eröffnet dieser hybride Status zwischen Fiktionalität und Faktualität die Möglichkeit, in die Repräsentationslücken des in der Regel stark limitierten dokumentarischen Materials vorzustoßen. So setzt Sacco z.B. mehrere Zeugenaussagen über während des Bosnienkrieges begangener Verbrechen an der Zivilbevölkerung szenisch in Bilder, die aufgrund der Grausamkeit der geschilderten Vorgänge schnell sehr überwältigend wirken können. Aber auf der Darstellungsebene setzt der Zeichner geschickt Techniken der graphischen Distanzierung ein, welche die Problematik der (Augen-)Zeugenschaft anzeigen und allzu simplen Identifikationsmustern den Weg versperren.

Am Werk des für seine kaum verklausulierte Sozialkritik bekannten Autors und Zeichners Baru zeigt sich wiederum, dass ein ›realistischer/naturalistischer‹ Stil in Comics sehr wenig gemein hat mit dem Realismus/Naturalismus in den bildenden Künsten. In einer detaillierten Analyse eines nur wenige Panels einnehmenden Boxkampfes in Barus ›Wut im Bauch‹ zeigt Ahrens, dass der starke Realismus im Werk des französischen Comicmachers auf einem äußerst expressiven und verzerrenden Zeichenstil beruht, ähnlich der Karikatur, und damit das Gezeigte ganz nah an die Beobachter heranträgt. So und so ähnlich argumentiert Ahrens in den vorhergehenden und nachfolgenden Kapiteln: Seine erzählerische wie auch argumentative Kraft bezieht der Comic nicht aus einer möglichst stimmigen Nachbildung der Wirklichkeit, sondern aus der Verzerrung und Übertreibung des bildlich Vorgeführten.

Diese Nähe von Karikatur und Comic, der Antagonismus der beiden comicalen Repräsentationsmodi Bild und Schrift, den Ahrens immer wieder betont, sowie die Vorliebe der Comicmacher*innen wie auch Leser*innen am (gewaltsamen) Spektakel lassen mich am Ende der Lektüre schließlich darüber spekulieren, ob der Comic vielleicht so etwas wie das ›Konfliktmedium‹ schlechthin ist. Das was einst als Ende aller Erzählungen ausgerufen worden ist, stellt für Comics möglicherweise das genuine Sujet dar, und zwar sowohl auf der Ebene des Erzählens wie auch auf der Ebene des Erzählten: Keine Geschichte kann je zu einem restlos alle Ansprüche befriedigenden Ende gelangen, immer bleiben Ungereimtheiten und Widersprüche. Unter dem Brennglas der comicalen Übertreibung und der beinahe schon penetranten Zurschaustellung im Modus der Gewalt werden diese Widersprüche und Konflikte (wieder) sichtbar, bringen uns Leser und Leserinnen mal zur Verzweiflung, mal zum Lachen, regen zum Handeln an oder reizen gar selbst zum Widerspruch.


Jörn Ahrens: Überzeichnete Spektakel. Inszenierungen von Gewalt im Comic, Nomos-Verlag, Baden-Baden 2019.

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