Literatur verspinswitcht…

Seit letztem Juni – als ich den letzten Schwall am Kurzrezensionen veröffentlicht habe – sammelten sich hier über 40 gelesene Science Fiction Romane an, die ebenfalls einer Beurteilung harren. Was bedeutet, daß ich im Laufe von 6 Monaten im Durchschnitt nur anderthalb SFs pro Woche gelesen habe, also eigentlich ziemlich wenig. Denn von den zunehmend aktiven Verlagen erscheinen gerade viele tolle Romane, darunter auch diverse Erstlinge, die große Leselust bereiten!

Dummerweise habe ich nicht die Disziplin, jeden Roman sofort nach dem Lesen zu rezensieren, was mir die Arbeit ziemlich erleichtern würde. Statt dessen kann ich einfach nicht warten und muß den nächsten aufklappen, kaum daß der letzte fertig ist. Zudem stelle ich fest, daß ich mir die Inhalte nicht mehr so gut merken kann wie früher, als ich ein gutes Buch noch Jahre später nacherzählen konnte. Während es inzwischen passiert, daß ich etwas lese – nur um mittendrin festzustellen, daß ich das betreffende Werk erst vor kurzem schon einmal in den Händen gehalten hatte. Bei einigen Büchern bin ich mir allerdings völlig sicher, daß ich sie hier zum ersten mal bespreche (wie üblich rückläufig nach originalem Erscheinungsjahr geordnet – mit einer Ausnahme zu Beginn).

Der Spinswitcher von Matthias Töpfer (2015) wird von dem Autor, einem Kommunikations-Designer und Illustrator, selbst treffend als ,heiter-ironische Dystopie‘ beschrieben … und auf so eine Kombination muß man erst einmal kommen! Es ist eine spannende Geschichte: Als ein Gehirnforscher in einer parallelen Wirklichkeit auf einen Algorithmus stößt, der ihm Einfluß auf Schicksal und Materie verleihen könnte, wird seine Arbeit von einer unbekannten Organisation zerstört. Nach London geflohen beginnt er, sein Wissen in Form von Programmen für Smartphones zu vermarkten, den sogenannten Wünsch-dir-was-Apps (die auch in unserer Realität sicherlich der Renner wären!). Der sehr lebendig geschriebene und leicht schräge Erstling ist voller fesselnder Actionszenen und amüsanter Dialoge – und erfreut den Leser zudem durch immer neue Wendungen und eine gehörige Portion unterhaltsam verpackte Sozialkritik. Ich hoffe daher sehr auf weitere ,Streiche‘ des Autors.

Das Thema der digitalen Helferlein wird auch noch anderswo behandelt – was insbesondere im Hinblick darauf, daß wir alle bereits tatsächlich in solche Algorithmen eingebunden sind, eine sehr zu empfehlende Lektüre darstellt – weit über den Lesespaß hinaus.

ZERO – Sie wissen, was du tust von Marc Elsberg (2014), Autor des erfolgreichen Buches ,Black Out‘, befaßt sich mit einem interessanten und recht ähnlichen Aspekt der (Fast-)Gegenwart, in welcher die Internetplattform Freenee ihren Nutzern über personalisierte Software ein besseres Leben verspricht – und dieses Versprechen sogar hält. Bei den meisten zumindest. Sie müssen dafür nur 24 Stunden lang ihre Bio- und Sensordaten (inkl. Brillenkamera!) Online zur Verfügung stellen. Doch manchmal scheint die Sache auch ganz böse nach hinten loszugehen, was das Unternehmen natürlich zu vertuschen versucht – mit den in einem ordentlichen Thriller zu erwartenden Resultaten.

Mirror von Karl Olsberg (2016) beschreibt ebenfalls eine digitale Welt, in der individualisierte ,Mirrors‘ ihre Nutzer besser kennen als diese sich selbst. Doch nicht nur die Journalistin Freya bemerkt, daß sich ihr Mirror merkwürdig verhält und sich in ihr Leben einmischt, sogar gegen ihren Willen. Mit der Veröffentlichung ihrer Erfahrungen tritt sie eine ungeahnte Lawine los, die gleichermaßen in der realen wie auch der virtuellen Realität zu Tal geht, und die sie nur mit Hilfe von Hackern und viel Glück überlebt.

