Die Legende von Counter Strike als Amokhelfer
von DanielEigentlich habe ich keinen Blogdienst, aber ich möchte auf eine kurze und prägnante Zusammenfassung hinweisen, die Michael Wagner in seinem Blog zum Thema Tötungshemmung und Killerspiele verfasst hat. Er geht der Frage nach, woher eigentlich all die Zahlen kommen, mit denen die Christian Pfeiffers unserer Republik für eine noch umfassendere Zensur von Spielen entreten als es sie bisher schon gibt. Dabei nimmt er die Hauptwerke des immer wieder gern zitierten amerikanischen Militärpsychologen Dave Grossmann unter die Lupe:
Selbst wenn die Angaben zur Tötungshemmung nicht direkt von Grossman stammen, so kann man dennoch aufgrund seiner Laufbahn als Militärpsychologe und Ausbildner an der Eliteschule des amerikanischen Militärs davon ausgehen, dass sich die in der deutschen Diskussion vorgebrachten Ergebnisse in seinen Werken zumindest wieder finden sollten. Überraschenderweise ist auch dies nicht der Fall. So schreibt er in seinem Buch “Wer hat unseren Kindern das Töten beigebracht?” (im Original “Stop Teaching Our Kids to Kill”) auf Seite 87 lediglich:
“Die Einführung von Simulatoren ist unbestreitbar verantwortlich für den Anstieg der erfolgreich tötenden Soldaten von 15 bis 20 Prozent im Zweiten Weltkrieg auf 95 Prozent im Vietnamkrieg. Im Falklandkrieg lag dieser Wert für die argentinischen Soldaten, die mir zivilen Zielscheiben übten, bei 10 bis 15 Prozent. Dagegen erreichten die mit modernen Methoden trainierten britischen Soldaten über 90 Prozent. Daher wissen wir, dass – unter ansonsten gleichen Umständen – 75 bis 80 Prozent aller tödlichen Schüsse auf dem modernen Schlachtfeld eine unmittelbare Folge des Einsatzes von Simulatoren sind.”
Methodisch wurde also nur festgestellt, dass in den militärischen Konflikten des 20. Jahrhunderts eine Korrelation zwischen der Effizient von Soldaten und deren technologischer Unterstützung beobachtet wurde. Videospiele kommen nur deshalb ins Spiel, da sie Simulatoren ähneln und oftmals auch auf derselben Technologie basieren. Dies erinnert sehr stark an die auch von Manfred Spitzer verbreitete These des Epidemiologen Centerwall, wonach es einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Tötungsdelikte und dem Besitz (wohlgemerkt dem Besitz und nicht der Nutzung) von Fernsehapparaten geben soll (nachzulesen in “Vorsicht Bildschirm!”). Dass es den Autoren dieser Thesen nicht wirklich um Wissenschaftlichkeit geht, macht Grossman auf Seite 91 von “Wer hat unseren Kindern das Töten beigebracht?” klar:
“Man kann mit Sicherheit sagen, dass diese Technologie in den Händen von Kindern sehr viel gefährlicher ist, als in denen von Soldaten oder Polizisten – die erwähnten Beispiele belegen dies ebenso wie der gesunde Menschenverstand.”
Es handelt sich hier also um Wissenschaft auf Basis des so genannten gesunden Menschenverstandes. Als Ziel genannt werden die Disziplinierung der Gesellschaft und die Reinigung unserer krankhaften Triebe vom Unheil einer freien Medienkultur.
Erstaunlich ist, dass dennoch viele Journalisten sich so gerne an der katholischen Indizierungspolitik früherer Jahrhunderte ein Beispiel nehmen. Ob es das Aufkommen der Zeitung oder das der Bücher war, jedes Mal hatte das kirchliche Establishment und seine Parteigänger etwas dagegen. Dabei dürfte jedem, der auch nur ein wenig Ahnung von Kommunikationswissenschaft hat, klar sein, dass die einfachen Ursache-Wirkungs-Aussagen in Medientheorien nie funktionieren. So haben Medienforscher durchauchs “bewiesen”, dass der Konsum gewalthaltiger Fernsehinhalte bei gewalttätigen Menschen höher ist. Sie konnten aber nicht seriös bestimmen, auf welcher Seite die Ursache liegt: Werden Menschen durch TV gewalttätiger? Oder konsumieren gewalttätige Menschen nicht einfach nur mehr gewalthaltige Fernsehsendungen? Oder ganz andere Frage: Liegt es eventuell am sozialen Umfeld, dass gewisse Millieus das eine konsumieren und das andere ausüben? Weist man die Apologeten der Killerspielhysterie auf ihre offensichtlichen Denkfehler hin, dann bekommt man zur Antwort, irgendetwas würden die Computerspiele schon mit Amokläufen in Winnenden zu tun haben, sie wären quasi eine Zutat in der Mixtur, die Menschen zu Gewalttätern macht. Das gilt mit Verlaub gesagt allerdings auch für die kleinstädtische Herkunft vieler Amokläufer. Was soll man da tun? Die Kleinstädte einebnen? Eine Studie über typische Merkmale von Amokläufern verweist im Übrigen ebenfalls in erster Linie auf soziale Ursachen und erst in zweiter auf Medienwirkungen – insbesondere durch die hysterisierte Berichterstattung von Fernsehen und TV. Die Verhältnismäßigkeit, auf die insbesondere konservative Politiker in Sachen Waffenbesitz so gerne pochen, wird an dieser Stelle nicht gewahrt: Weil ein paar Menschen ausrasten, stehen ein ganzes Spielgenre und dessen Nutzer unter Verdacht. So entblödet sich der bayrische Innenminister Joachim Herrmann nicht, gewalthaltige Spiele mit Drogen und Kinderpornografie zu vergleichen.





