vondigitalkonzentrat 27.08.2018

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Schöne neue digitale Welt? Ein Blog über Digitalisierung, Netzkultur, Bürgerrechte – und ohne Buzzwords.

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Hat dein Smartphone eine Wählscheibe? Nicht? Wenn man das Smartphone aber mit dem selben Ansatz konstruiert hätte, wie man zuweilen die Digitalisierung angeht, dann hätte das gute deutsche Smartphone die allertollste bunt leuchtende digitale eWählscheibe aller Zeiten. Denn aus Papier macht man eben nunmal das ePaper und ist dann ratzfatz fertig mit dem Fortschritt. Dinge der gegenständlichen Welt werden digital nachgebaut. Und das ist aus mehreren Gründen sehr schlecht.

Digitale Ledermappen sind von gestern

Skeuomorphismus nennt man es, wenn ein Designer ein Material imitiert, um damit den entworfenen Gegenstand vertrauter zu machen. Software-Designer hatten damit Jahrzehnte ihren Spaß. Der legendäre MP3-Player WinAmp imitierte beim Abspielen von schlechtem 90er-Eurodance die Knöpfe und Equalizerregler einer Stereo-Anlage. Der Podcastplayer im iPhone hatte lange Zeit eine sich bewegende Animation eines Magnetbandes. Das Adressbuch von Apple OS X war ein aufgeschlagenes Buch mit einem ledernen Einband. Schön, aber unnütz.

Das alles hat einen hauptsächlichen Zweck erfüllt: Die Benutzerin und der Benutzer haben auf der leuchtenden Bildschirmoberfläche jene Dinge wiedergefunden, die man seit Jahrzehnten kannte. So haben sich Softwareentwickler in der ersten Digitalisierungswelle die einfache Zugänglichkeit ihrer Apps ergaunert.

Android hat diese Unart nie mitgemacht, Apple hatte sie mit iOS 7 vor fünf Jahren zu Grabe getragen. Und das völlig zurecht. Wenn man krampfhaft digitale Konzepte in gegenständliche Analogien packen muss, dann limitiert das die Anwendung und die Sicht auf die Daten massiv. Denn die alten Denkmuster für der realen Welt mussten sich vor allem um Limitierung bemühen, in der Regel räumliche und zeitliche. Es passen eben nur eine bestimmte Anzahl von Wörtern auf eine papierne Zeitungsseite und nur zwei Draufsichten auf die Strichzeichnung in Din A2.

Mit dem alten Nadeldrucker ins digitale Zeitalter

Die Digitalisierung aber erschließt ein komplett neues Feld an Methoden und macht Informationen in einer noch nie dagewesenen Art zugänglich, ohne dabei die selben Grenzen wie die reale Welt einzufordern.

Und reihenweise fällt die Old Economy darauf rein, an alten Konzepten festzuhalten und diese ins Digitale zu übertragen. Was früher ein Papier war, ist heute ein digitales Papier oder ePaper. Ein Prozess, der früher seriell mit einem durch die Abteilungen wandernden Klemmbrett funktionierte, ist auch in der digitalen Welt seriell — auch wenn es zigmal schneller wäre ihn zu parallelisieren und neu zu denken.

Mir und Millionen anderen Arbeitnehmern und -gebern stellt die Old Econony Firma DATEV Gehaltszettel nur als PDF bereit. Die Digitalisierung bestand darin, dieses archaische Papiermonster als PDF-Monster ins Internet zu stellen. Inklusive Schrift in fester Breite. Wo ist bitte der Nadeldrucker, mit dem ich dieses Ding auf meinem iPhone ausdrucken kann? Und überhaupt hat ein Smartphone sicherlich kein A4-Format. Besser und richtig wäre es, die Daten nativ in einer App darzustellen. Frei sortierbar, filterbar. Vielleicht sogar mit einer interaktiven Visualisierung, wie viele Steuern und Sozialabgaben man zu bezahlen hat.

Weiteres Beispiel: Daten für Konstruktion, Architektur und Fertigung werden immer noch großteils als Zeichnung kommuniziert, obgleich ein digitales 3D-Modell sowohl für den Endverbraucher als auch für die Mitarbeitenden in der Produktionskette einen unglaublichen Mehrwert bieten würde. Die digitale Welt ist nicht darauf limitiert, Informationen des dreidimensionalen Raumes auf Papier darzustellen. Und dennoch tut man genau das, bis hin zur Ikea-Aufbauanleitung für das wacklige Wandregal. Und das, obwohl jeder ein 3D-fähiges Smartphone mit sich herumträgt.

Noch weniger Sicherheit als eine Bleistiftunterschrift

Wirklich kritisch wird eine falsche Analogie in die reale Welt dann, wenn sie die Sicherheit verringert und gefährdet. Inzwischen gibt es seit fast 60 Jahren sichere kryptografische Verfahren, um mathematisch bewiesen unknackbar Informationen digital zu signieren. Diese Unterschrift hat nichts mit einem Stift und Papier zu tun, sondern funktioniert nur mit Daten. Und dennoch: Reihenweise malen Benutzer ihre Unterschrift digital in eine PDF, um ihr überteuertes nächstes Smartphone zu shoppen oder um ein DHL-Paket zu empfangen. Nichts ist einfacher zu fälschen als jene handvoll Pixel. Da wäre eine Unterschrift mit Bleistift auf Papier noch hundertmal besser.

Analogien haben auch dort massive Schwierigkeiten, wo sie Integrität und Sicherheit vorgaukeln, wo keine sind. Ein Text auf Papier kann nicht einfach geändert werden – der Inhalt eines „ePaper“ ohne kryptografische Signatur ist mit wenigen digitalen Handgriffen verfälscht, verändert oder zensiert. Die Telefonnummer auf einer papiernen Karteikarte kann im Reißwolf endgültig vernichtet werden. Der Adressbucheintrag im synchronisierten Smartphone liegt komplett unter der Fremdbestimmung von Google, Apple und Co. Diese Diskrepanzen entstehen erst gar nicht, wenn man die Analogie zum Gegenstand nicht bemüht und die Dinge beim neuen Namen nennt.

Neue digitale Konzepte sind originär und haben kein Analogon in der gegenständlichen Welt. Man kann von der echten Welt lernen, darf sie aber nicht überlegt kopieren. Das müssen wir verstehen und akzeptieren. Das Digitale ist keine Übersetzung, kein Abbild und kein Nachbau. Sondern es ist eine alternative Methode – losgelöst von der gegenständlichen Welt. Vielleicht eine bessere, vielleicht eine schlechtere

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