Doch nun weiter mit den anderen Titels – die nicht weniger Lesefreude bereiten:

lubbadeh_unsterblich

Unsterblich von Jens Lubbadeh (2016), der bislang eher als Wissenschaftsjournalist bekannt ist, ist ein Debütroman vom Feinsten, der insbesondere Cineasten zu empfehlen ist – geht es in erster Linie doch um die ‚wiedererweckte‘ Marlene Dietrich, was auch das ikonische Cover treffend gut vermittelt. Dies Suche nach dem spurlos verschwundenen digitalen Klon ist für den Versicherungsagenten Kari eine große Herausforderung – deren Beschreibung man als Leser mit größtem Vergnügen goutieren darf.

Die Welten der Skiir 1: Prinzipat von Dirk Van den Boom (2016) ist ein weiterer Start-Band einer weiteren Trilogie, in der es ein weiteres mal um eine von insektoiden Aliens besetzte Erde geht. Diesmal beginnt die Geschichte mit der ,Zeit des Erwachens‘ – als die vollständige Isolation des Planeten (Stichwort: Reeducation) aufgehoben wird, und die Menschen neben ihren Bezwingern die ersten Schritte in die galaktische Gemeinschaft tun – wo ihnen Intrigen, Manipulation und nackte Gewalt begegnen, ganz so, wie es Zuhause einmal war. Packend und intelligent.

Transport 2: Todesflut von Phillip P. Peterson (2016) ist der 2. Band um den auf der Erde entdeckten außerirdischen Transporter. Der zum Tode verurteilte Russell Harris und neun andere Häftlinge hatten als Versuchspersonen für den Teleporter die Chance bekommen, ihr Leben zu retten – und später mit weiteren überlebenden Soldaten und Wissenschaftlern auf dem Planeten New California eine Kolonie gegründet. Sie ahnen jedoch nicht, daß auf ihrer neuen Heimat eine tödliche Bedrohung auf sie wartet. Der 3. Band ist bereits bestellt…

Die Maschine von Andrew Bannister (2016/2016) ist der Auftakt einer weiteren Space-Opera (Die Spin-Trilogie), in welcher es um den Kampf gegen den Oberbefehlshaber der Hegemonie geht, der im Umfeld des ‚Spin‘ stattfindet – und natürlich durch die Entdeckung eines uralten Artefakt (auch so ein SF-Archetypus, der zunehmend auftaucht) gewürzt wird.

Bluescreen: Ein Mirador-Roman von Dan Wells (2016/2016) spielt 2050 im Stadtteil Mirador von Los Angeles und betrifft die virtuelle Droge ‚Bluescreen‘, die einen sicheren Rausch verspricht – tatsächlich aber nur die Oberfläche einer gewaltigen Verschwörung darstellt. Wie die Mirador-Sage um die junge Marisa weitergeht? Vermutlich ebenso professionell – aber hoffentlich mit ein paar neuen, sozusagen nachhaltigen Ideen, die ich bislang nämlich vermisse (verglichen z.B. mit ‚Nexus‘).

Giants: Sie sind erwacht von Sylvain Neuvel (2016/2016) erzählt die Geschichte der kleine Rose, die eines Abends beim Spielen in einer Höhle eine gewaltige Metallhand entdeckt, die sich als vor 6.000 Jahren vergraben erweist. Als dann langsam auch noch die restlichen Teile auftauchen, muß ein Teil der Geschichte der Menschheit neu geschrieben werden – die diese Giganten gehörten bislang nicht dazu. Es bleibt spannend, wie die Geschichte, die in Form von Befragungsprotokollen aufgerollt wird, weitergeht.

V oder die Vierte Wand von Anja Kümmel (2016) gehört eher zu den Hard-Core-SFs, deren Lektüre fast schon abschreckt. Ich weiß auch nicht, was für ein besonderes Stilelement das sein soll, ständig Sätze abzuhacken und zudem unverständlichen Code einzubauen, was beides unglaublich ermüdet und dem Lesen fast jeden Spaß nimmt. Ganz abgesehen davon, daß man sowieso nichts versteht. Schade.