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lieber daniel, so so, hattest also keinen “blogdienst”, musstest aber dennoch was erzählen. ich mache dir zwei vorschläge
1.) sieh dir mal genauer an, was jene sagen, die ein ende des killerspiel-tabus fordern. niemand, der eins und eins zusammen zählen kann, verlangt eine zensur. das ist eine erfindung der fünften kolonne der gamerindustrie. es geht nicht darum, etwas zu verbieten, sondern das meinungsmonopol der schleppenträger der milliardenschweren games-wirtschaft und ihrer publizistenlobby zu brechen; sogar unabhängig medien und blogs – das ist wirklich faszinierend – gehen an der ganz kurzen leine derer, die profit schlagen aus dem verkauf von games. ich möchte gern mal wissen, was ihr eigentlich sagen würdet, wenn jemand atomstrom in blogs, taz und zeit als die sicherste energiequelle der welt verteidigen würde. ihr würdet mit recht und sofort fragen: wo ist die unabhängigkeit?
2.) wieso stürzen sich die counterstrike-fans eigentlich immer auf christian pfeiffer? ganz einfach, weil der die populärste und schwächste stelle ist. aber wieso trägt niemand die zusammenhänge und tipps vor, die z.b. eine cheryl k. olson (harvard) bringt? die ist weit davon entfernt, eine zensorin zu sein. aber sie rät NATÜRLICH eltern zum verbot, wenn ihre kids mehrere stunden am tag spielen und auffälliges verhalten anzeigen. da geht es übrigens nicht um amok.
am wichtigsten aber finde ich: wer sich mit den attentätern von columbine, erfurt etc. genauer befasst und hinterher meint, das eine (amok) habe mit dem anderen (killerspiel) NICHTS ZU TUN, der hat einfach einen sprung in der platte. wir wissen nicht, WIE DAS EINE AUF DAS ANDERE WIRKT, ja. aber dass es wirkt, ist sonnenklar. was leute wie du verbieten wollen, ist darüber mal seriöse forschung zu machen. DAS IST DIE ZENSUR!
ich empfehle z.b. mal als härtest: tragt doch mal euer “argument” den eltern der opfer vor! denen, die beim laufweg, der schießhaltung, der art des ausschaltens von “gegner” und überhaupt die ganze anordnung eines schulhauses feststellen müssen: das ist – ohne jede interpretation – wie eine blaupause aus bestimmten games genommen. diesen zusammenhang zu sehen heitß übrigens NICHT zu sagen: wer gamer ist wird amokschütze. einen so grotesken ursaache-wirkungs-zusammenhang hat noch nie jemand auf diesem planeten aufgestellt – außer denen, die strikt auf der seite der games und ihrer milliardenschweren industrie dahinter stehen.
man erwartet – zumal auf dem einzig akzeptablen blog der taz – ein wenig mehr niveau in der debatte. viel spaß beim buschreiben, christian
Lieber Christian,
anscheinend hast du deinen Kommentar in emotional erregtem Zustand geschrieben.
Du wirfst dem Autor vor seriöse Forschung verbieten zu wollen. Ich habe eher den Eindruck, dass er genau diese Seriosität in der Forschung fordert.
Bisher gibt es ausschließlich Studien die entweder von der Computerindustrie oder Spiele-feindlichen Stellen beauftragt wurden – dass die Ergebnisse sich dann widersprechen ist klar.
Fakt ist, dass nicht feststeht welchen Einfluss gewalttätige Medien auf Menschen haben. Nicht einmal, ob es überhaupt einen gewaltsteigernden Einfluss – oder vielleicht sogar durch den abstoßenden Effekt von übertriebener Gewalt eine Polarisierung gegen Gewalt – gibt ist klar. Es gibt unendlich viele Beispiele von Leuten die nicht gewalttätig sind, aber trotzdem gewalthaltige Medien konsumieren. Nicht nur in meinem Bekanntenkreis, sondern überall. Schau mal auf http://www.gamingisnotacrime.de/
Deine Aufforderung den Angehörigen der Opfer das zu erklären ist denke ich nicht ernst gemeint. Dass emotional schwer betroffene Menschen nicht rational handeln müsste dir doch auch klar sein.
Danke an den ursprünglichen Autor. Weiter so!
Viele Grüße,
Johannes