Wadi Barada… mal anders

Nachdem die Terroristen die Wasserversorgung von Damaskus unterbrochen haben, um Druck auf die Regierung auszuüben, ist plötzlich das Barada-Tal in aller Munde. Was mich daran erinnert hat, dort auch schon einige Abenteuer erlebt zu haben. Zum Beispiel dieses:

Unfall im Wadi Barada, Syrien 1968

Ayman zählt den Countdown herunter. Er ist derjenige, der eine Uhr hat. Und fahren lasse ich sowieso niemand anderes. Immerhin ist es der Kadett meiner Eltern, den ich wie fast jede Nacht stibitzt habe. Wenn also jemand einen Unfall baut, dann ich. Die Chancen dafür stehen fifty-fifty, denn ich habe keinen Führerschein und muß daher jeder Kontrolle entkommen. Das hört sich aber alles viel dramatischer an, als es ist, denn zum einen kann ich wirklich gut Auto fahren. Schließlich hatte ich mich vom meinem Vater korrumpieren lassen, um schon mit 16 einen kompletten Fahrkurs zu machen. Eigentlich wollte ich mir – irgendwie – ein Motorrad besorgen, doch davor hatte mein Alter dermaßen Panik, daß er mir das Angebot mit dem Fahrlehrer machte, wenn ich auf das Zweirad verzichten würde. Ich habe nie herausbekommen, was der Grund seiner Manie war, aber das Geschäft stand. Er sagte mir, daß ich bei gemeinsamen Fahrten außerhalb der Stadt dann auch ans Steuer dürfe. Allerdings bin ich mir sicher, daß er auch von meinen nächtlichen Spritztouren wußte, was ich bei meiner Mutter genauso sicher ausschließe. Und da mein Vater im Moment sowie auf einer Geschäftsreise ist, sitze ich entspannt hinter dem Lenker, höre Ayman …vier, drei, zwei, eins und LOS! rufen, knalle die Kupplung rein und wir zischen ab wie eine Rakete.

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Nicht unser, aber ein gleichartiges Fahrzeug Kadett B

Startpunkt ist die Einfahrt in das enge Barada-Tal, durch das neben der Straße auch noch eine mehrfach kreuzende Schmalspurstrecke führt. Links davon fließt der verschmutzte Barada, und am rechten Hang sind in unterschiedlicher Höhe zwei oder drei schmale Kanäle, die es schon seit römischen Zeiten gibt. Heute führen sie das Wasser nur noch zu Plantagen, früher haben sie auch als Trinkwasserleitungen gedient. Es ist exakt Null Uhr, und ich will unbedingt herausfinden, wie schnell ich es über die gewundene Straße zum Al-Qasr schaffe, einem der angesagten modernen Nachtclubs, der in eine Flanke des Tals eingebaut ist. Es sind nur ein paar Kilometer weit in Richtung Beirut. Und unter einem modernen Nachtclub versteht man die seit jüngstem in zunehmender Zahl entstehenden Etablissements, in denen keine arabische Musik mehr gespielt wird, samt Bautanzmädchen und Shishas – sondern westliche Klänge, zu denen man selbst tanzte. Ich kannte solche Läden aus den Ferien in Berlin, am Nachmittag kam man sogar mit knapp 16 ins New Eden hinein.

Aber ich lebe nun einmal in Damaskus, und so ist es ein Segen, daß mehr und mehr Geschäftsleute und Gastronomen die Zeichen der Zeit beherzigen. Meistens ist das Ergebnis eine Mischung aus Nachtbar und Tanzfläche, die Musik ein Mix aus Tom-Jones-Schulzen und Abba. Doch letztlich hatte das Damaszener Cave du Rois (das berühmtere ist in Beirut) eine britische Rockband engagiert – wohl versehentlich, denn die hatten Haare bis zur Taille! Ich war selbstverständlich fast jede Nacht da, wenn es mir gelang, für weibliche Begleitung zu sorgen – denn ohne diese kam man nicht rein. Was aber völlig richtig war, denn sonst wäre der Laden vor ‚Glotzern’ aus den Nähten geplatzt, die noch nie im Leben ein Mädchen hatten richtig tanzen sehen, und schon gar keine so schnuckelige, wie unsere ‚Internationale der Miniröcke‘.

Diese Nacht ging es aber ins Al-Qasr, wo zwar keine Band spielte, der Plattenstapel des Haus-DJs aber ziemlich aktuell war. Es gab so etwas wie eine gemischte Clique, mit der ich mich manchmal herumtrieb, und ich erwartete, sie heute Nacht dort zu finden. Einige Ausländer, meistens die Kinder der hier ansässigen Diplomaten und so weiter, dazu ein paar Syrer aus den unterschiedlichsten Ethnien dieses bunten Landes. Mischlinge wie mich selbst gab es kaum.

Inzwischen bin ich auf über 100 km/h, muß aber etwas abbremsen, weil es Gegenverkehr gibt. Ansonsten ist die tagsüber stark befahrene Strecke ziemlich leer. Ayman und ich reden nicht viel, aber das haben wir noch nie gemacht, obwohl er mein erster und ältester Freund ist. Außerdem muß ich mich auf die Straße konzentrieren. Es geht ein ansteigendes Stück geradeaus, doch genau auf dem Kamm kreuzt die Bahnlinie, während die Straße eine fast eckige Rechtskurve macht. Ich kenne die Strecke gut. Als der Wagen oben ankommt und ein wenig abhebt, habe ich das Lenkrad schon eingeschlagen, und wir rasen eine kurze Strecke und… oh nein…!!!