Luna von Ian McDonald (2015/2016) ist der gewaltige Beginn einer Saga um den Mond, welcher den Menschen schon lange zu einer zweiten Heimat geworden ist. Beherrscht wird er von den ,Fünf Drachen‘, ethnisch unterschiedliche Dynastien, die sich mehr oder minder arrangiert und ihre Macht auf den jeweils von ihnen geleiteten Wirtschaftssektor beschränken. Wären da nicht diverse, sich mehrfach überkreuzende Interessen und -gruppen, die sich damit nicht abfinden wollen. Zumindest dieser erste Teil endet jedenfalls in einem gewaltigen Desaster.

New Sol von Margaret Fortune (2015/2016) ist ein weiterer Debüt-Roman, für den man sich erwärmen kann. Die aus einem Kriegsgefangenenlager freigelassene Lia Johansen wird auf die Raumstation New Sol gebracht, um diese als genetisch gezüchtete Bombe in die Luft zu jagen. Der spannende Kampf gegen den ‚inneren Timer‘, auf den Lia keinen direkten Einfluß hat, liest sich sehr gut.

Quantum von David Walton (2015/2016) ist ein Thriller um die Entdeckung von ‚Qantenintelligenzen‘, die in der Lage sein sollen, die Realität zu manipulieren. Ein Leckerbissen für Physik-Fans mit Spaß an etwas Horror.

Das lange Utopia von Terry Pratchett und Stephen Baxter (2015/2016) ist der bereits 4. Band der Endlos-Geschichte um die Lange Erde. Die zwar lustig weitergeht… aber irgendwann einmal nur noch öde wirkt,m egal wieviele zusätzliche Wendungen die Autoren einbauen. Klar, voll-professionell geschrieben, aber nichts wirklich Neues mehr.

Red Rising – Im Haus der Feinde (2015/2016) und Tag der Entscheidung von Pierce Brown (2016/2016) sind der 2. und (gnädigerweise) 3. und letzte Teil der Geschichte um den Aufstand der ‚Roten‘ (den unterhalb der bereits terraformten, ihnen jedoch verbotenen Oberfläche tätigen Mars-Proleten) gegen die ‚Goldenen‘ (der fast übermächtigen Herrscherdynastie des Sonnensystems), bei welcher der Held zwischen den einzelnen Verfolgungen, Kämpfen und Fluchten, zwischen tiefster Niederlage und höchstem Sieg, kaum dazu kommt, auch nur einmal tief Luft zu holen. Und der Leser ebensowenig. Ein paar weniger der immer wieder gnadenlosen Wendungen hätten der Trilogie gut getan.

Galaktische Mission von John Scalzi (2015/2016) ist der 6. Band seiner ,Krieg der Klone‘-Saga, in der es netterweise einmal nicht primär um martialische Waffennarren und den Einsatz ihre Megakracher geht – sondern um ein kleines, leicht schräges Diplomatenteam das versucht, Schwierigkeiten schon im Vorfeld aus dem Weg zu räumen, was recht vergnüglich zu lesen ist. Ich werde mir gelegentlich die anderen Bände zulegen, um mir den gesamten seriellen Genuß zu leisten, auch wenn es bei den Vorgängern um andere Protagonisten ging.

Im Schatten des Saturn von Greg Bear (2015/2016) ist der 2. Band der War-Dogs-Trilogie, in welcher die Menschheit von Außerirdischen mit fortschrittlichen Technologie ausgestattet wird… um letztlich für diese gegen andere Aliens zu kämpfen. Nach dem Mars geht es diesmal um den Saturnmond Titan, auf dem eine Lösung für das Rätsel um den Ursprung des Lebens im Sonnensystem gefunden werden soll.

Alien Wars – Sonnenschlacht von Marko Kloos (2015/2016) ist der bereits 3. Band über den Krieg zwischen Lankies und Menschheit, Military-SF, die ich nicht besonders mag. Weshalb ich den 2. Band, anscheinend ohne es zu bemerken, übersprungen habe.

Earthborn: Die brennende Welt von Paul Tassi ist der erste Roman (Earthborn-Chroniken 1) (2015/2016) einer Trilogie, die quasi nach der Dystopie beginnt – denn die Atmosphäre der Erde ist bereits verbrannzt, und die einzige Hoffnung zu überleben, bietet ein defektes Raumschiff der außerirdischen, inzwischen wieder abgezogenen Angreifer. Da ein Hinterlassener dieser Aliens aber schon an der Reparatur arbeitet, bleiben Konflikte nicht aus. Eine Art Neuauflage von ‚Enemy mine‘.

Venus siegt von Dietmar Dath (2015/2016) erzählt die futuristische Geschichte des Sozialismus auf der Venus aus der Perspektive eines Elitenkindes – manchmal etwas langatmig, gleichzeitig aber hoch interessant, denn im Grunde geht es um die Fragen des gleichwertigen (?) Zusammenlebens von Menschen, Robotern und Künstlichen Intelligenzen. Ein anspruchsvolles Thema, das in einem ebenfalls anspruchsvollen Buch ausführlich und aus vielen Blickwinkeln behandelt wird. Für Kenner des Genre eine Empfehlung, für andere könnte es eher abschreckend wirken.

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten von Becky Chambers (die Tochter einer Astrobiologin und eines Luft- und Raumfahrttechnikers!) (2014/2016) ist ein liebenswerter SF-Erstling (dorch eine Kickstarter-Kampagne finanziert!), der eine tolle Vorlage für einen ‚Serenity‘-Film wäre, da er wesentlich phantasievoller und spannender daher kommt. Erfreulicherweise soll die Autorin bereits an einer Fortsetzung schreiben.

Lagune von Nnedi Okorafor (2014/2016), das Debut einer in den USA aufgewachsenen Nigerianerin, ist eine besondere Empfehlung wert – denn SF aus Afrika ist noch immer rar gesät. Eine größere Liebeseklärung an die andere Heimat – in diesem Fall Lagos – kann man wohl kaum machen, als die erste Landung außerirdischer Intelligenzen ebendort stattfinden zu lassen – was zu mannigfaltig bunten, wirren, lebendigen und chaotischen Resultaten führt. Wozu man wohl ‚typisch afrikanisch‘ sagen darf – mit einem Augenzwinkern.

Peripherie von William Gibson (2014/2016) habe ich mir ausnahmsweise schon als Hardcover gekauft – überaus froh darüber, daß er endlich in deutscher Übersetzung erschienen ist. Ein Geschehnis namens ‚Jackpot‘ hat Ende des 21. Jahrhunderts einen Großteil der Menschen hingerafft. Flynne, die in der Zeit davor lebt und ihr Geld in einem 3D-Kopierladen verdient, erhält innerhalb eines Computerspiels – wie sie zuerst annimmt – Kontakt zu Wilf, der aber tatsächlich nach dem Jackpot lebt und in ziemlichen Problemen steckt. Woraus sich eine mitreißend geschriebene Story entwickelt, die man nur in höchsten Tönen loben kann.

Der Aufstieg Manticores: Im Namen der Ehre von David Weber und Timothy Zahn (2014/2016) ist der Auftaktband zu einer neuen Serie im sogenannten ‚Honor-Harrington-Universum‘, die ebenfals der Military-Science-Fiction zugeordnet werden kann. Der Rekrut Travis Long stellt fest, daß sein Dienst nicht das ist, was er sich vorgestellt hat. Die Disziplin auf der altersschwachen Raumflotte läßt aber auch zu wünschen übrig, und gegenüber Bedrohungen, die sich abzuzeichnen beginnen, ist sie auch nicht gewappnet. Woraus sich eine lange, lange Geschichte entwickeln könnte.

Dark Space – Der unsichtbare Krieg von Jasper T. Scott (2014/2016) ist der zweite Band der actionreichen Saga, der ebenso wie sein Vorgänger gut und rasant geschrieben ist, aber nicht wirklich mit neuen Ideen aufwartet.

unfehlbar (kein Tippfehler) von Bruce McCabe (2014/2016) ist ein Replikanten-SF mit einer Vielzahl jener Elemente, die uns schon aus ‚Bladerunner‘ bekannt sind. Die Verschwörung ist zwar vielschichtig, und der getriebene, bald auch selbst verdächtigte, Ermittler Masden zeigt menschliche Schwächen, doch der Plot erweist sich dann doch ein wenig dünn. Trotzdem gut zu lesen.