Die Linkskurve, etwa 50 m vor uns, glänzt im Scheinwerferlicht. Einer der oberen Nebenflüsse ist anscheinend übergelaufen und hat mit seinem schlammigen Wasser die Straße überflutet. Ich versuche noch zu bremsen, aber keine Chance, wir schießen schon in die Brühe hinein, die wie Schmierseife wirkt. Mein Körper reagiert schneller, schafft irgendeine Art Stotterbremsen. Vor den Augen habe ich im Abstand von einer halben Sekunde oder weniger, mal die gemauerte Steinwand der rechten Seite, mal die dunkle Seite des Flusses links, der ein paar Meter tiefer liegt. Schutzplanken gibt es keine. Der Wagen pendelt sich durch die Kurve, glitscht regelrecht hindurch. Es ist unglaublich, aber wir sind noch immer mitten auf der Straße, als wir aus der Kurve kommen, allerdings schwankend wie ein Kahn bei Windstärke 12. Ich kann es nicht fassen, daß wir weder gegen die Wand geprallt, noch in den Fluß gefallen sind, doch dann passiert etwas, das man noch weniger erklären kann, wenn man nicht an Schutzengel glaubt.

Es geht alles viel zu schnell und das Schwanken nimmt zu, bis sich der ganze Wagen plötzlich auf die Seite stellt. Der Opel Kadett a ist vermutlich das einzige Fahrzeug, mit dem man ein solches Abenteuer unbeschadet überstehen kann. Denn als der Wagen kippt, woraufhin Ayman über mir zu sitzen kommt und sich krampfhaft festhalten muß, um nicht auf mich drauf zu fallen, wie er mir später erzählt, rollt der Kadett nicht aufs Dach, sondern rast einfach weiter, eine Kiste auf Schlittschuhen. Die Kufen sind der Türgriff der Fahrerseite sowie die Chromköpfe der vorderen und hinteren Stoßstange. Als sich der Wagen dann noch um 180° in Fahrtrichtung dreht und auf der Gegenfahrbahn mit den Rücklichtern voraus weiter schliddert, während aus dem Türgriff neben mir meterlange Funkengarben schießen, kann ich nichts mehr tun. Und da überkommt es mich: Ich fühle unbändige Freude über den glimpflichen Verlauf des endlich geschehenen Unfalls, klatsche begeistert und schreie „…es ist passiert, es ist passiert!“ Gleichzeitig beobachte ich mein Hirn, das versucht, sich bildlich vorzustellen, was wohl der Fahrer eines Wagens sehen würde, der uns gerade entgegenkommt: Zwei übereinander leuchtende rote Punkte vor einem dunklen Etwas, das nach hinten Licht strahlt und auf einem Funkenteppich auf ihn zurast. Dank Allah gab es diesen Fahrer nicht, möglicherweise wäre er vor Schreck selbst in den Fluß gefahren.

Endlich steht die Karre. Der Motor ist aus, und es stinkt nach Benzin. Ich scheuche Ayman aus der oberen Luke heraus und klettere ihm nach. Es gibt nichts daran zu deuteln, der Wagen steht hochkant. Es ist ruhig, nur das Metall knackt, der Fluß ist kaum zu hören. Und auch jetzt haben wir Glück. Der Kadett wiegt ja nur 670 kg. Auf eins, und zwei, und drei bringen wir ihn zum Schaukeln – und kippen ihn wieder auf die Räder, wobei er noch ein wenig hoppelt. Bis zur Böschung sind es kaum mehr zehn Zentimeter. Ein Hopser zuviel, und … ich will jetzt nur noch schnell weg hier, bevor irgendein anderes Auto kommt. Immerhin stehen wir schon in der richtigen Richtung. Der Rekordversuch und das ganze Al-Qasr können mir gerade gestohlen bleiben. Also nichts wie rein in den Wagen.

Auf der Fahrerseite kann ich nicht mehr einsteigen, vom Türgriff ist ein guter Zentimeter wie abgeflext. Fast mache ich auf der Rückfahrt noch einen Unfall, weil ich nur noch schnell nach Hause kommen will. Zuerst setze ich Ayman ab, er wohnt um die Ecke, dann stelle ich den Wagen wieder in unsere Einfahrt, etwas schräg, unordentlich. Ich schleiche mich in die Wohnung, packe die Schlüssel zurück und schlafe irgendwann ein. Bis mich meine Mutter weckt: „Achmed, Achmed… komm, die haben heute Nacht unser Auto geklaut!“ Aber da ist es schon morgens. Schimpfend umrunde ich den braven Kadett, während meine Mutter streng logisch alles erklärt: „Da, schau – die müssen an einer Wand entlang gefahren sein. Und dann haben sie Angst bekommen und den Wagen zurückgebracht!“ Jawohl, Mama. Laut schimpfe ich etwas herum, dann rufe ich Mumtaz an, damit wir mit dem Wagen in die Werkstatt fahren. Der Mechaniker wechselt kopfschüttelnd den Türgriff und die Halteschrauben der Stocßstangen aus, mehr ist nicht nötig.

Ich denke, da waren ganze Bataillone an Schutzengeln tätig, in jener Nacht…

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