Meer der Dunkelheit von James L. Cambias (2014/2016) spielt in den dunklen Tiefen eines extraterristrischen Planeten, wo ein Team menschlicher Wissenschaftler eine Gruppe intelligenter, blinder Meereskreaturen studiert, die ein interessantes Sozialverhalten aufweisen und auch technologisch ziemlich fortgeschritten sind, indem sie Geothermalquellen zur Energieversorgung und Nahrungsmittelbeschaffung nutzen. Die quasi ‚unsichtbare‘ Existenz der Forscher geht katastrophal schief, als ein Teammitglied in die ‚Hände‘ der Einwohner fällt und verstirbt. Das Ergebnis ist eine spannend aufgebaute und gut zu lesende Interessen-Kollusion.

Die Leben des Tao von Wesley Chu (2013/2016) ist der Auftakt einer Trilogie, in der sich Roen, ein durchschnittlicher Nerd, zum Top-Geheimagenten mausert – wie es in der Beschreibung so schön heißt. Tatsächlich wird et von einem Alien besessen, dessen Rasse vor vielen Millionen Jahren auf der Erde gestrandet ist – hier aber nur innerhalb von biologischen Wirten, also im besten Fall von Menschen, überleben kann. Angeleitet von Tao beginnt ein Reigen aus Action und Abenteuern, die zwar amüsant zu lesen, aber dennoch auf einer ziemlich dünnen Unterlage aufgebaut sind. Oder es sind noch nicht alle Geheimnisse aufgedeckt. Schauen wird mal, wie es weitergeht.

Zero – Kadett der Sterne von Sara King (2013/2016) ist eine Art ‚Panem-Tribute‘ im All – und eher was für Jungs, denn nachdem feindliche Aliens die Erde in Trümmer gelegt haben, zwingen sie die unterlegenen Menschen, den erstgeborenen Sohn einer jeden Familie ,abzuliefern‘, um in ihrer Armee zu dienen. Die Geschichte von Rekrut Joe Dobbs, der aus Gehässigkeit von seinen extraterristrischen Ausbildern nur Zero genannt wird und an erster Stelle Rache nehmen will, ist ein andauernder Kampf (von Kindern, sic!), der in zwei Folgebänden weitererzählt wird. Recht interessant beschrieben sind allerdings die Inter-Spezies Interaktionen, ich bin daher gespannt darauf, wie sich Zero weiterhin so schlägt.

Darwin City: Die Letzten der Erde von Jason M. Hough (2013/2016) spielt ebenfalls 200 Jahre nach einer großen Katastrophe, bei der eine außerirdische Seuche den Großteil der Menschheit ausgelöscht hat. Geschützt leben kann man nur noch in unmittelbarer Umgebung eines Weltraumaufzugs im australischen Darwin, den Außerirdische installiert und dann zurückgelassen haben. Interessanterweise so, daß viele Ebenen in unterschiedlichen Orbits von Menschen besiedelt werden können, die dort inzwischen sogar schon ausgedehnte Landwirtschaft betreiben. Als nun Hinweise entdeckt werden, daß die Erbauer zurückkommen, beginnt ein Abenteuer – das (natürlich) nur der ersten Teil einer Trilogie darstellt.

Die Analphabetin, die rechnen konnte von Jonas Jonasson (2013/2013) ist eigentlich kein richtiger SF – aber so phantastisch und lustig, daß er hier unbedingt empfohlen werden soll. Die Geschichte der hochintelligenten Nombeko und ihrem Weg aus einem Slum in Südafrika bis zum Rechengenie, welches das Schicksal der Welt in den Händen hält, ist unbedingt lesenswert.

Okular von Alastair Reynolds (2012/2016) ist ebenfalls der erste Band einer Trilogie (Poseidons Children), der mit seinen gut 800 Seiten einiges an Durchhaltevermögen erfordert. Auch hier geht es um ein Artefakt, das allerdings auf dem Mond entdeckt wird – während sich Afrika zur Supermacht Nr. 1 entwickelt hat. Interessant genug, daß ich die Folgebände mit Spannung erwarte.

Clone Rebellion 6: Imperium von Steven L. Kent (2010/2016) ist der bereits 6. Band der Geschichte der Erde im Jahr 2514, da die Menschen schon alle sechs Arme der Milchstraße bevölkern. Knallbumms-SF, bei dem es mir nicht unbedingt schade ist, die ersten 5 Bände ignoriert zu haben.

Affinity Bridge von George Mann (2008/2013) gehört eher zu den Steampunk-Romanen im britischen Stil, bei denen Ermittler Sir Maurice Newvury und seine schlagfertige Assistentin Veronica Hobbes im London des Jahres 1901 ähnliche Geschichten erleben, wie (Zeitalter später) Diana Rigg und Patrick Macnee in ,Schirm, Charme und Melone‘. Liebeswert sind die Luftschiffe, Dampfloks und revolutionären magischen Erfindungen – und natürlich die regierende Queen Victoria, die hier schon halb Mensch, halb Maschine ist.

Das Ende des Regenbogens von Vernor Vinge (2007/2016) erzählt mit Humor und Verve die Geschichte des drastisch verjüngten Weltnivau-Poeten Robert Gu, der nach 20 Jahren in der Stasis plötzlich mit einer durchdigitalisierten Welt ohne Bücher zurechtkommen muß – und zu seinem Entsetzen auch noch feststellt, daß die Verjüngung sein Talent hat verschwinden lassen. Sehr menschlich, sehr unterhaltsam, sehr empfehlenswert.

Andere Himmel von China Mieville (2006/2007) ist dessen erste Kurzgeschichtensammlung mit sehr unterschiedlichen Stories, von denen viele schon das spätere Romantalent des Autors erahnen lassen.

Alexanders langes Leben, Stalins früher Tod (1999), Herausgegeben von Erik Simon, gehört zu den alten Büchern aus meiner Bibliothek, zu denen ich von Zeit zu Zeit auch wieder komme. Was im vorliegenden Fall auch sinnvoll ist, denn diese intelligent zusammengestellte Sammlung von Kurzgeschichten paralleler, hypothetischer geschichtlicher Entwicklungen ließt sich äußerst vergnüglich – wobei es in einigen Fällen wirklich bedauerlich ist, daß es sich nur um Fiktionen handelt. Wie beispielsweise der ‚Weltstaat‘ auf Grundlage eines siegreichen Vatikan, der bereits 1925 damit beginnt, Orbitalstationen zur Versorgung mit Energie in die Umlaufbahn zu bringen – was aber nur eine der überraschenden Wendungen ist, die geschehen wären, wenn…

Niemalsland von Neil Gaiman (1996/2016) wird als ,Urban Fantasy‘ beschrieben – was treffend ist, denn die Geschichte spielt in London. Von dem es auch eine ‚untere‘ Version gibt, ein völlig eigenständiges Reich, in welchem sich neben Menschen auch noch viel anderes befindet, daß sich oben nicht blicken läßt. Jedenfalls meistens nicht. Die Abenteuer des farblosen Angestellten Richard, der einem verletzten und verfolgten Mädchen namens Door hilft – und sich folgerichtig in dessen Leben verwickelt – macht großen Spaß, auch wenn es manchmal ziemlich heftig zur Sache geht. Und manch einen davon abhalten könnte, die Londoner U-Bahn zu nutzen.

Projekt Luna von Algis Budrys (1960/2016) gehört tatsächlich zu den Meisterwerken der Science Fiction – wie die Heyne-Reihe heißt, in welcher das Buch neu erschienen ist. Es gehört zu den utopischen der Romanen meiner Jugendzeit, die ich nie vergessen habe, so eindringlich seltsam, erschreckend und spannend, wie die Versuche beschrieben werden, den Weg durch ein Labyrinth auf dem Mond zu finden, das anscheinend von Aliens hinterlassen wurde.

Science Fiction Hall of Fame 1: Die besten Storys 1934–1948, Herausgegeben von Robert Silverberg (2016), ist ein begrüßenswerte Arbeit des Berliner Golkonda-Verlags, der in seiner neuen Reihe diese Kurzgeschichten-Perlen der namhaftesten Autoren jener Zeit wieder zugänglich macht. Was zu überraschenden Einsichten führt, wie die Erwähnung von Elektro-Taxis im Jahr 1934 (,Abenddämmerung‘ von John W. Campbell, Jr.), deren Strom von einem großen, zentralen Sender ausgestrahlt wird (!), oder Sonnenenergie-Transformeren (‚Die Straßen müssen rollen‘ von Robert A. Heinlein, 1940).

Apropos: Ein schönes neues Jahr wünsche ich!

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